Zum ersten Mal nehm ich das Baby mit auf Klingelputztour, es geht nicht anders, Rabenmutter ich. Rein in den Tragesitz, Kaffeekorb links, Kuchen rechts, vielleicht lässt mich ja jemand in die Wohnung, BEVOR er mich ans Frauenhaus verweist.
Brigitte öffnet nach dem ersten Klingeln. Dick, Kippe in der Hand, Zigarettenrauch wabert durch den Luftzug aus der Wohnung, ein riesiger Köter kläfft und will an Brigitte vorbei zu den zwei Lebendknackern, die da so verlockend aus dem Tragesitz strampeln. Ähe. Projekt übern Prenzlauer Berg? Brigitte hält mir sofort die Tür auf: „Kommt rein, geh ma in d’Küchen“, Wiener Dialekt, „der Hund macht wirklich nichts, das weiß ich, deswegen bin ich auch so ruhig.“ Na dann kann ich ja beruhigt sein.
Brigitte ist ausgesprochen herzlich, weich und „leijd bäck“, wie der Wiener wohl sagen würde. Mein Besuch bringt sie nicht die Spur aus der Bahn, so selbstverständlich, wie sie mir in ihrer Küche Unterschlupf gewährt, erinnert sie mich irgendwie an Antje (Noch 199 Tage, schon 2 Kaffees). In ihrer großen Küche steht ein altes, gelblich gestrichenes Küchenbuffet, ein großer runder Resopaltisch, ein Raumteilerregal mit Vorräten und Grünpflanzen. Brigitte macht uns das Wasser im Topf heiß, weil ihr Wasserkocher kaputt ist. Dann schleppt sie noch einen Babystuhl an, den sie wegen ihres Enkels in Gebrauch hat. Ob sich das Baby vielleicht da schon reinsetzen kann? Wir probieren es aus, tatsächlich klappt es – fünf Minuten lang. Dann ist das Baby müde und will im Stehen auf dem Arm getragen und geschuggert werden. Trink ich den Kaffee also im Stehen.
Brigitte ist über sechzig – was man ihr nicht ansieht – und kam vor acht Jahren nach Berlin, wegen ihres jetzigen Manns. „Nicht erschrecken, wenn er gleich vom Einkauf nach Hause kommt: er ist 30 Jahre jünger. Also, das ist nicht mein Sohn, das ist mein Mann.“ Tatsächlich kommt ihr Mann später mit drei schwer befüllten Ikea Einkaufstaschen voll Lebensmitteln nach Hause. Er wirkt nicht im Geringsten überrascht, dass ein Fremdmensch in seiner Küche hockt, er grüßt freundlich und mit Handschlag, sagt, bevor er sich zurück zieht: „Mach doch das Fenster auf, für das Baby!“
Prenzlauer Berg, das Thema interessiert Brigitte. „Natürlich hat es sich verändert. Als ich hierher kam, sah es hier aus, wie nach dem Zweiten Weltkrieg!“ Als Wienerin tat und tut sie sich nach wie vor mit der Berliner Schnauze schwer, die ist ihr zu grob, so ohne Bitte und Danke. „In Wien nehmen sich die Leute nicht so wahnsinnig ernst. Und sie sind toleranter, sie sind mehr leben und leben lassen“ Und gerade in der letzten Zeit, „seit die Autos dicker werden“, muss sie sich auf der Straße, im Vorbeigehen, Sprüche anhören wie: „Die ganze Straße ist voller Fitnesscenter. Und zwar für Leute wie dich.“
Letztens stand sie in einem Laden, und eine junge, adrette Mutter mit frischem Baby wollte an ihr vorbei, es wurde eng. Da keifte die Jungmutter: „30 Kilo weniger, und es wäre für uns beide Platz.“ Brigitte hatte Krebs vor sieben Jahren, durch die Chemotherapie hat sie 40 Kilo zugenommen. „Und in meinem Alter kann ich die einfach nicht mehr so leicht abnehmen. Ich hab Arthrose, deswegen fällt Sport weg, und weniger essen als wenig essen, kann ich nicht, ich muss essen, weil ich Opiate wegen der Schmerzen nehmen muss. Aber das interessiert die Leute nicht. Die sehen nur, was sie sehen. Aber wenn es sie so aufregt, wenn es sie so sehr belastet, dass ich so aussehe, wie ich aussehe – warum kommt dann nicht mal einer, und fragt, WARUM es so ist? Ich bin schon eine gefestigte Person, aber, ganz ehrlich, solche Sprüche sind verletzend. Speziell hier in der Straße, wo nur noch so wenige ältere Leute wohnen, sind die Leute so heuchlerisch. Dabei wohnen hier doch so viele Kreative! Ich seh doch, wie viele tagsüber in den Cafés am Laptop arbeiten, oder auf ihren Balkonen. Und von Kreativen sollte man doch erwarten, dass sie etwas offener sind, die Schubladen im Schrank lassen, nicht diese Scheuklappen tragen! Wie soll man denn etwas Schönes schaffen, wenn man nur sich selbst reproduziert? Sie tun alle so unheimlich tolerant, aber das gilt nur für ihresgleichen. Sobald man von der Norm abweicht…“
Ja, oh ja, sie würde gerne woanders hin ziehen. Aber für ihre 120 qm Parkettwohnung zahlen sie einen Quadratmeterpreis von unter 3 Euro. „Da ziehen wir natürlich nicht aus. Auch wenn die Treppen für mich wegen der Arthrose eine Qual sind.“
Später zeigt sie mir noch die über und über mit Fotos behangene Wand vorm Wohnzimmer, hier ihre Tochter schwanger, da ihr Enkel in der Schaukel, sie selbst als lila Kassandra an Halloween, den Schalk in den Augen. „Komm jederzeit wieder vorbei, ich freu mich!“ verabschiedet sie mich. Als ich den Tragesitz wieder anlege, gebe ich ihr kurzerhand das Baby zu halten. Wohlgemerkt, kurzerhand. Und das Baby schaut sie an und gluckst.

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Brigitte hat Recht! Lang lebe die scheuklappen-freie Welt!