auch wenn silvia gestern zwei schweinsohren verspeiste, heute früh jedenfalls sind sie endgültig ungenießbar. ich backe also schnell einen käsekuchen, ein todsicheres rezept. „sag mal, backst du jetzt jeden tag kuchen?“ fragt mein mann entnervt. er ist musiker, und seine zarten gehörgänge ertragen den lärm des handrührers nur ungern. „du wirst ja auch total auseinandergehen!“ versucht er mich bei meiner eitelkeit zu packen. aber die ist mir im lauf der schwangerschaft und auch und vor allem als mutter quasi völlig abhanden gekommen. der käsekuchen also wird gebacken, und er duftet köstlich. (kein vergleich zu den unsäglichen schweineohren, arme silvia).
der regen macht mir die hausauswahl heute leicht, ich falle in den nächstliegenden hauseingang, hinterhaus, genauer: seitenflügel. gleich auf das erste klingeln öffnet ein junger gangstarappa, der outindastreets vielleicht ein kaliber darstellt, mir hier aber höflich und mit weicher stimme erklärt, dass seine mama heute geburtstag hat, gleich nach hause kommt, und er nicht weiß, ob er jemanden hereinbitten kann undoder darf. ich finde ihn niedlich und steige die treppe weiter an. auch an der nächsten tür (im gegensatz zu den handgeschnitzten abgebeizten hohen türen gestern sind die türen hier niedriger, grau gestrichen, die namen sind mit dickem stift aufgemalt) wird mir schon nach dem ersten klingeln geöffnet. (leitet sich hieraus schon die erste vorderhaus-hinterhaus-theorie ab? oder liegt es daran, dass hier die wohnungen kleiner, somit der anreiseweg zur tür kürzer ist?)
antje wirkt amüsiert, sie zuckt mit den achseln, „warum nicht?“. sekunden später sitze ich in einer gemütlichen küche am mit zeitungen und magazinen überladenen küchentisch, antje und ich sind per du und im flötenkessel fängt das wasser an zu sieden. „jeden würd ich nicht reinlassen. aber ich sag mal, in meinem alter, mit meiner lebenserfahrung und menschenkenntnis, erkenn ich doch ziemlich schnell, was machbar ist und was nicht.“ während antje am herd hantiert, kommen zwei kätzchen, ein graues und ein schwarzes, angetapst und beschnuppern mich neugierig. das frechere von beiden, das schwarze, klettert kurz darauf in meinem korb herum, bis der korb umfällt. das kätzchen flitzt in nullkommanix ichwarsnicht aus der küche. „die hab ich jetzt seit einer woche, sie sind herrlich. den ganzen tag könnt ich sie nur beobachten. maxie, ist, wie ich früher war, immer auf achse. die andere“, sie deutet auf das graue kätzchen, das in seelenruhe am napf sitzt und frisst, „ist eher, wie ich jetzt bin, mehr, hm, phlegmatisch.“ vor zwei jahren hatte antje eine schwierige operation, seither ist sie nicht mehr die selbe. „natürlich verändert dich das. schon allein körperlich kann ich einfach nicht mehr so wie früher. tango tanzen bis um drei ist einfach nicht mehr drin. du hast glück, dass ich heute in guter verfassung bin, meistens bin ich nicht so fit. seit der operation gelte ich offiziell als arbeitslos, bald werde ich die rente beantragen.“ früher war antje medienberaterin und gab internetkurse für „schwierige“ jugendliche, die vom arbeitsamt geschickt wurden. „meistens hatte ich es eher mit diskussion und erklären. nur einmal, da war ein rechtsradikaler in der gruppe, der hat alle aufgemischt. eines tages stand er plötzlich hinter mir, und ich wusste nicht, zieht er mir jetzt eine drüber oder was macht er da. da hab ich ihn angeschrien (sie brüllt): „du arschloch!“ daraufhin war er erstmal zwei wochen krank, und als er wieder kam, war er ein lamm.“ antje erzählt mit händen und füßen und grimassen, dass es eine freude ist. später zeigt sie mir ihre wohnung, eine gemütliche kleine zuflucht mit hängematte, klavier und büchern. selbstgestrickte pullover mit aufwendigen mustern hängen da, selbstgenähte tangokleider werden auf der selbstgestalteten homepage ausgestellt, das katzennetz am oberfenster ist selbstgehäkelt, die marmelade ist selbsteingemacht, die bilder sind selbstgemalt. „wenn ich es selber machen kann, dann macht es mir spaß. du als junge mutter solltest das auch, selber machen. da.“ sagt sie und drückt mir ein buch übers einmachen und einwecken in die hand. „kannst es mir ja irgendwann mal wieder bringen. übrigens kriege ich jetzt, wo du da bist, lust, mal wieder eine kaffeetafel abzuhalten, das hab ich früher oft gemacht. jetzt leb ich eher zurückgezogen, aber das entspricht mir jetzt eben. jedenfalls bist du dann herzlich eingeladen. und was ist das genau für ein projekt, das du da vorhast?“ fragt sie. ich erzähle, dass ich mit meinem mann und unserem kind in einer zwei zimmer durchgangswohnung im hinterhaus wohne, unsere dusche in der küche ist, und ich mich oft frage, wie das zusammen geht, diese luxussanierten wohnungen mit sauna und tiefgarage neben diesen hinterhäusern, in denen es auch noch etagenklos gibt, die tatsächlich benutzt werden, und kohleofen sowieso. „oh ja, die da drüben wohnen zum beispiel, die bedauer ich“ und deutet aufs gegenüber liegende sanierte nachbarshaus, „da hab ich auch mal gewohnt, früher, ich weiß, wie die wohnungen aussehen. jetzt haben sie duschen eingebaut, dadurch sind die wohnungen noch kleiner, praktisch nur noch ein zimmer. und miete zahlen sie mehr, als ich. am liebsten würde ich ausziehen, aber einen umzug mache ich körperlich einfach nicht mehr mit. früher, nach der wende, da sind wir eingezogen, da wusste die wohnungsbaugenossenschaft nicht mal, dass die wohnungen existieren. in meiner wohnung war keine dusche, egal, wir sind in die leerstehende wohnung oben drüber zum duschen gegangen, da war eine drin.“ und prenzlauer berg? „ach, das hat sich so verändert, damit hab ich praktisch gar nichts mehr zu tun. es ist ganz schön hektisch geworden, auf den gehwegen, ich kann manchmal gar nicht schnell genug ausweichen, wie einem da die ellbogen entgegen kommen. ursprünglich komme ich vom wuppertaler land, ich kenne das, das kommt mir alles sehr bekannt vor, wie es jetzt hier aussieht, wie bürgerlich es geworden ist. aber ein bisschen was von den alten strukturen ist geblieben. im club beispielsweise, der war ja früher da, wo es jetzt kalbsgeschnetzeltes für 12 euro als Mittagstisch gibt, jetzt ist er weiter unten, jedenfalls hab ich da mein eis geholt, wenn ich zahnschmerzen hatte. und tom, der besitzer, der hat immer aufgepasst, dass einem da als frau allein an der theke niemand zu nahe trat. ich weiß, dass ich immer in den club gehen könnte, falls irgendetwas wäre. naja. manchmal wunder ich mich, dass mich das, vor dem ich damals nach berlin geflohen bin, bis hierher verfolgt und wieder einholt.“

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