Noch 178 Tage und schon 21 Kaffees: Martina

Manche Kaffeebesuche sind besonders. Und davon wiederum ein paar sind besonders besonders. Wenn “Wohnung” oder “Prenzlauer Berg” nebensächlich werden. Und ich auf einmal als Freundin am Küchentisch sitze. Dieser magische Ort Küchentisch, Herzstück der Wohnung, an den zu gelangen in der Regel erst mehrere Prüfungen bestanden werden müssen – ich umgehe sie einfach. Und dann passiert es: ich werde hineingelassen. Ganz.

Martina schickt mich (wieder mit Baby in der Trage, das Baby strampelt jetzt immer schon, wenn ich die Trage anziehe) schon mal vor, “den Flur entlang ins Mehrzweckzimmer”, sie muss noch schnell Katz und Kater fangen. Ich gehe den Flur entlang – zeitschind, tüdeltü, was ist denn bloß ein “Mehrzweckraum”? – am Ende des Flurs zwei Zimmer, beide sehen eindeutig nach “Mehrzweckraum” aus. Links oder rechts? Ich entscheide mich für den Mehrzweckraum mit mehr Beinfreiheit. Ah, da ist ja auch der Herd. Holzeinbauküche, PC Arbeitsplatz, Nußbaumschränkchen, runder Tisch, darauf Zettel, Notizen, Blätter. Sympathisch. Aufgeräumte Schreibtische machen mich nervös.

Martina nimmt gleich freudig das Baby auf den Arm, ich setze uns Wasser auf. Martina wohnt hier schon seit über zwanzig Jahren, die ZVS hatte sie einst aus Unna nach Berlin versetzt, zum Jurastudium. Mittlerweile aber arbeitet sie als Verwaltungschefin am Theater. “Ganz früher hab ich oben an der Ecke gewohnt.” Ah, da wo der Schlecker drin ist. “Ja, aber früher war das kein Schlecker, sondern die Kohlenhandlung. Da hab ich auch meine Briketts geholt.”

“Die” – also die Ossis – wunderten sich natürlich auch, als sie in den Prenzlauer Berg kam. “Warum zieht die alleinerziehende Wessitante mit ihren zwei Blagen denn in so ne große Wohnung, wo sie aber Kohlen schleppen muss? Und bleibt nicht da in Kreuzberg, wo sie herkommt, in ner kleineren Wohnung zwar für mehr Miete, aber dafür mit ner schicken Zentralheizung? Naja, und ich musste mich auch erst eingewöhnen. Und ich wurde immer mal wieder enttarnt. Bei einem Picknick sagte ich “Gummitwist” – kennst du das auch als “Gummitwist”?” Klar, Gummitwist. “Ja, aber im Osten hieß es “Gummihopse”. Und schon war ich wieder enttarnt. Und dann hieß es, und es war als Kompliment gemeint: “Ach, du kommst aus dem Westen? Hammwa gar nicht gemerkt.”"

Dabei sind es doch nur die Begriffe, manchmal zumindest, oder eigentlich meistens. “Ist doch egal, ob es jetzt Kaisers heißt oder früher ein Konsum war! Wir müssen nur mehr miteinander reden. Wie hieß das für dich, wie hieß das für mich, was wecke ich bei dir für Erinnerungen, und stehe ich vielleicht selbst ohne Assoziation daneben, einfach nur, weil ich eine andere Geschichte habe, und nicht, weil ich es so meine?”

“Manchmal fühle ich mich hier im Prenzlauer Berg mittlerweile als Fremdling. Obwohl ich ja auch ein Fremdling war, als ich hierher kam, ich olle Westeule, da war hier ja richtig Osten. Ich kann mich noch an einen Abend erinnern, mit den Kindern im Restaurant, da saß ein “Ost”junge am Tisch mit seinen Eltern, und hat sein Matchboxauto um sein Tischset fahren lassen. Aber tiptoptotal artig, mit geradem Rücken saß er da und spielte leise und unauffällig vor sich hin. Ohjemineh, dachte ich, gleich legen meine los, aber kreuz und quer durchs ganze Lokal. Wir Wessis sind mit der Kindererziehung ja so larifari. Da war es hier im Osten mit der Erziehung schon anders. Viel… (ihre Hände formen ein zackiges Karree)… strenger.” Ah, darum kann sich beispielsweise Angelika (noch 190 Tage und schon 10 Kaffees) so über laufradfahrende Kinder im Kaisers echauffieren – im Osten “gab es das einfach nicht.”

“Wenn es mir zu schickimicki ist auf der Straße, wird es mir hier schon manchmal zu viel. Aber was solls. Jeden Tag geht die Sonne auf, und ich gehe zur Arbeit. Und das hier ist eine Eigentumswohnung. Deswegen bin ich (auch) gebunden.” Und die Frage, ob sich in MeckPomm vielleicht doch Lavendel züchten lässt, stellt sich damit nur theoretisch.

“Es gibt einen tollen Film von Thomas Brasch, den werden Sie nicht kennen”, sagt sie lächelnd, “der ist wahrscheinlich so alt wie Sie, “Domino”, da kommt eine Frau gar nicht mehr aus ihrer Wohnung, die Tür ist abgesperrt. Das Alte geht nicht mehr und das Neue geht auch nicht mehr.”

“Damit hat auch der Zustand der Wohnung zu tun.” Sie deutet mit dem Kinn auf den vollen Schreibtisch, pars pro toto. “Es ist der Versuch, einen Zustand von früher einzufrieren…”

Zum Abschied umarmen wir uns. Ja, es ist tatsächlich schade, dass ich mir jeden Tag jemand neues suchen muss zum Kaffee trinken! Wie gern würde ich noch weiter mit dir reden…

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Menschen, Prenzlauer Berg abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Noch 178 Tage und schon 21 Kaffees: Martina

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s