Vorbilder.

Letztens lief, als ich nachts mit dem Fahrrad heimwärts fuhr, für eine ganze Weile ein Großstadtfuchs neben mir her. Er hatte irgendetwas Plastiktütenähnliches in der so beeindruckend spitzen Schnauze und ein bestimmtes Ziel vor Augen, blickte nicht links, blickte nicht rechts, schleppte die Stadt als Beute nach Haus, trippelte mondän und doch verschmitzt, er war ganz die Goldenen Zwanziger, mit Bretterzaunlückendreck in der weißen Stola, verschlagen, gewaschen, vergaunert, eine Friedrichstadtpalasttänzerin nach Vorstellungsende beim Bühnenausgang, Kippe rauchend. Er wirkte ausgesprochen zufrieden.

Ich, strampelnd, hatte plötzlich ein Gefühl von Segelbootgleiten und Komplizenschaft und sofort gute Laune.

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Geflügeltes. (und ein Ablenkungsmanöver aka Filmtipp)

Ich komme nach Hause, denk mir nix, (also, ich denke natürlich schon was. Aber nicht an das, was jetzt kommt), da passiert, als ich an der offenen Kinderzimmertür vorbeigehe: ein Fremdgeräusch. Aus dem Kinderzimmer. Ein ziemlich lautes, ziemlich fremdes Fremdgeräusch.

Ich erschrecke derart phänomenal, dass sich all der kalte Schreck in einem formidablen “Huch!” entlädt.

(Das mit dem “Huch!” ist so eine Sache. Ich finde “Huch!”s im Allgemeinen dermaßen unzeitgemäß, dass sie – außerhalb von Jane Austen Verfilmungen – in ihrer Platzverfehlung bis an die Grenzen hin zur Lächerlichkeit stoßen, falls, ja, FALLS der Huchsager nicht gerade gehäkelte Sommerhandschuhe trägt. Aber die Leute tragen keine gehäkelten Sommerhandschuhe mehr, was zu bedauern ist, und deswegen sagen sie auch nicht mehr “Huch!”. Sie sagen “Fuck”, “Shit”, “Damn”, oder “FuckShitDamn”, wenn sie Anglizismen meiden, sagen sie “Leck”, “Ja, geh leck!”, “Leck mich”, “Da leckst mich”, “Leck mich am Arsch” oder “Da leckst mich am Arsch!” – aber sie sagen keinesfalls mehr “Huch!”)

(Ich trage keine gehäkelten Sommerhandschuhe, aber ich sage trotzdem “Huch!”. Irgendwann hat es sich eingeschlichen und jetzt geht es nicht mehr weg. Jetzt passiert es mir an allen Ecken, auch in der Öffentlichkeit, der ungeschützten, sogar auf der Straße. Ja! Es ist unangenehm, wenn ein Müllmann gerade einen gegelten, geföhnten, hemdkragenhochgestellten, segelclubkarteninhabenden Mercedesfahrer anpöbelt, weil dieser wiederum pöbelt (der Mercedesfahrer pöbelt natürlich anders, er pöbelt gegelt und durch die Nase und wedelt dabei mit seinem wildledernen Mercedesschlüsselanhängertäschlein), dass ihm die Müllmänner im engen Durchzwang zum Müllauto mit den Müllcontainern Kratzer in den fetten, geldfarbenen Autolack geschrabt haben, und der Müllmann pöbelt also zurück, lautstark, um das Arbeiten des Müllautos zu übertönen: “Dit kommt davon, wenn man sich inne Einfahrt stellt!” und zeigt dabei mit seinem dreckstarren Handschuh auf das deutlich zu sehende EINFAHRT FREIHALTEN Schild -

(bei uns hält niemand mehr eine Einfahrt frei. Die Hausmeister sind schon dazu übergegangen, Tage vor Müllabfuhrtermin die Müllcontainer auf die Parklücken zu stellen zwecks Lückenreservation, eigentlich sollten die Müllcontainer praktischerweise gleich auf der Straße stehen bleiben, dann können auch endlich diese bescheuerten Einfahrt-Freihalten-Schilder weg, weiß eh keiner, wozu die da sind) (ich bin nur deshalb so echauffiert, weil man nicht nur mit Müllcontainern, sondern auch mit dem Fahrrad nicht mehr zu den Häusern durchkommt. Von Kinderwägen ganz zu schweigen.  Mit dem Fahrrad fahr ich oben, wenn ich einbiege, nicht mehr auf der Straße, sondern gleich auf den Gehsteig. Damit ich es an die Haustür schaffe.)

So und jetzt pöbelt also der Müllmann den Segelboy an – und dann geh auch ich noch vorbei und sage just in diesem Moment “Huch!”, weil mich einer dieser Fahrradfahrer, der auf dem Gehweg fahren muss, weil er sonst nicht Von-Haus-Auf-Straße oder Von-Straße-Zu-Haus kommt, ziemlich haarscharf, um nicht zu sagen: gewagt überholt und mir dieses Überholmanöver eine eindeutige Nachricht ans “Huch”-Zentrum schickt.  (Es ist mir ziemlich unangenehm, aber ich lege bei diesen Huch!s sogar und immer – dasAuchNochDieAugenVerdreh – die Handfläche an die Brust. Ja, ich weiß).

