Ich mach es mir heute einfach. Monika hat mir auf einer meiner Klingelputztouren schon mal die Türe geöffnet, wollte aber gerade mit ihrem Kleinen raus und hat mich daher zu heute eingeladen. Obwohl ich eigentlich möglichst unangemeldet als EinMannÜberfallkommando auftreten will, um Spontanität und Offenheit der Fremdmenschen zu testen, gehe ich heute den Weg des geringsten Widerstandes, denn das Baby schläft noch nicht durch und ich schleppe mich schon etwas abgehalftert durch den Tag. Daher auch keinen Kuchen gebacken, sondern beim Konditor gekauft. Ich entschied mich für Erdbeertorte und Frankfurter Kranz, schon beim Aufstehen stand mir der Sinn unerklärlicherweise nach dieser Vorzimmerdamenspeise mitsamt ihrer unzeitgemäßen Buttercreme und der überholten Cocktailkirsch70erDeko.
Monika ist guter Dinge, ihren Kleinen hat sie gerade noch mal ins Bett gelegt. „Komm, wir machen’s uns gemütlich!“ lädt sie mich ein in die Küche, wo schon dieses Kaffeegerätdings bereit steht, das, bei dem man den Kaffee mit einem Sieb runterdrückt und keiner weiß, wie man es zu nennen hat. Monika entschuldigt sich für die Unordnung, aber es ist natürlich piccobello aufgeräumt. Wir sitzen an einem runden Tischchen auf roten Retro Stühlen, Monika halbiert kurzerhand die beiden Tortenstücke, damit jeder von jedem bekommt, und gibt mir ganz selbstverständlich das Stück vom Frankfurter Kranz, auf dem die Cocktailkirsche ist. Mnjam, der erste Frankfurter Kranz meines Lebens. Monika arbeitet eigentlich als Projektmanager in einer Firma, die medizinische Studien durchführt, aber im Moment ist sie noch in Elternzeit. Sie genießt es, auf einmal Zeit zu haben: „Hier sind ja auch so viele Menschen auf den Straßen tagsüber! Ich wusste das gar nicht.“ Sie und ihr Mann sind vor drei Jahren hier in diese Wohnung gezogen, „da standen dann 200 Kartons hier rum und wir waren froh, dass das erstmal geschafft war und sind einfach weiter arbeiten gegangen. Deswegen ist hier auch noch nichts eingerichtet, die Küche ist fertig“, sagt sie mit einer Handbewegung, die die ausstellungsraumreife Bulthaup Küche einschließt, „aber sonst muss noch alles gemacht werden…“ Später, als ihr Kleiner aufgewacht ist und friedlich auf seinem Deckchen liegt (weil laut PEKiP die Babys nicht getragen werden sollen, sondern möglichst nur auf Bauch oder Rücken liegen sollen), führt sie mich durch die Wohnung, der Flur ist Schöner- Wohnen- angesagt braun gestrichen und auch sonst wirkt alles ziemlich „must have“, frage mich, was Monika unter „noch alles gemacht werden“ versteht.
„Schade ist, dass sich hier immer mehr Druck aufbaut, was Geld und Haben betrifft.“ erzählt sie über den Prenzlauer Berg und fährt die elektrische Leinwand runter, auf der sie Filme kucken und auch mal Kinderkino für die Kinder im Haus veranstalten, wenn sie Besuch von den Nichten und Neffen haben. „Als ich hierher gezogen bin, war das noch nicht so, aber mittlerweile merk ich am Baby, es ist wichtig, welchen Kinderwagen man fährt, welche Sachen man seinem Baby anzieht und so weiter, das ist schade, die ganze Lockerheit, wie ich sie von Berlin kannte, ist dahin.“ Monika ist trotzdem Prenzlauer Berg Mama durch und durch: PEKiP, MamaFit und Rückbildung, ihr Kind hat sie schon in der Schwangerschaft für die Kita angemeldet (immer noch Warteliste, obwohl es die BetriebsKita ist), und das soll dann im besten Fall auch eine zweisprachige sein, denn ihr Mann hat viele Jahre in England gelebt, und würde dem Kleinen so gern die Geschichten auf Englisch vorlesen. „Aber jetzt rechne mal: der Kitabeitrag ist prozentual ans Einkommen gekoppelt, wir gehen beide arbeiten, da kämen wir monatlich auf einen Betrag, für den könnte ich mir schon eine eigene Kindertagesmutter anstellen. Und allein 70 Euro Essensbeitrag im Monat! Da frag ich mich: was essen die denn da? Die essen vielleicht mal eine Banane oder einen Bio-Joghurt. Für 70 Euro? Das hieße also, ich geh arbeiten für nichts und wieder nichts und jemand Fremdes erzieht mein Kind. Da überleg ich schon, erst recht, wenn das mit dem Kitaplatz nichts wird, einfach zu Hause zu bleiben, auch im Hinblick auf ein zweites Kind.“ Sagt sie, herzt den Kleinen und lächelt fröhlich.
Als ich heute nach Hause komme, vermisse ich den Adrenalinkick, bin auch nicht durchgeschwitzt wie nach Extremsport. Morgen wird wieder ohne Vorwarnung bei Unbekannten geklingelt.

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