Noch 190 Tage, schon 10 Kaffees: Angelika

Ich habe gewettet, in 200 Tagen 200 fremde Leute in ihren Wohnungen zu besuchen – ob sie Lust hat, mit mir einen Kaffee zu trinken? Kuchen zu essen? Heute wär’s Käsekuchen. „Das klingt gut! Das nehm ich!“ Angelika drückt den Summer.

An der Wohnungstür hängt bunt lasiertes Tongebranntes, „Familie“ steht da. Oh, wow, die erste Familie?! Und ausgerechnet heute ist nur noch ein Viertel Käsekuchen übrig (von wegen Diät, lieber Mann!) und meine Überraschungstüte hab ich auch nicht dabei, die, aus der sich kleine Kinder zu Bestechungszwecken gefälligst was aussuchen sollen, ein Gummitier oder einen Flummi. Oder sonst irgendwas. Jaha, wenn ich denn mal die kleinen Kinder träfe! Denn die Kinder von Angelika sind beide gerade ausgezogen. Die eine, um Restauratorin zu werden, die andere, um ins Immobiliengeschäft einzusteigen, für Flummis, glaub ich, bin ich da etwas spät dran.

Angelika ist Mitte 40,  Lachfältchen um die Augen. „Das kommt mir gerade recht!“ lacht sie, mit einem neugierigen Blick auf den Käsekuchen, „Was für eine tolle Idee.“ Sie bittet mich ins Wohnzimmer. Dicker Teppich, 90er Eckcouch, Wohnzimmertisch mit Tischdecke, viele viele Bilder an den Wänden, bis unter die Decke. Ihr Mann sammelt die, „wenn er in einem Laden ein altes Bild entdeckt, dann kann er nicht anders.“ Angelika deckt den Tisch mit Kaffeegeschirr ein und erzählt stolz und freudig von ihren Töchtern, und wie sie dabei sind, ihre eigenen und eigenwilligen Wege zu gehen.

Wir sind mitten drin im Kaffeeklatsch, als der Mann anruft. Das Baby kreischt wie am Spieß. Der Mann ist ratlos. Ich bin es nicht, ich hole schnell das Baby, bin ja um die Ecke. Als ich ins Wohnzimmer zurückkomme, hat Angelika gerade das Wasser aufgegossen, der Einfachheit halber trinkt sie ihren Kaffee türkisch, dann muss für eine Tasse nicht die Filtermaschine durchlaufen.

Sie und ihr Mann leben hier seit 25 Jahren. Angelika kommt vom Dorf, vom Bauernhof. „Das Melken kann ich noch! Wir haben grade Urlaub auf einem Bauernhof in Bayern gemacht, unsere Töchter wollen ja immer unbedingt auf einen Bauernhof. Da haben die Kühe ganz schön geschaut, als ich sie gemelkt habe, die sind ja nur noch die Maschinen gewohnt.“ Angelika mit Kopftuch und hoch gekrämpelten Ärmeln auf einem Melkschemel – die Vorstellung passt.

Aber sie wollte damals unbedingt in die Stadt. „Ich bin Städterin!“ Eigentlich wollte sie Biologie studieren. Aber ihre Schwestern und sie durften in der DDR nicht mal Abitur machen, trotz hervorragender Leistungen. „Wir haben es sogar schriftlich bekommen: „Sie wurden leider in die falsche Familie hineingeboren“ hieß es. Meine Eltern hatten noch Anfang 60 einen Ausreiseantrag gestellt, in der FDJ war ich auch nicht.

Und obwohl der Zuzug in die Stadt eigentlich verboten war, weil ihnen auf dem Land die Jugend davon gerannt ist – selbst die Tochter vom Bürgermeister ist im Kuhstall gelandet – hab ich es geschafft, hier in Berlin eine Stelle zu bekommen.“ Angelika arbeitet als MTA. „Und diese Wohnung hier, die wurde kurz nach der Wende saniert. Naja, was heißt saniert, die Wohnungsgemeinschaft, die das verwaltet hat, hat, kurz bevor es an den Verkauf ging, hier die Heizung eingebaut.“ Wer sanierte, oder investierte, hatte dann nämlich das Vorkaufsrecht. „Also haben sie schnell die Heizung eingebaut, das war das einfachste, eine Sache von vierzehn Tagen, rein, raus, sonst haben sie nichts gemacht – Fenster nicht, Böden nicht, nichts, und die Heizung ist auch nicht für Warmwasser, das muss ich immer noch mit Gas machen. Aber durch die Heizung wurde die Miete deutlich teurer. Dann fiel auch noch die Nord-Ost-Ausrichtung als mietmindernder Umstand im Mietspiegel weg, und dann noch die schrittweise Anhebung durch die Aufbesserung der Wohnlage – was die Miete betrifft, sind wir hier.“ sie fährt sich mit der flachen Hand unter das hochgereckte Kinn. „Und ich brauch das nicht, eine geflieste Arbeitsplatte, oder ein voll gefliestes Bad, ich fahr lieber in Urlaub!“

Natürlich haben sie überlegt, jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, vielleicht etwas Kleineres zu suchen, auf dem Land vielleicht – aber sie haben einen Kleingarten und außerdem lebt sie gern hier. „Auch wenn es sich verändert. Das merk ich vor allem an den Müttern. Die Mütter heute“, hebt Angelika an und unterbricht sich.  Schließlich hab auch ich just im Moment ein Baby auf dem Arm, und dieses Baby ist nicht nur das meine, dieses Baby beißt auch noch gerade herzhaft in einen Plastikelefanten, den wir, der lieben Bespaßung wegen, von Angelika ausgeliehen bekommen haben. Sie entscheidet sich, fortzufahren: „…die sind so egoistisch, so egozentrisch“, sie hält sich die Hände als Scheuklappen ins Blickfeld, „es geht nur um sie. Da ist auch viel Arroganz dabei. Letztens waren in der Kaufhalle fünf Kinder mit diesen Laufrädern unterwegs, hin und her, zwischen den Beinen durch! Kinderwagen, gut und schön, das muss ja sein, aber dann diese breiten Kinderwaggons, Fahrradanhänger und auch noch diese Laufräder im Supermarkt, ich meine, es muss doch auch irgendwann Schluss sein! Wo ist denn da die Rücksichtnahme?“ fragt sie und nimmt sich noch ein Stück Kuchen.

Für Angelika ist die mangelnde Rücksichtnahme aber kein Problem, das nur den Prenzlauer Berg betrifft, oder nur die Mütter hier. „Ich finde, das ist ein Problem unserer Zeit, unserer Gesellschaft, dass jeder nur noch für sich weiterkommen will. Früher war es zum Beispiel selbstverständlich, dass man Paten in der Schule hatte. Jeder gute Schüler war Pate für ein, zwei schlechtere aus der gleichen Klasse. Ich war gut in Mathe, ich war Pate für zwei Mitschüler. Einmal die Woche haben wir uns getroffen und sind den Stoff durchgegangen. Und dabei lernt man ja selber auch, beim Erklären! Aber das verstehen die Leute nicht, dass es ihnen besser geht, wenn es dem anderen auch besser geht. Heutzutage ist es egal, ob der andere mitkommt. Im Gegenteil, es ist sogar vorteilhafter, wenn er nicht mitkommt, dann ist man ja selber weiter vorn. Und das hat sich schon ziemlich geändert.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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