heute öffnet frau schwarz die flügeltür. „klingt interessant, aber“ – ihre augen funkeln – „jetzt gerade passt es gar nicht. an einem anderen tag?“, sie zögert, „nein, wohl eher auch nicht.“ sie flüstert fast, so dass ich heimliches vermute. da lugt aus der küche ein herr, in socken und kurzen hosen. aha. ähem. ich störe wohl. „wer SIND Sie denn?“ fragt der hausfreund belustigt und steht auf einmal mit an der tür. „wer IST sie denn?“ fragt er auch frau schwarz und schnuppert in meine richtung, der tonfall erinnert mich an loriot. ich erkläre. fidel winkt er mich herein. frau schwarz warnt: „dann musst du dich aber auch ne halbe stunde mit ihr unterhalten!“ er winkt noch mal, umso energischer sogar. ich also hinterher, ins große berliner zimmer. und erst als wir am wohnzimmertisch sitzen, ich auf der eckcouch, er mir gegenüber, und frau schwarz um tassen und wasser in die küche verschwindet, dämmert mir langsam, dass es sich hier wohl kaum um den hausfreund handelt, sondern um schwarz himself. uff. meine phantasie, kopfschüttel, also wirklich. „kuchen könnse drin lassen“ unterbricht schwarz meinen auspackversuch, „hammse n cognac fürn kaffee mit?“ herrjott, ich mag die berliner. „na, dit find ick aba janz schön mutig von ihnen, bei fremden menschen klingeln. sie sind ja nun ooch, ich sach ma, keene hässliche hütte! ick hätt n kürassiersäbel, den könnt ick ihnen leihen.“ frau schwarz brüht ihm seinen kaffee direkt in der tasse auf. sie selbst trinkt nichts, setzt sich aber dazu. wohnlich ist es, ganz die 70er, schrankvitrinen, kronleuchter, gardinen. schwarzens wohnen hier seit 38 jahren, saniert wurde zum glück vor der wende (sonst wäre der mietspiegel höher), geheizt wird noch mit dem schönen alten kohleofen. „ne großbürjerliche wohnung war dit, in der gründerzeit“, erklärt mir schwarz, „dit sehnse beispielsweise an den türklinken.“ ich seh das in erster linie an den quadratmetern, aber schwarz hat eine leidenschaft für alles alte. die türklinken hat er selbst wieder im original beschafft und auch die holzaufsätze für die flügeltüren. es gab auch noch alte bleifenster im nachbarhaus, die hätte er sich gern ausgebaut. „dit war ja leerstand, völlig runterjekommen. hab ick aber nich jemacht, kann ick ja nich einfach hinjehn und mir die holen. obwohl sich nach der wende einige jebärdet haben, und sachen rausjezogen haben, da könnt ick ihnen ooch noch wat zu erzählen. jedenfalls hammse denn doch tatsächlich bei der sanierung mit der schippe alle scheiben eingeschlagen. jammerschade.“
früher war schwarz clubhausleiter in thüringen, im grenzjebiet. „da hatt ick alle privilejien, weilse dachten, ick wär offizier der staatssicherheit. war ick aber jar nich. ich war ja nichtmal in der partei. erst drei jahre später hat eener jefragt: sach ma, an welche stelle zahlst du eigentlich deinen parteibeitrag? na, dann waret raus und ick wurd strafversetzt, in die wäscherei. strafversetzt, ja, dachten DIE. aber von wejen! dit war damals produktionswichtjer betrieb, deswejen mussten alle mädchen nach der schule da reihenweise hin zur ausbildung, lauter junge fräuleins! en gros! dit war der himmel auf erden!“ „kaffee erst setzen lassen!“ mahnt ihn leise frau schwarz, als er die tasse an den mund hebt. „ja, mama.“ er stellt die tasse zurück. „und flüster doch nicht immer so!“
