chema führt mich in seine wohnung. ich bin schon völlig durchgeschwitzt vom stundenlangen klingelputz, der treppensteigerei, der kaffeeundkuchenkorbschlepperei. dazu kommt jetzt auch noch der leicht kalte, zittrige schweißausbruch, der mich jedes Mal befällt, wenn ich eine der fremden wohnungen betrete. aber das kenn ich schon, die aufgestellten rückenhärchen legen sich wieder, nach ein paar minuten tiefindenbauchatmen. alles im griff.
chema verstaut schnell seine einkäufe, während er unser teewasser in der mikrowelle bereitet, die fast so exponiert wie der flachbildschrimfernseher in der wohnung thront. ein bisschen scheint ihn mein besuch aus dem konzept gebracht zu haben. er bietet mir den platz auf der fernsehcouch, zieht sich selbst einen stuhl vom esstisch heran, alles gleichzeitig, höflich, korrekt und ichtudirnichts platziert er sich ganz ans andere ende des couchtischchens. als nächstes fällt mir die monatsdose proteinpulver ins auge, das verbindungsglied zwischen chemas breiten schultern und seinem nein zu meinem kuchen. höflicherweise schneidet er sich aber trotzdem ein scheibchen ab, ich esse höflicherweise ein scheibchen mit. hmm, lecker, trocken kuchen in der hitze. wir verwenden tischsets als untersetzer.
gerade als wir anfangen, uns etwas in der situation einzurichten, klingelt mein handy, der mann ruft an. ich verstehe ihn kaum, das baby brüllt. aber ich verstehe, dass ich kommen soll. allein – ich kann nicht. das klingelputzen hat zu lang gedauert, ich bin jetzt erst „untergekommen“, so nennen wir es. der mann versteht. der mann ist wundervoll.
chema kommt aus madrid (daher sein akzent), wohnt aber schon seit über sieben jahren in verschiedenen städten deutschlands. er arbeitet als art director in der werbung. seit einem halben jahr lebt er hier im prenzlauer berg, deswegen kann er mir nicht viel zum kiez sagen. „natürlich bekomme ich von freunden diese ganze diskussion um den prenzlauer berg mit, dass es früher besser war und billiger und das alles. aber berlin ist eine großstadt, jede stadt verändert sich. das lässt sich auch nicht aufhalten. das hat viel mit romantik zu tun, mit nostalgie, zu sagen, früher war es besser. eine lebendige stadt bleibt einfach nie stehen.“ klingt plausibel. und auch romantisch. aber für seine kleine modernisierte einzimmer maisonette wohnung mit ihrem laminatboden, den kunststofffenstern und der kochnische, die man wohl als „funktional“ bezeichnet, zahlt er mehr miete, als axel (siehe „noch 198 tage, schon 3 kaffees“) für seine großzügige stäbchenparkettwohnung.
chema liebt den prenzlauer berg. „hier ist einfach jede straße schön“, sagt er, „jedes haus hat etwas besonderes. nicht, wie in anderen städten, wo mal diese ecke oder jenes haus schön ist. hier“, sagt er, und ich wundere mich, dass “häuser” auf seiner argumenteliste an erster stelle stehen, „ist alles schön, auf einem so großflächigen gebiet, das ist wirklich außergewöhnlich.“ hm, denke ich, naja, er hat recht. abgesehen von einigen geschmacklos renovierten häusern, er hat wirklich recht. denk ich an kassel in der nacht und so weiter. „genau so mit den cafés“, fährt er seine liebeserklärung fort, „in anderen städten hab ich meine lieblingscafés, zwei, drei, von denen ich weiß, da kann ich hingehen. hier“, er breitet die arme aus, „hab ich kein lieblingscafé, ich kann in JEDES café gehen. hey, das sieht gemütlich aus, und aber hey, das sieht auch gemütlich aus.“ es lichten sich die grauschleier über pehberg. oder liegt’s daran, dass einfach die sonne mal wieder scheint. „außerdem mag ich die menschen hier.” fährt er fort, und irgendwie werd ich das gefühl nicht los, er antwortet sozial erwünscht, “sie sind jung, aber nicht, wie in friedrichshain, jung und frech, sondern eher jung und bodenständig. das entspricht mir.“ allerdings. er empfindet es als typisch für berlin, dass man sich hier so sehr mit seinem kiez identifiziert, dass man auch mal innerhalb der stadt umzieht, wenn man merkt, dass ein anderer kiez besser zu einem passt. dass dieses hobby eher eine frage des geldes denn eine der identitätsstiftung ist, steht auf einem anderen blatt.
„in madrid gibt es ein sprichwort, das geht ungefähr so: ein madrilener ist einer, der seit 20 jahren in madrid wohnt, und einer, der seit 20 tagen in madrid wohnt.“ chema jedenfalls fühlte sich in berlin sofort zu hause, von anfang an, und das, betont er, ging ihm noch in keiner anderen deutschen stadt so. vielleicht ist ja auch berlin so eine stadt wie madrid. eine stadt, in der jeder, der will, zu hause sein darf.

Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins