Wieder auf der Straße. Zuerst begegne ich Brigitte. „Bist wieder auf Tour?“ fragt sie mit ihrem herrlichen Wiener Dialekt, „wohin gehst heut?“ „Weiß ich noch nicht, ich lass mich anschwemmen.“ Ein Stück weiter kommt mir Frau Schwarz entgegen: „Uns ist aufgefallen, dass Sie in Ihrem Blog die Brotfabrik mit dem Pfefferberg verwechselt haben!“ – „Oh, Sie haben es gelesen? Ich hoffe, Sie nehmen mir nicht übel, dass ich Ihren Mann zuerst für Ihren Liebhaber hielt!?“ „Aber nein“, entgegnet sie, „das hat uns amüsiert. Ist doch interessant, wie einen andere von außen sehen.“
Heute öffnet mir Laura die Tür, sie dachte, ich wär ihre Mutter. Freundlich hört sie mir zu, als ich erkläre, warum ich mit Kuchen (noch immer die Süßen Schneebälle, obwohl Besuch und die eigene Gier ihren Bestand bereits bedrohlich dezimiert haben.) und Kaffeeutensilien vor ihrer Wohnungstür stehe. Ich habe da eine Wette, und in 200 Tagen will ich mich bei 200 Leuten selbst zum Kaffee einladen, um über den Prenzlauer Berg zu reden. Noch liege ich gut im Rennen, auch wenn ich ein Kaffeekränzchen im Verzug bin. Laura begleitet meine Ausführungen höflich lächelnd nickend, als warte sie auf den Schlusspunkt, um mich weiter schicken zu können, weil ja die Mama nicht da ist, aber gleich kommt und sie nicht weiß und so weiter.
Aber von wegen. Sie freut sich richtig: „Das ist ja ne irre Idee, komm rein. Eigentlich wollte ich grade zum Sport, aber ich kann auch noch später gehen.“
In ihrer Küche fällt neben dem mit Schnitzereien schön verzierten alten Küchenbuffet der lange Holztisch mit den acht bunt zusammen gewürfelten Stühlen auf. „Wir sind fünf Kinder. Ich bin die Mittlere. Zwei sind schon ausgezogen, mein kleiner Bruder schläft, weil wir heute Abend in die Harry Potter PreView gehen. Und meine kleine Schwester macht ne Ausbildung, deswegen muss sie arbeiten, und ich hab Ferien.“
Laura ist 19 und hat gerade ihr Abi gemacht. Außerdem sind in der Küche auch noch verschiedene Fressnäpfe für die zwei Hunde und den Kater. „Hast du Tiere?“, fragt sie. Nein. Das heißt, ja, doch, wir haben ein Aquarium, aber das ist total… „Spießig!“ führt sie prustend meinen Satz zu Ende, „wir haben auch ein Aquarium, da waren Axolotls drin. Bis wir entdeckt haben, dass sie die anderen Fische fressen.“ Sie macht mir vor, wie Axolotls jagen.
„So, und was muss ich jetzt tun?“ Nimm dir einen Schneeball. „Hm, lecker. Was ist da drin?“
Laura sprudelt. „Wir wohnen hier seit 16 Jahren. Und die Wohnung ist super, total billig. Nur der Vermieter macht hier nichts, kuck mal!“, sie zeigt an die Decke, wo ein riesiger Wasserschadenfleck prangt, „der ist da schon seit nem halben Jahr.“
Laura will Spanisch und Deutsch studieren, sie hat sich schon an fünf Unis beworben. „Aber alle wollen nach Berlin, weil keine Studiengebühren und so. Wenn es hier nicht klappt, dann geh ich halt nach Greifswald. Da ist die Uni gut und es gibt keinen NC.“
Sie war auf der Gesamtschule, beim Thema Gesamtschule verdreht sie die Augen und stöhnt. „Gesamtschule, puh. Das ist übel. Es gibt zwei Niveaus, und wenn du auf das schlechtere Niveau gestuft wirst, dann lernst du praktisch überhaupt nichts mehr, weil da nur welche drin sind, die keinen Bock auf gar nix haben. Irgendwann geben die Lehrer dann nicht mal mehr Hausaufgaben, weil sie eh keiner macht. Und was sollen sie auch tun? Sie können ja niemanden zwingen.“
Und wie lebt sich’s hier? „Was mich so irritiert, ist, wie wenig Ausländer es hier im Prenzlauer Berg gibt. Vor allem im Vergleich zu den anderen Bezirken, wie Kreuzberg, Wedding und Neukölln. In meinem Jahrgang waren nur vier Ausländer. Im ganzen Jahrgang! Und dann gibt es eine Portugiesische Klasse, weil meine Schule jetzt einen auf Europaschule macht. Aber mit Integration hat das überhaupt nichts zu tun, weil die ja in ihrer eigenen Klasse waren.“
Neben der Schule arbeitet Laura bei Kaisers, früher bei DiscoKaisers in der Winsstraße (bunte Discokugeln verschönern dort das Einkaufen bis 24Uhr), nun in der Ostseestraße. Und? Unterscheiden sich die Kunden hier und dort? „Ja, und wie!“ ruft sie und reißt zur Betonung noch die Augen auf. „Hier in der Winsstraße sind ganz viele…“, (sie rümpft die Nase) „MÜTTER, die viele Bio Sachen einkaufen, und überhaupt eher die teureren Produkte, und so SchnöselStyloFashionsUnterDreißig, die abends ne Flasche Wein für 50 Euro kaufen. Also, 50 Euro ist jetzt übertrieben, aber die holen sich schon eher den teuren Wein. In der Ostseestraße kommen die ärmeren Schichten – wie sagt man das korrekt: „ärmere Schichten“?“ Wir einigen uns, dass man das so sagen kann. „Und Prolljugendliche. Dort kauft man viel mehr Billigprodukte, die hier in der Winsstraße zum Beispiel gar nicht im Sortiment sind.“
Und bei Kaisers ist es keine Seltenheit, dass mit 500 Euro Scheinen gezahlt wird. 100 Euro Scheine und 200 Euro Scheine sind ganz normal. „Und ihre 50er haben sie so in Bündeln, in so Geldrollen. Einmal hatte einer eine Fleischrechnung von der Fleischtheke: 290 Euro! Da hätt mich mal interessiert, was er da so eingekauft hat, viel war’s ja nicht, aber ist ja in Papiertüten, kann ich ja schlecht aufmachen. Aber hey, 290 Euro! Und er so, klar, zieh ich mal ein paar Scheinchen aus meiner Geldrolle. Und ich sitze da, mhm, alles klar.“
Aber sie wird bei Kaisers noch gut bezahlt, bei Norma kriegt man nur 5 Euro die Stunde, „die Schweine, der Mindestlohn ist aber bei 7,50. Und bei Lidl muss man außerdem 45 Bieps in der Minute haben, also 45 Mal die Minute biep biep biep. Sonst gibt’s ne Abmahnung. Ich schaffe 32 Bieps, und ich bin wirklich nicht die Langsamste. Ich frag mich, wie die das hinkriegen, mit ihren 45 Bieps.“
Im Treppenhaus ruft mir Laura hinterher: „Jetzt hast du doch deinen Teller vergessen!“ Ich steige wieder hinan. Da kommt mir der kleine Bruder entgegen gelaufen, mit dem Teller. Welch glorreiche Gelegenheit! Ich lasse ihn ein Gummitier aus meiner Überraschungstüte aussuchen, er zieht sich einen feuerroten Salamander. „Woah cool, den nehm ich! Danke!“ und schon flitzt er wieder hoch.

Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins
LLL: Lang lebe Laura!