Noch 191 Tage, schon 9 Kaffees: Simon

Mache mich heute schon vormittags auf den Weg, ins letzte Relikt aus der präsanierten Ost-Epoche zu gelangen. An einer Wohnungstür hängt sogar eine der „damals“ üblichen Papierrollen für Abwesenheitsnotizen und IchWarDaBotschaften. Darauf gekritzelt: „Out on the streets with J. Back soon“. Na, dann vielleicht beim nächsten Mal. Ein paar Türen weiter raschelt es erst klamötterig, bis Simon in Jeans, also: nur in Jeans, die Tür aufmacht. „Kuchen? Cool, komm rein. Kaffee hab ich selber.“ Er zeigt mir das Wohnzimmer und verschwindet erstmal, um sich fertig anzuziehen. Stimmt, ist ja Sonntag. Hab ich früher auch mal ausgeschlafen.

Check. Fernsehcouch, Typ junges Ikea, darauf verschiedenste Fernbedienungen. Auf dem Fernsehcouchglastischchen amerikanische Landschaft: sanft ansteigende Briefkasteninhaltsberge, üppig-grüne Bierflaschenvegetation, ein, zwei  fröhlich übersprudelnde Aschenbecher. Nicht aufgehangene Kunst- und Fotodrucke lehnen an der Wand (Simon ist Leinwanddrucker). Neben dem Flachbildschirmfernseher: Kraftbank mit Hantelfamilie. Eine Katze, trotzdem Wollmäuse. Gelebte – und wahrscheinlich auch belebte – Auslegeware auf Dielen. „Ick hoffe, du bist nich auf Katzenhaare allergisch.“ Na, dit wird ja wohl dit Schlimmste hier nich sein. „Normalerweise ist hier alles super aufgeräumt!“ sagt er. „Genau das hab ich mir auch grad gedacht.“ geb ich zurück. Wir grinsen und verlagern uns in die Küche, wo Simon den Wasserkocher aufsetzt für Türkisch Kaffee. In der Küche steht noch ein alter Backofen, den Simon im Winter manchmal in Betrieb nimmt, um die Küche etwas warm zu kriegen.

Simon ist Ende Zwanzig und auch er gibt mir wieder Anlass, mich zu wundern, mit welch einer Natürlichkeit mich Leute so angstfrei in ihrer Wohnung willkommnen – völlig ohne fremdeln. So, als hätte man mich zum Kaffee schon erwartet. Ist es denn so alltäglich, dass ein wildfremder Mensch vor der Tür steht, um sein zusammengestümpertes Backwerk in Gesellschaft und mit nem kleinen Schwatz zu verspeisen? Doch, ja, ich wundere mich!

Simon setzt sich neben mich auf die Couch. „Stört’s dich, wenn ich eine rauche? Ich hab noch nicht gefrühstückt“. Mmh, hau rein.

„Prenzlauer Berg, ja. Hm. Ich sag mal so: da könnt ich mich jetzt künstlich aufregen – tu ich aber nicht. Ich kann’s ja sowieso nicht ändern! Aber nervig ist es schon, dass jetzt ab 22 Uhr vor der Kneipe schon mal die Bullen auftauchen, weil sich Anwohner beschwert haben. Das war früher anders, da konnte man auf der Straße sitzen, so lang man wollte, das hat einfach niemanden gestört. Das sind die ersten Anzeichen, irgendwann hat dann auch Berlin nen Zapfenstreich. Naja, und dann die vielen Kinder… obwohl, ach was, sooo schlimm sind die ja auch nicht.“

Weg hier, raus aus dem Prenzlauer Berg, will er aber auf keinen Fall, er ist hier geboren, und die meisten, mit denen er aufgewachsen ist, wohnen hier immer noch. „Das hier ist für mich Heimat.“ Ein paar müssen schließlich die Fahnen hoch halten.

