Was kommt nach dem offiziellen Ende? Das inoffizielle, genau. (Surprise, Sidney). Und die Zeit vom offiziellen zum inoffiziellen Ende zeichnet sich (meistens jedenfalls) dadurch aus, dass sie wesentlich improvisierter, hemmungsloser und abenteuerlicher verläuft, als das Trarabrimborium zuvor, in welchem gerne beflissentlich der Anwesenheit sowohl des Stadtsparkassenvertreters, (man klatscht, der Stadtsparkassenvertreter steht auf und verbeugt sich zur Audienz, wobei er sich seine Krawatte mit der flachen Hand an den flachen Bauch (Radrennsport) drückt, damit sie nicht baumelt), als auch der Frau des Zweiten Bürgermeisters gedankt wird, (auch hier klatscht man, obwohl man den Zweiten Bürgermeister nicht leiden mag, und seine Frau erst recht nicht, die Frau des Zweiten Bürgermeisters steht nicht auf, denn sie ist fett, und von nichts kommt nichts, aber sie freut sich, nickt nach hinten, denn sie sitzt natürlich erste Reihe, und lacht geschmeichelt und: ja! lässt sich hinreißen und winkt mit der Hand, ganz die Kennedy, ganz die Kennedy), sogenannte “Ehemalige” sich ergriffen selbst beim AltbackenÜberDieZeitenAnSichUndDasBesondereDesHeutigenTagesPhilosphieren zuhören, ein O-Sekt fünf Euro kostet, (FÜNF. Ein lausiger Schuss lausigen Rotkäppchensekts, aufgefüllt mit TetrapakOSaft der DiscounterHAUSMARKE. Unter kritischen Blicken ausgeschenkt von ehrenamtlich Ehrenamtlichen, die sich in AnrufListen organisiert haben – falls einer ausfällt – zum “Gelingen” des Abends beitragen und über ZwanzigEuroScheinMinusZweiOSekt den ohnehin lauen Sekt warm werden lassen), und man allseits unerträglich viel AutoWeihrauch und fotogene LächelAufsätze schwenkt.
Der Versuch, durch simple Aneinanderreihung von EineRedeHalten-GarNichtSoLeichts einen Spannungsbogen zu erzeugen, wird bis zur Absurdität von drei “Liebhabern” der barocken Hausmusik (dem “Trio A-B-C”, “weil, mnja, (streberblasses Huscherlächeln), wir spielen Musik für AAAlt-Klarinette, BBBratsche und CCCembalo, mnja, mnja”) mit jeweils bis zu halbstündigen Kostproben ihres Könnens “aufgelockert”, wie es das fünfseitige Programm (zusammengetackert) tragischerweise bereits vorhergesehen hat.
Irgendjemand traurig, dass der “offizielle Teil” hiermit beendet und das Buffett eröffnet ist? Irgendjemand Einwände, dass das große Saallicht ausgeschaltet, Musik aufgedreht und der verschluckte Stock per Handschlag und Kratzbuckel ins Federbett verabschiedet wird? Dass es jetzt LOS geht?
Dass ich etwa jetzt meinen Partygag hereinfahre?
Habe aus alten Umzugskartons eine übergroße Überraschungstorte gebastelt, mit Plakafarbe gefällig bemalt (rosa) und mit leeren Schaumkussförmchen beklebt (die goldenen, für den Effekt). Räusper. Alles starrt gebannt auf den Tortendeckel. Denn er bewegt sich. Der Tortendeckel wird vom Torteninneren heraus weggestoßen. Mit einem Tadaaa und nach oben gestreckten Armen springt ein… ESKIMO aus der Torte. Alles hält den Atmen an.
Der Eskimo dampft. Schließlich kommt er grad vom Kalten ins Warme. (Der Eskimo hat sich für diesen Effekt extra zwei Stunden vorher in den Kühlschrank gesetzt. Raffiniert, oder? Nur leider war deswegen der Sekt lau, war ja kein Platz mehr. Egal, sieht prima aus, der Effekt.)
Irgendwie halten noch immer alle den Atem an. Dann ruft einer in die Stille: “Aber das ist ja gar kein Eskimo! Ein Eskimo hat doch keinen Bart!” Ich schau meinen Eskimo an. Ich finde, der sieht gut aus, mit dem angeklebten Schnauzer (Typ: chinesischer Gelehrter. Oder auch: Typ Wels. Karnevalsbedarf), und das mit dem Kajal um die Augen hat auch ziemlich gut geklappt. Jetzt ruft noch einer – und er johlt dabei: “Und ein Eskimo hat auch keinen Sombrero!” Es wird gelacht. (Jaaaa, über den Sombrero haben wir auch diskutiert, der Eskimo und ich – aber ein Sombrero sieht einfach besser aus, als eine Kapuze. Macht viel mehr her. Find ich. Was soll’s. Echte Eskimos sind halt so schwer aufzutreiben.)
Aber dann, dann ruft jemand: “Still! Der Eskimo soll was sagen!” “Sag was, sag was, sag was!” sprechchort man allseits. Der Eskimo streicht sich das Welshaar und hebt an. Man verstummt. Der Eskimo spricht:
“Liebe Freunde. Als ich am Atemloch der Robbe stand und in die münzgroße Glitzeröffnung hinabstarrte, versunken in all meine Konzentration, hatte ich Muße, mir Folgendes zu überlegen: auf meinen Reisen durch die fremden Wohnungen habe ich mit vielen Menschen mich unterhalten. Viele dieser Menschen sagten: “oh, was für eine wunderbare Idee. Auch wir würden gerne einmal an einer fremden Türe klingeln. Allein: wir getrauen uns nicht.” Wieder andere sagten: “oh, allzu gerne würden auch wir all diese Menschen in unserer Straße kennenlernen, das, was du uns berichtest, macht uns neugierig”. So sprachen die Menschen. Das, oh Freunde, gab mir zu denken.”
“Und deswegen, oh Freunde, habe ich mir ausgedacht, dass nun ein jeder, den ich besucht habe und der die Lust dazu hat, sich anmelden kann bei mir, und ich werfe alle zusammen und ziehe paarweise, jeweils einen, der besuchen darf, und einen, der besucht wird. Und an einem bestimmten Tag wird die eine Hälfte sich aufmachen und an einer fremden Türe klingeln, einen fremden Menschen zu besuchen und ihn kennen zu lernen. Aber hinter der fremden Türe wird ein Fremder aufmachen, der sie bereits erwartet. Und so lernen sich die Menschen kennen und müssen aber nicht klinkenputzen und niemand wird ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen. Und ein jeder Mensch kann in seinem Herzen beruhigt sein, denn er wird auf einen FremdMenschen treffen, den ich bereits getroffen habe und für den ich bürge.”
“Und das Fremdbesuchen geht, solange die Menschen Lust dazu haben und spätestens, bis sich alle Menschen kennen. Und wer mitmachen will, der schreibt mir auf rotkapi (ätt) web.de .”
So sprach der Eskimo. Und dann ging er an die Bar und kippte einen doppelten Wodka. Und dann noch einen. Denn er war sehr aufgeregt.
