Noch 185 Tage und schon 14 Kaffees: Dani, Volker, Luisa und Frida

Dani zögert erst, ob sie mich reinlassen soll (wobei sie, meine ich, nicht der Grundidee wegen zögert, sondern weil ich ihr einfach ungelegen komme). „Wir haben gerade gefrühstückt.“ „Oh weh“, wird sie später sagen, als ich erkläre, dass mir für meine Erhebung nicht unerheblich ist, wie ich aufgenommen werde, „und ich hab am Anfang gesagt, dass wir grade erst gefrühstückt haben!“

Die Töchter, Frida und Luisa, sind vier und sieben, aufgeweckt und selbstbewusst und suchen sich ihre Murmeln (aus meiner Überraschungstüte! Oh, ich mag meine Überraschungstüte.) mit einer, wie soll ich sagen…, Wertschätzung aus, dass ich neugierig werde.

Dann kommt auch noch Volker im Bademantel (ach, da ist ja noch jemand!? Das ist was anderes als dieses snobbige Pärchen nach dem Axel-Erlebnis, wo Männchen erst Weibchen ob seiner Hereinlassfähigkeit befragen musste, Weibchen aber lehnte ab) und gibt mir die Hand. „Ich bin Volker.“ Ich glaube tatsächlich, er sagte noch so was wie „Willkommen“. Okay, hier wohnt eine besondere Gelassenheit.

Wir lassen uns in der Küche nieder – Retrotapete an einer Wand, 50er Jahre Polsterstuhl, alles ein bisschen 50er. Ich setze mich an den abgeschliffenen Holztisch, auf die Kinderbank, einer herrlich improvisierten Backsteinturm-Brett-Angelegenheit.

Es war Volkers Umsetzwohnung, in der sie dann letztendlich hängen geblieben sind. „Da hatte dann die Flucht vor der Sanierung ein Ende.“ Dani fühlt sich „ganz klar“ eher Kreuzberg– Neukölln. „Das Leben hier bezeichne ich als „Glücksblase“. Das ist doch nicht echt. Alle sind so tolle Familien, und die Großeltern kommen vorbei und kümmern sich so liebevoll um die Enkel…“ Und von Multikulti keine Spur. „Während unserer letzten Zugfahrt kam eine Frau rein mit ihrer Tochter, beide mit Kopftuch, und Frida hat die angestarrt, weil sie es ja nicht kannte – würden wir in Kreuzberg wohnen, wäre das überhaupt kein Thema.“

„Manchmal habe ich Phasen, wo es mich hier aufregt, aber andererseits, wir passen ja selbst ins Schema, wir sind zwei Akademiker aus dem Westen, frei schaffend, mit zwei Kindern. (Und einem Klavier.)“

Dani organisiert Ausstellungen, Volker ist Fotograf. Vor sieben Jahren ging er selbst – „ähnlich wie du“ – auf „Wanderschaft“: drei Monate lang wanderte er von Berlin nach Basel, um auf der Reise Menschen zu fotografieren und aus ihren Porträts Daumenkinos zu machen. Die Daumenkinos präsentierte er in einer Miniausstellung auf einem Bauchladen, die Leute gaben entweder Geld oder Essen. So schlug er sich mit Bauchladen, Kamera und Zelt durch. „Man braucht nicht viel.“

„Ich konfrontiere die Menschen damit, dass ich so viele Bilder hintereinander mache, nicht nur eins. Damit rechnen sie nicht. Und dadurch kommt es dann zu diesen Übersprungshandlungen, diesen Momenten, in denen die Menschen authentisch sind, ganz ehrlich reagieren. Verlegen zum Beispiel. Und diese Momente sind es, die mich interessieren.“ Er zeigt mir das Daumenkino, das er von Dani gemacht hat, in der S Bahn, kurz, nachdem sie sich kennen lernten. Es funktioniert tatsächlich, das gestohlene Miterleben eines sehr intimen weil maskenfreien Moments. Nah am Wasser gebaut, wie ich nun mal bin, fährt er mir richtig in die Glieder, der Moment, schnief.

Hoppladihopp kam Volker dazu, seine Daumenkinos mal in einem Theaterabend zu präsentieren – und der kam so gut an, dass Volker seither mit diesem Abend quer durch die Lande tourt und davon leben kann. Dani hat seinen ersten Abend gesehen und war viel aufgeregter, als er. „Ich saß hinten in der letzten Reihe und dachte nur die ganze Zeit: Alle müssen sich doch jetzt in den verlieben. In den MUSS man sich doch einfach verlieben!“ Es macht richtig gute Laune, sie so verliebt zu sehen.

Volker geht immer noch auf Wanderschaft, für neue Daumenkinos. „Und es hat mich mit Deutschland versöhnt, zu erfahren, dass es überall dann doch offene und herzliche und neugierige Menschen gibt.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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