Noch 180 Tage und schon 19 Kaffees: Michael

Ob mich die Leute bereitwilliger reinlassen, wenn ich mit Baby in der Trage vor ihrer Tür stehe? Oder schreckt so ein Känguruhteam eher ab? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich noch keinen Babysitter habe. Glücklicherweise muss ich aber nicht lange Türklinken putzen,  erster Kontakt: Treffer. ”Das trifft sich, ich mach eh grad ne Pause.” Michael, Mitte Ende 30, wirkt amüsiert. (Im Hausflur tummelt sich ein Konvolut kleiner Kinderschuhe, so viel zum Känguruh).

“Ich hab einen Siebstempel”, (Ah, jetzt weiß ich endlich, wie man diesen “Kaffeebereiter” nennt!) “der dürfte ja im Prenzlauer Berg schon ausgestorben sein.” Mitnichten. Alles war schon dabei, recht gleichmäßig verteilt sogar, von Türkisch bis Milchschäumerhightech – lediglich den guten alten Filterhalter gab’s bisher noch nicht.

Wir gehen ins kleine Arbeitszimmer. Bücher, Schreibtisch, Laptop, sich gegenüber: zwei Sofas. Kissen. Vor lauter Wohlfühl und bequem nehm ich automatisch die Beine hoch zum Schneidersitz. Michael ist Schriftsteller, einer seiner Romane wird sogar soeben verfilmt, “was ein Riesenglück ist.”

Michael wohnt seit sechs Jahren in der Immanuelkirchstraße. “Das hier ist ein gemütlicher Kiez. Natürlich ist das hier sehr homogen. Aber wer will, kann ja in eine gemischtere Nachbarschaft ziehen.” Er sieht das eher unaufgeregt. ” Nur vor zwei Jahren, als das Carrée saniert wurde (die Festung), hab ich mir schon ein bisschen Sorgen gemacht. Es hieß ja, dass wir “erste Gentrificationgeneration” dann auch verdrängt werden, von Leuten mit Geld wie Heu. Aber das ist nicht passiert. Und ich glaube, dass das Phänomen Krise ihren Teil daran hat, deswegen wird es auch nicht mehr passieren.”

Neben dem Schreiben übersetzt Michael gerade einen Roman aus dem Katalanischen. Außerdem hat er eine Band, ein Musiker und drei Schriftsteller, die ihre Texte sprechen statt singen. Er zeigt mir zwei CDs. “Wir sind eine Zeit lang ziemlich viel getourt, es war ein großes Glück, diese Reisen machen zu können.” Und die Kita für die beiden Kinder haben er und seine Frau auch mitgegründet. Michael Tausendsassa.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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