Alexander wohnt in einer kleinen, schönen, unsanierten Einzimmerwohnung, seine Dusche ist in der Küche, sein Klo eine halbe Etage höher im Treppenhaus. Die eine Hälfte des Zimmers ist Bett plus das übliche männliche HiFi angelegte, die andere Hälfte sind bibliotheksentliehene Bücherstapel und Holzkistentürme. „Das ist mein Fundus“, erklärt er, als er ausgekaut hat. (Ist der Kuchen schon wieder so trocken? Er ist es, Brösel, Brösel.) “Stoffe, Requisiten, Decken, Abdrücke und so weiter.” Marionetten hängen in Kokons, Spielpuppen stehen unter der Kleiderstange. Alexander ist Puppenspieler, vielmehr: studierter Figurentheatermensch. Nach der Wende gab er sich die „volle Westkante“ und ist nach Stuttgart gezogen, um zu studieren. „Es ist schon absurd, dass die mich jetzt hier wieder heimsuchen.“
„In Stuttgart sind sie so: Brust auf, Brust zu, wer weicht aus, wer zieht’s durch. Auf den Gehwegen herrscht ein permanenter Machtkampf, ein einziges Bewerten. In Stuttgart bin ich regelrecht Slalom gegangen, weil ich keine Lust auf diese Art von Hierarchiegebilde hatte. Es sind nur fünf Meter bis zum andern, aber in diesen fünf Metern rattern sichtlich die Gedanken: was verdient er wohl, wie viel Geld hat er wohl, was trägt er wohl, und wo hat er es wohl her. Hier in Berlin funktioniert das Ausweichen viel besser, weil alle so eingetaktet sind und sich schon von zehn Metern Entfernung taxieren, da geht das Ausweichen viel flüssiger, es ist ein Atmen auf der Straße, und man nimmt diesen Atem auf. Und die Touristen erkennt man daran, dass sie das mit dem Ausweichen nicht so drauf haben. Aber mittlerweile kommen immer mehr von diesen Stuttgarter Statusspielchen auch hierher.“
Alexander spricht Körpersprache, ihm fällt auf, ob das Straßenbild von Beckenvorschiebern (Zentrum des Willens, das sind die „Machtmenschen“), von Brustvorschiebern (Herz istgleich Gefühl) oder Kopfvorangehern (Verstand) geprägt wird.
In Magdeburg, wo Alexander acht Jahre lang gearbeitet hat, sind die Menschen „eher wie Kühe, die schaffen es auch nicht, Sehen und Körperaktion voneinander zu trennen, was sie sehen, darauf bewegen sie sich sofort zu, Kopf folgt Auge, Körper folgt Kopf. Da passiert es, dass einen an der Tramhaltestell die Leute einfach mauloffen angaffen (er macht es vor und plötzlich sitzt mir eine Kuh gegenüber, ich pruste los vor Lachen), das schaffen sonst nur Zenmeister, und dann kommen sie auch schon auf dich zu, wie Zombies. Im Supermarkt wird das zum Problem. Sobald dich die Leute wahrgenommen haben, rammen sie dich schon mitsamt ihrem Wagen.“ Seine Hände erzählen immer mit, ich sitze während des Kaffees in einer kleinen Puppentheatervorstellung und bekomme Lust, Alexander in echt auf der Bühne zu erleben, mitsamt seinen Puppen.
Alexander hat gerade eben für ein Stück einen lebensgroßen Kampfhund gebaut, der nach Wackedackelmanier mit dem Kopf wackeln und außerdem aus seinem „After“ Seifenblasen pupsen kann. Was für eine Idee! Alexander zeigt mir noch ein paar Arbeiten, unter anderem hüfthohe alte dicke Damen, die eine davon eine fernsteuerbare StehAufFigur, die andere hat einen Traktorenmotor eingebaut und kann (auch ferngesteuert) durch das Zimmer fahren. Herrlich sehen die aus. Dann gibt es noch eine strubbelige „Sexpuppe“, deren Busen zwei Luftballons sind, die man von hinten aufblasen kann. (Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Alexander erklärt dafür den Hintergrund des Stückes.) Alexander ist witzig, das steht fest.
„Früher bin ich einfach auf die Straße gegangen und hatte schon sofort gute Laune, einfach nur, weil ich auf die Straße raus bin, wo noch viele andere schräge Vögel waren. Die sind jetzt alle weg, es gibt kaum noch echte Künstler, geschweige denn, Überlebenskünstler. Wenn ich es pointiert ausdrücken will, sage ich: früher war in der Straße ne Siebdruckerei, dann kam ein Notar und jetzt ist ein Psychologe drin.“
„Neulich kam eine Sendung im Fernsehen, irgendwas über Offizielle Stasimitarbeiter, und da hat sich die Moderatorin verraten: sie wollte sagen: „die verdienten viel“, aber sie hat sich versprochen und sagte: „die waren sozial anerkannt.“ Aber das waren sie nicht! Im Gegenteil. Aber es ist bezeichnend dafür, was „soziale Anerkennung“ heute beinhaltet: Geld. Oder zumindest: was die Vorstellung von sozialer Anerkennung beinhaltet.“
„Ich merke, wie auch mich das verändert.“ gibt er später zu. „Früher bin ich in meinen Arbeitsklamotten zu Kaiser’s gegangen, um mir mein Frühstück zu holen, Gipsspritzer auf der Hose? Das war mir ziemlich egal. Aber heute zieh ich mich dafür um.“ Aha. Warum? Also, wer oder was zwingt dich denn dazu? „Naja, ich spiel das Spiel natürlich schon mit, das mit dem Bewerten. Man soll jetzt nicht von mir denken, ah, einer von den polnischen Bauarbeitern, die wieder irgendeine Wohnung sanieren. Man soll mich schon richtig einschätzen.“ Ah, und als was willst du eingeschätzt werden? „Als Künstler.“ Als Künstler, so, so. Mein Blick gleitet von seinem konventionell markenträchtigen T-Shirt auf seine konventionell wie langweilige Seitentaschenhose in „sahara“. Und, äh, mit Verlaub, woran erkennt man da jetzt den Künstler? „Na, ich hab mir so eine Nerdbrille gekauft.“ Ich schmunzle. Aber nicht lang, denn was ich für Selbstironie hielt, meint Alexander völlig ernst. Er zieht eine Hornbrille hervor. „Manche lassen sich ja Fensterglas reinmachen, ich aber bin wirklich kurzsichtig, das hab ich seit vier Jahren attestiert.“ Er setzt sich das Hornding auf und schaut mich erwartungsvoll an. Wow.

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