Besuch kommt heute und wird mich in Wettverzug bringen, ich fürchte es. Gulasch muss gefüttert, das Baby auf kleiner Flamme gekocht werden. Nein! Umgekehrt. Herrje. Der Mann hat selbst Wichtiges zu tun und gibt mir eine halbe Stunde Auslauf für Kaffeetrinken, einer muss ja da sein und dieses elendige Gulasch umrühren, noch dazu „regelmäßig“, auf dass es nicht anbrenne. Eine halbe Stunde ist zu kurz, um Haustüren abzuklappern. Ich ziehe also einen meiner Joker: Franz. Franz ist Nachbar, letztens lief ich ihm auf der Straße mit meinem KaffeeUndKuchenBauchladen in die Arme. Woher, wohin, ich erkläre mein Projekt. „Ja, dann klingel mal bei mir!“ Und aus der Einladung mach ich jetzt Ernst.
Franz öffnet und zuckt zusammen, als er mich herrlich aufmunternd grinsend mit vorgehaltenen „Süßen Schneebällchen“ (Frisch gebacken! Denn Angelika hat den Käsekuchen terminiert. Endlich! Nie wieder Käsekuchen!) vor seiner Schwelle stehen sieht, das Bein zum Reinkommen schon angehoben. „Och nee, nicht jetzt! Ich bin so verkatert!“ Ich grinse noch mehr, ein strahlendes Lächeln, wieder einmal müssen die Wimpern klimpern. „Na gut. Aber nur ne halbe Stunde!“ Auch ich hab nur ne halbe Stunde, rinn in de Bude!
Oh. Schöne Küche. Abgezogene Dielen, creme caramel gelbe Wände, ein 50er Jahre Küchenbuffet, eine wie eine Kinderzeichnung mit Holzstiften bemalte Kammertür, ein Holztisch mit eingelassener Glasplatte. Spüle, Herd. Punkt. Und einige auffallend geschmackvoll ausgewählt zeitgenössische Bilder an der Wand, Konzeptkunst ist auch dabei. Ich bin interessiert.
Franz macht mir Wasser heiß, er selber trinkt nichts. „Nicht noch einen Kaffee! Höchstens so ein Ding da“, auf die Schneebälle deut. Gestern waren Freunde da, die ihm beim Computer geholfen haben, er hat sich mit „Risotto“ revanchiert, erklärt er seinen Kater und das Geschirr in der Spüle. Franz beginnt mit einem Nähkästchenexkurs über die nachbarschaftlichen und vermieterlichen Eigenheiten. Die darf ich aber nicht wieder geben, also geb ich sie nicht wieder.
„Ich komm aus Hannover, das ist nun wirklich ein Kaff.“ Franz ist Kunstkritiker. Ah, deshalb. „Anfangs war ich eh immer drei, viermal die Woche hier in Berlin, vor zwölf Jahren bin ich dann hergezogen. Damals (also vor der Wende) war die Kunstszene, die deutsche, in Köln, Düsseldorf, und noch ein bisschen in München. Heute ist alles in Berlin. Früher sind die Künstler alle nach New York oder London, das kann sich heute aber niemand mehr leisten, das heißt, kein Künstler kann sich das mehr leisten. Berlin hingegen ist immer noch günstig, es gibt eine ausgeprägte Schwulenszene, was für Künstler nicht unwichtig ist, es gibt guten Techno und so weiter. Die leben also alle hier. Auf der Biennale in Venedig treffe ich mindestens fünf Leute, die auch hier wohnen. Also nicht alle hier in der Straße, aber doch parallel und kreuz, hier im Gebiet.“
Eingezogen ist Franz mit seiner damaligen Freundin, „hat aber nicht gehalten“. Aber daher die große Wohnung. „Eigentlich brauch ich keine zwei Zimmer, aber für die Miete, die ich jetzt zahle, krieg ich nicht mal was Kleineres.“ Sein Quadratmeterpreis liegt um die drei Euro. „Dafür heiz ich aber auch noch mit Kohle. Im Winter nehm ich das zweite Zimmer gar nicht in Betrieb, weil ich keine Lust habe, zwei Öfen zu heizen.“
Franz arbeitet als Freelancer, „ich verkaufe mich. Also, ich verkaufe meine Artikel. Das bedeutet, dass ich mal einen Monat viel Geld verdiene, und einen Monat weniger, je nachdem, ob ein Magazin meine Kritiken haben will, oder nicht. Oder ob ich eine Ausstellung machen kann, oder nicht. Da ist es wichtig, dass die Miete kalkulierbar bleibt.“ Morgens trinkt er seinen Kaffee in seinem Stammcafé, wenn er dann zurück kommt in die Wohnung, schließt er sozusagen sein Büro auf. „Das ist mein morgendlicher Arbeitsweg.“
Was er hier an Veränderung wahrnimmt, ist, dass es immer weniger gute Kneipen gibt. Aber er ja wird auch älter, sprich: häuslicher.
„Was mich hier allerdings etwas nervt: wenn ich mit fünf Leuten essen gehe, und es ist ein Däne dabei, der zwar schon seit vier Jahren in Deutschland lebt, aber immer noch kein Deutsch spricht, dann redet trotzdem der ganze Tisch wegen dieser einen Person Englisch. Natürlich muss ich nicht Deutsch lernen, wenn ich ein Viertel Jahr mit einem Stipendium hierher komme – aber wenn ich hier lebe? Dann fühlen sich aber dann doch alle irgendwie geschmeichelt, weil man sich ja ganz passabel auf Englisch unterhalten kann und weil man dabei natürlich auch noch sein Englisch übt – aber das ist doch keine gute Entwicklung! Hier auf der Straße, wenn du lang gehst, hörst du schon mehr Englisch, als Deutsch.“
„Wusstest du, dass er Kunstkritiker ist?“ frage ich den Mann, als ich ihn am Herd ablöse. Schließlich sind er und Franz schon jahrelang Treppenhausfreunde. Der Mann zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. „Kunstkritiker? Nö, das wusst ich nicht.“

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