Und der Müllmann hört das “Huch!”.

Und der Müllmann sagt: “Jetzt sagense ooch schon “Huch!” im Prenzlauer Berg!”

Hat er nicht gesagt. Aber ich hätte es verstanden, HÄTTE er es gesagt. Er ist aber höflich und denkt es sich nur.)

Jedenfalls, so ist das mit den “Huch!”s – und jetzt zurück zum Fremdgeräusch, es geht ja noch weiter, der ganze Spaß! Ich sage nämlich nicht “Huch!”, weil ich mich um meinetselbstwillen erschrecke, Angst, Schreckschreck, Lebensgefahr, sondern weil ich jemanden GESTÖRT HABE. Es ist mir unangenehm, dass ich jemanden in einer Tätigkeit derart störe, dass er sich erschrecken muss – auch wenn ich ihn bei dieser Tätigkeit in einer Wohnung erschrecke, die offensichtlich nicht die seine ist – denn es ist meine.

(T. würde sagen, es wäre mir wohl auch noch unangenehm, wenn man mich ermorden würde. Weil ich so Umstände mache, jemand das Blut aufwischen muss, der Mörder sich offensichtlich in einer Notlage befindet, dann auch noch bestraft werden wird dafür, irgendwann, etc. T. würde sagen, ich solle diese Art zu reagieren doch mal “untersuchen” lassen. “Wo das herkommt”. Aber T. ist sowieso bei jeder zweiten Gefühlsregung von mir der Meinung, ich solle sie “untersuchen” lassen. Seiner Meinung nach kommt nämlich eine Menge an mir “von irgendwo her”. Seufz. Immerhin glaubt T. noch daran, dass man das heilen könnte, SOLLTE ich mich tatsächlich eines Tages “untersuchen” lassen, das ist doch auch etwas.)

Das Fremdgeräusch kommt von einer Taube. Im Kinderzimmer sitzt eine Taube. Also, saß. Jetzt flattert sie wild gegen das Fenster, will raus und hat Angst. “Bitte nicht auf den Teppich kacken!” ruf ihr als erstes zu in aller Sorge – und dann schäm ich mich gleich dafür, dass mein erster Gedanke ein solcher ist. Warum ruf ich nicht: “Hab keine Angst, oh edles Geflügel, zusammen kriegen wir alles wieder hin!”, mit zum Täubchen hin ausgestreckter Hand und weiter Brust, die andere Hand theatralisch an den Türstock gestützt; Standbein, Spielbein. Nein. Ich denke als erstes an Taubenschiss auf Langflor. (Gott, es ist ein Desaster mit mir). (Es ist aber auch kein Täubchen, zur Verteidigung. Es ist ein Riesenviech, asphaltgrau und mit großem Schnabel.) (Verdammt großem Schnabel. Schluck).

Da sitzt jetzt also eine fette Taube im Kinderzimmer. Geistesgegenwärtig, wie ich bin (jeder hat seine fünf Minuten), schließe ich als erstes die Tür. Und jetzt kommt es. Jetzt kommt es. Und es ist sicherlich nicht gut, das zu sagen. Aber es war so – und es muss raus. In genau dem Moment, als ich die Tür schließe, schießen mir so… Gedanken durch den Kopf. In das lidlose Starren der Taube hinein schießt ungefähr Folgendes: “Du bist dick und fett. In Kairo, ja in Kairo, gab es überall und ständig gebratene Tauben”.

Ja, es ist schrecklich, ich weiß. Nein, ich meine nicht, dass ich DasLandInDemMilchUndHonigFließtGelüste einer gemeinen, krankheitserregertragenden, verlausten Stadttaube gegenüber hege. Ich meine auch nicht, GebrateneTaubenInMund/ZimmerFliegGelüste einem lebenden, augaufgerissenstarrenden und offensichtlich ob meiner Anwesenheit sehr nervösen Tier zu haben. Derlei ist sicher schon andernorts vorgekommen. Nein. Was mir Angst und Sorge macht, ist, dass diese Gedanken in DEM MOMENT, in dem ich die Tür GESCHLOSSEN habe, in meinem Kopf aufplatzten. Das Ding saß in der Falle. Und ich sage “das Ding” nur, weil es dann harmloser klingt. Setzt man “Lebewesen” ein, ist es schon gleich ein ganz anderer Schnack.

Mir gruselt vor mir selbst. Bin ich ein grausamer Mensch? Oder hätte ich einfach diesen großartigen Kurzfilm gestern nicht zu so später Stunde sehen sollen?

(Ich liebe Sylvain Chomet. Kennt jemand “Les Triplettes de Belleville”? Ich weiß, nicht neu, aber immer wieder toll.)