schwarzens erzählen, wie die straße früher ausgesehen hat, damals, als es noch lauter kleine läden hier gab, die danziger straße noch dimitroffstraße hieß, und der ernst thälmann park kein ernst thälmann park war, sondern eine gasanstalt. „wenn der wind unjünstig stand, dann hat dit hier vielleicht lecker jerochen! so nach faulijen eiern. und oof den kissenbezüjen waren lauter kleene feine schwarze punkte, und wenn man mit dem finger drüber jewischt hat, dann war da n schwarzer strich.“ „aber wenn der wind günstig stand“, erinnert sich frau schwarz, „dann kam vom pfefferberg – das war die großbäckerei – auch mal der duft von frischem brot rübergeweht“ schwarzens erwecken eine trubelige straße voller gerüche zum leben. „da, wo jetzt der und der drin ist, da war früher…“ viele fleischer waren hier, trikotagen (was bitte? „na, trikotagen!“ aha. pokerface, das wort erschließt sich sicher im zusammenhang. ah, dort wurde genäht, dort, wo ich mich gestern so im treppenhaus verstiegen habe), ein fischgeschäft, „da waren die karpfen in riesigen becken und zu weihnachten ging man da hin und suchte sich einen aus, der bekam dann –zack!- mit dem dümpel eine drüber.“ schwärmt frau schwarz. schwarz himself erinnert sich an den kohlenträger aus der kohlenhandlung, der mittags um 14 uhr immer „mörderisch een abjebissen hat.“ was hat er? „na, besoffen war er!“ waren ja auch viele kneipen hier, weil: „was die leute früher hier jesoffen haben, dit war enorm.“
„wennse über die immanuelkirch schreiben wolln, denn brauchense doch auch etwas belletristik! die verlobte von kafka, zum beispiel, die hat hier auch gewohnt“. bücher über den prenzlauer berg und seine geschichte hat er zur hand, „n paar“ – und schleppt einen ganzen stapel an. als der mann mit dem schreienden baby im hintergrund anruft, kommt schwarz gerade erst in fahrt. „nur keene unromantische hast, ick bin doch noch jar nicht fertig!“ wir verabreden, dass ich wiederkomme, um mehr zu erfahren. schnell zeigt er mir noch den zeitungsausschnitt mit der meldung über die sprengung der gasbehälter, die, die dem thälmann park weichen mussten. und noch schnell den kürassiersäbel. leider etwas unhandlich, so für die kleine verteidigung zwischendurch. und schnell darf ich – ein kleenes privileg! – auch noch einen blick in sein „museum“ werfen, seine antiquitätensammlung. und schnell führt er mich auch noch über den flokati im schlafzimmer auf den dicht bepflanzten, sonnenbeschirmten balkon und zeigt mir, hinter welchen fenstern und balkonen originale wohnen, die mich für mein buch interessieren sollten. schnell schreibt er mir auch noch seine telefonnummer auf, für rückfragen. frau schwarz seufzt: „sie haben ja keine ahnung, was sie sich da aufgehalst haben!“

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Wenn irgendwer von der Dimitroffka redet, weiß ich sofort, wo das ist. Die Danziger? Da könnt ich drin stehen und wüsste es nicht, ich stünde da immer noch in der Dimitroff …
Wir hatten in der Be-Li auch noch Messingtürklinken, echte. Eine Sauarbeit beim Putzen. Der Kachelofen stand zwar noch drin und war auch benützlich, aber im Berliner Zimmer gab es schon eine Gasheizung. Also war das das Wohnzimmer und im schönen Zimmer mit dem Flügeltüren zum Balkon haben wir geschlafen – war im Winter einfach u kalt zum drin wohnen.
Grüße! N.
PS: Und? Haste den Säbel mitgenommen?
Ach, was soll ich denn mit einem Säbel?
Aber zwei Stiche hab ich geschenkt bekommen! Einen von Potsdam, einen von Berlin.
Wunderbar!
Ist ja ein echtes Original das Ehepaar Schwarz. Habe neulich verzweifelt im Auto im Stadtplan die Danziger Straße gesucht und an der Stelle, wo sie sein soll, nur die Dimitroffstraße gefunden – bis meine Tochter fragte “Mama, von wann ist denn DER Stadtplan…