Fehlt nur noch, dass saniert wird. Er jedenfalls wartet sehnsüchtigst darauf. „Ich musste schon zwei Frauen deswegen gehen lassen“, er macht eine Rundumgeste und seufzt, „weil die natürlich nicht zu halten sind, wenn keine Dusche in der Wohnung ist, und im Winter der Atem als Reihrauf im Zimmer steht.“ Die Katze ist zwischen uns gesprungen, als wir sie zufällig beide streicheln, wird es mir für einen Moment zu intim, à propos Frauen. Bilde ich es mir ein, oder rutscht Simon zentimeterweise näher?

„Früher bin ich bei meiner Mama duschen gegangen, die hat eins über mir gewohnt. Die ist jetzt aber ausgezogen, wollte mehr Luxus. Aber unter mir wohnt mein Bruder, geh ich halt zu ihm zum Duschen. Das macht mir auch nichts aus, ich bin es einfach so gewohnt.“

Und warum wird nicht saniert? „Weil das hier ner jüdischen Erbengemeinschaft gehört, die sich nicht einig wird.“ Ach, und ich dachte, hier wär ein Zeckennest, eine Widerstandshochburg. „Nee. Also sicher wird’s ein paar geben, die sich erst mal querstellen werden. Aber die meisten warten auf die Sanierung.“ Irgendwann wird es so weit sein. Wenn jetzt jemand auszieht, wird die Wohnung schon gar nicht mehr weiter vermietet. „Oben stehen schon zwei Wohnungen leer. Und mein Bruder, der ist nach mir eingezogen, der hat beispielsweise nur noch Nutzungsrecht. Die wollen die Leute raus haben, Erstbezug ist denen natürlich lieber, als so olle Mieter, denen sie nur schrittweise erhöhen dürfen.“

Mittlerweile liegt mir seine Hand dann aber doch ein bisschen zu nah neben meinem Oberschenkel. Ich bin sicher, dass es nicht beabsichtigt ist. Aber dann auch wieder nicht ganz so sicher. Ich kippe meinen Kaffee, „ich mach mal los.“

Als ich nach Hause komme, ist der Mann fix und fertig. Er hat tausenmal versucht, mich anzurufen, mein Handy war lautlos und ich hab’s nicht gemerkt, mir nur die ganze Zeit gedacht: komisch, warum ruft er denn nicht an? Dass das Baby so lang schläft…? „Bist du wahnsinnig, nicht ans Telefon zu gehen?“ Er ist ziemlich aufgelöst. „Ich hab mir so Sorgen gemacht! Allen Ernstes, um halb hätt ich die Polizei gerufen.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 191 Tage, schon 9 Kaffees: Simon

  1. Zeimen Bob schreibt:

    Hmmmm, ist mir gar nicht aufgefallen, dass die Hand sich selbständig gemacht hat!!! Vlt. war ich ja noch im Halbschlaf, hatte ja auch noch nicht gefrühstückt!

    Dennoch eine sehr nette und interessante Begegnung (ohne Handbewegung)! ;-)
    Danke dafür.

    ps: Vor einigen Jahren hättest du deine Wette wahrscheinlich gewonnen…!

    • rotkapi schreibt:

      Lieber Simon –
      genau dein P.S. hab ich mir letztens auch gedacht, als ich vor diesem unsäglich luxusrenovierten Haus in der Winsstraße stand! Aber dann wollte ich den 130 anderen, die mich reingelassen haben, kein Unrecht tun. Und hab es auf die Weihnachtszeit geschoben! (Und meine Kraftlosigkeit).
      Im Übrigen nimm mir nicht übel, dass ich eine verschobene Hand wahrgenommen habe, heute muss ich lachen, wenn ich das lese – sooo attraktiv bin ich nun auch nicht – aber ich war einfach wahnsinnig nervös. Eine verschobene Hand würde ich mittlerweile mit all der Routine ebenso wenig wahrnehmen, wie andere Gespenster…
      Danke dir für’s michSoSelbstverständlichReinlassen!

  2. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

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