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Enterhaken

Marie und ich spazieren den Gehweg entlang. Da landet mit gewaltigen Flügelschlägen eine Krähe vor uns, eine Prachtkrähe, riesig, groß wie ein Straßenköter, und hüpft, wie um uns zuvorzukommen (diese Krähe ist ein Pirat, ich seh ihre Augenklappe) (und auch das Holzbein), zu einem leeren Happy Meal Karton, der in der Mitte einer Parklücke liegt. (ein Happy Meal Karton im Prenzlauer Berg! Das ist exotischer, als würden drei weiße Hasen auf dem Katzenkopfpflaster Stayin’ Alive tanzen. Zumindest in unserem Teil vom Prenzlauer Berg.)

Die Krähe packt den Karton, dreht ihn geschickt mit festem Schnabelzugriff um und schüttelt tatsächlich ein zweizentimeterlanges Pommesrestlein heraus. Schüttelt noch mehr, bepickt den Karton, bepickt das Pommes, schüttelt. Marie ist fasziniert. (Ich auch.) (Gibt es was Schöneres, als durch ein Kind wieder mit dem – und den – Wundern anzufangen?) Eine ältere Dame bleibt stehen, schaut zu uns, schaut zur Krähe, wieder zu Marie, und erfreut sich ganz offensichtlich an der kindlichen Freude.

Da kommt ein dicker, fetter, schwarz glänzender, hochgelegter, geil befelgter Bonzenpanzer und parkt ein. Sieht nicht die Krähe, zermatscht den Karton, zermatscht das Pommes, Krähe verhüpft sich. Tja. Die ältere Dame verdreht die Augen. „Also wirklich“, sagt sie, „wenn ich manchmal sehe, was für Leute aus diesen dicken Autos aussteigen…Ich frage mich, wozu das alles!? „Pah, dreihundert Euro im Monat, (sie macht eine zumfensterrauswerfende Handbewegung), ist doch egal, fahr ich einen Mercedes“ – wozu, frag ich? Was ist das für eine Gesellschaft?”

“Und dann werden die Geschenke gekauft, für die Kinder, solche Mengen, solche Berge, da geht es nur ums Haben, diese Spielsachen lassen doch gar nicht mehr so viel Kreativität zu, sie sind alle schon so… fertig, so zu! Früher haben wir mit Bauklötzen und dann die Farben, so schöne Farben…”. Sie ist mir sympathisch.

„Aber man darf ja nicht alle über einen Kamm scheren“, unterbricht sie sich, „in meinem Haus, die Nachbarn, das sind so nette Leute – obwohl sie aus Köln sind, also wirklich, ob Westdeutsche oder Zugezogene, das ist doch egal, wirklich, ich habe als Kind, noch in der Schule“, sie hebt den rechten Arm zackig zum Hitlergruß, (ich zucke zusammen), „ja, ich musste Appell machen, weil ich die Größte war, ich hab das gehasst, immer dieses GeradeStehen, meine Mutter und meine Tante, die haben mir immer mit den Knöcheln so – ratsch – über die Wirbelsäule, naja, früher hatte ich einen Buckel, weil ich nicht wollte, heute hab ich einen Buckel, weil ich alt bin, na und dann kamen die Russen, die haben geliebäugelt mit uns, weil der Westen war ja schon sofort anamerikanisiert, und dann machte es immer – klick – beim Telefonieren, wenn ich mit meiner Cousine in Westdeutschland telefoniert habe, und nachher, da hatte ich eine so dicke Akte, (Daumen und Zeigefinger reißen den Schnabel auf für zehn Zentimeter) bei der Gauckbehörde, ach, aber was, mein Bruder hatte eine so dicke Akte (sie nimmt zwei Hände zum AnglerfischZeigen), sehen Sie, ich habe diese Systeme miterlebt, und jetzt also die dicken Autos, und in jedem System gab es sone und solche, überall, wo Menschen zusammen kommen, gibt es sone und solche.”

“Meine Enkelin, die kam zu Besuch, und sie sagt, ‘Oma, bei dir ist die Welt so schön, die Leute sind alle so freundlich, die Verkäuferinnen sind so freundlich und die Menschen auf der Straße’. Ja, sage ich, das kommt aber auch drauf an: wie man in den Wald hinein schreit, so ruft es heraus! Da sagte meine Enkelin: ‘Oma, wenn du dich da mal nicht täuscht!’ Sagte sie, dreizehn Jahre ist sie alt: Oma, wenn du dich da mal nicht täuscht.”

Sie lacht leise in sich hinein. “So”, ruft sie dann fidel und strahlt mich verschmitzt an, “und jetzt geh ich wieder in meine hundertzwanzig Quadratmeterwohnung!“ Ach, Sie haben’s gut! ruf ich, auch fröhlich, und freu mich mit ihr über ihren alten Mietvertrag. „Ja, wissen Sie”, sagt sie weiter und ihre Stimme stülpt sich etwas um dabei, “mein Mann ist vor drei Jahren gestorben, neunzigjährig, jetzt bin ich allein. Ich weiß“, wendet sie sich an Marie, die mir – geduldiges Kind! – ins Ohr flüstert, sie wolle jetzt zum Spielplatz gehen, „das ist langweilig, wenn die Erwachsenen sich unterhalten! Machen Sie es gut“, ruft sie mir noch im Weitergehen nach, “und war das nicht herrlich, diese riesige Krähe!?”

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