Noch 179 Tage und schon 20 Kaffees: Antje und Yoyo

Nach Michael bin ich gleich weiter marschiert. Der Tag ist noch jung, das Baby fidel, klingel ich einfach noch mal. Erdgeschoß? Kann ich überspringen, laut Statistik lässt mich da eh niemand rein. Aber pro forma klingel ich trotzdem.

Und nun: Antje. Oh, die sieht sympathisch aus, denke ich, als sie die Tür öffnet, und “plies”, als sie mich abwimmeln will. “Ich bin grad selber an einem Projekt und außerdem sind zwei Kinder da”. Aber es dauert nur kurz, trinken wir halt einen schnellen Kaffee und der Kuchen reicht auch für alle? Ich darf rein. Also, wir, das Baby ist dabei.

Aus dem schnellen Kaffee wurden zwei Stunden. Wir sitzen in Antjes Zimmer, Antje, ihre elfjährige Tochter Yoyo (“ist doch schön!” sagt sie aufmunternd nach meiner Erklärung, warum und wozu ich hier bin) und deren Freundin. Bücherwand, Tisch und Bett, großer (echter) Perser, Antiquitätensekretär, darauf der PC. Antje fotografiert, im Moment sind es Porträts, für eins ihrer vielen Projekte. Im September hat sie eine Ausstellung, noch eine andere Fotoreihe, es geht um Wasser und klingt interessant. Überhaupt klingt es, als würde Antje genau das machen, worauf sie Lust hat, diese Idee noch und diese, und außerdem macht sie noch das Musikvideo für ihren Freund, und auch das klingt spannend. Antje schillert. Und erst viel später erwähnt sie – und das auch eher beiläufig – dass sie außerdem und eigentlich modelt. Und zwar schon seit sie 15, 16 ist, jetzt ist sie 30.

“Mit 16 bin ich dann ausgezogen, ich komm aus Pankow. Und ich kenn noch die Etagenklos! Und ich mag den Prenzlauer Berg. Die meisten Leute hier habe ich in meinem Stammcafé kennen gelernt, man sitzt da so und irgendwann kommt man ins Gespräch. Und dann trifft man sich mal zum Tischtennisspielen oder sagt sich einfach nur “Hallo”, das ist das Schöne, man kennt sich, man kann etwas unternehmen, aber ist deswegen noch lange nicht gleich verpflichtet.”

“Für die Wohnung hier habe ich einen Zauber angewandt.” Wir anderen sind sprachlos. Hä? “Ja, ich war einfach so verzweifelt. Ich musste ganz schnell aus der anderen Wohnung raus und ich wusste nicht, wo hin. Und dann hab ich”, sie muss selber lachen, “alles, was ich brauchte, auf einen Zettel geschrieben, und den hab ich unter einem Baum vergraben. Zwei Euro hab ich auch noch dazu getan, man sollte was dazu tun, was Wert hat, und ich war damals grad knapp bei Kasse, also zwei Euro. Und dann bin ich erst mal in ein Café. Und da hing ein Zettel, Nachmieter gesucht. Und fünf Minuten später stand ich hier in der Wohnung, und sie passte. Und dann hab ich sie auch noch bekommen! Ich bin wirklich nicht esoterisch – aber funktioniert hat es.” Á propos, Antje, du wolltest mir doch noch den Zauberspruch aufschreiben! Man kann ja nie wissen…

Irgendwann zwischendrin hat Antje auch noch in Rom Schauspiel studiert. “Ich hab das für mich gemacht, davor war eine Zeit, in der ich ziemlich ausgebrannt war. Und Rom war toll. Aber um dort als Schauspielerin zu arbeiten, hätte ich noch ein paar Jahre bleiben müssen, um die Sprache noch mehr zu lernen. Und Yoyo musste zur Schule. Sonst hab ich sie immer mitgenommen, überall hin, auf alle Reisen, wir hatten unseren eigenen Rhythmus, aber als dann die Schule anfing, das war eine… Umstellung.”

“Was war am weitesten weg?” fragt Yoyo, als wir über Shootings reden. “Buenos Aires. Buenos Aires war schön. Aber wichtiger als die Orte sind mir die Menschen, mit denen ich arbeite. Von jedem kann ich was lernen, mal einen Trick für’s Fotografieren, mal was über den Umgang mit Menschen. Zum Beispiel: wie schaffe ich es, dass sich Menschen bei mir wohl fühlen. Denn wenn sie sich wohl fühlen, trauen sie sich, ihre Fotomaske fallen zu lassen, die, von der sie denken, dass sie in ihr schön aussehen. Und wenn sie diese Maske fallen lassen, werden sie erst richtig schön.” Ich müsste demnach diesen Kaffee über ziemlich schön gewesen sein.

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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