Noch 177 Tage und schon 22 Kaffees: Okka, Peter und Fanny

Auf diesen Kaffee habe ich mich schon drei Wochen lang gefreut. Wie das, wo ich doch nie vorher weiß, wer mich reinlässt? Nun, also für heute wusste ich, wer mich reinlässt: ein cooler Hund. (So sagt man das bei uns im süddeutschen Raum, meist schiebt man dann noch ein “Respekt” hinterher.) Ich war verabredet. Nämlich bekam ich gleich zu Beginn der Wette einen Kommentar von Okka: da ich es ja lieber hätte, von den Leuten eingeladen zu werden, als mich mal grinsend, mal flehend ständig selbst einzuladen, (so Rotkapi über sich) würde sie mich hiermit gerne einladen. Zack. Weil die Idee gefällt ihr. Zack. Und Kuchen backt sie auch für mich, damit ich eine Backpause einlegen kann. Zack. Ach, und das Baby kann ich auch mitbringen, denn ihre Fanny ist ungefähr im gleichen Alter. Zack. Nach ihrem Urlaub am besten, bis dann also, sie freut sich. Ist das ein cooler Hund oder ist das ein cooler Hund?!

Es ist ein cooler Hund. Als ich in die Wohnung komme, fühlt es sich an wie ein Wiedersehen. Peter begrüßt mich mit Wiener Dialekt ( ich MAG die Wiener) und macht uns den Kaffee, wir gehen schon mal ins Wohnzimmer, wo ein riesiges Tummelsofa als Spielwiese für die entzückende Fanny und heute auch für mein nicht minder entzückendes Baby steht. Und hab ich jemals über eine Wohnung gesagt, da gäb es “viele Bücher”? Alles Quatsch, DAS hier sind viele Bücher. Okka hat Zitronen Thymian Kuchen gebacken und leckere Mokka Cup Cakes, beides schon auf uns wartend angerichtet, als wäre der Food Stylist grade eben noch mal drüber gegangen. Okka liebt Kochen, Kochbücher und überhaupt Food, und dazu Design, Mode und Fotografie. Darüber und über das Leben mit ihrer Tochter Fanny schreibt sie einen herrlich lebensfrohen und herzerwärmenden Blog, SLOMO (unbedingt lesen!).

Okka ist freie Journalistin, Peter schreibt für das SZ Magazin. (Das allein ist schon ein Grund, die Süddeutsche mal wieder zu abonnieren, trotz Lesezeitmangel.) Eigentlich hat Peter meinen Blog entdeckt, weil ihn das Thema Gentrification interessiert. “Diese ganze Diskussion um die “Stuttgarter” oder um “Den Schwaben” – das nimmt ja schon fast rassistische oder fremdenfeindliche Züge an. Was ist da los? Das ist hier doch ein angenehmer Kiez!” Und Okka kennt hier auch nur nette Leute. “Hier im Haus, die Nachbarn nebenan, und auch auf der Straße – es ist hier überhaupt kein Problem, mal einen Schnack zu halten. In Hamburg ist das nicht so einfach, mit den Hamburgern!”

Die beiden kamen vor drei Jahren aus Hamburg hierher, beruflich. “Wohnung gesucht haben wir überall,” erzählt Okka, “wir waren überhaupt nicht auf einen Kiez festgelegt. Das kennen wir auch von Hamburg nicht, dass man so sehr anhand seines Wohnbezirks taxiert wird. Dass das Gegenüber zum Beispiel sofort “Bescheid weiß”, wenn man “Prenzlauer Berg” sagt.”

“Aber wer von denen, die so laut klagen, dass hier keine Türken leben, will sich denn wirklich mit Türken auseinandersetzen?” fragt sich Peter. “Vermissen die wirklich einen interkulturellen Austausch, oder vemissen sie eher Döner? Oder die Alten, die Säufer und die absonderlichen Gestalten, die jetzt weggentrifiziert sind – hat sich um die jemand gekümmert, als sie noch da waren? Plötzlich werden sie von allen vermisst.” Abgesehen davon, dass es sie nach wie vor gibt.

Er versteht auch nicht, dass sich alle so auf die Mütter hier einschießen. “Es gibt in meinen Augen nichts Verwerfliches daran, wenn eine Mutter sich darum kümmert, dass ihr Nachwuchs gut versorgt ist. Und wenn dazu gehört, dass man sich schon in den ersten Schwangerschaftswochen für einen Kitaplatz anmelden muss, dann ist die Schieflage beim Staat, aber doch nicht bei den Müttern zu suchen.” Womit er natürlich recht hat. “Aber Mütter, die beim KitaCasting  nachfragen, ob es für die Einjährigen bitteschön auch Computerkurse gibt??” Okka schüttelt leicht den Kopf.

“Mir tun nur die armen Touris leid, die in ihrem Lonely Planet lesen, dass man unbedingt im Prenzlauer Berg gewesen sein muss, weil hier das bunte und aufregende Berliner Leben tobt mitsamt seinem hippen Prenzlauer Berg Völkchen und dann stehen sie da mit ihren Digis auf dem Kollwitzmarkt, der nun wirklich armselig ist und so gar nichts besonderes hat, und fotografieren die blöden Möhren.” Wenn das einer im Wiener Dialekt sagt, ist es einfach herrlich.

Wir verabreden ein Wiedersehen, diesmal ein echtes. Mit Okka kann, glaub ich, sogar Spielplatz und Muttertratsch unterhaltsam sein. “Aber erst sind wir noch zwei Wochen in Paris, wir machen Wohnungstausch. Wir hatten über 100 Angebote zum Tauschen, von wirklich überall her: San Francisco, Rio, Saint Tropez – alle sind verrückt nach Berlin. Und alle wollen in den Prenzlauer Berg.”

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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