Hanna ist sich nicht GANZ sicher, was sie nach meiner Vorstellvorstellung mit mir anfangen soll, und holt dann doch erst die Mama. Susanne will erst von mir wissen, wofür ich das hier genau mache. Tja, um ehrlich zu sein: ich weiß es noch gar nicht recht, hoffentlich ein Buch, ich sammle erst mal alles, was ich kriegen kann. “Was meinst du, Hanna?” Hanna zuckt die Achsel und nickt, warum nicht? “Ja”, sagt Susanne, “ich finde auch, dass man solche Projekte unterstützen soll.”
Ihre Küche ist riesig. Ich meine: riesig. Fischgrätparkett, ein gemaserter Holztisch, eine Kochinsel, Kunst an den Wänden und eine Kreidetafel, für die Familienkommunikation. “Es ist schön, in einer großen Wohnung zu wohnen – ich weiß, dass zum Beispiel Freunde von mir das nicht haben – in der sich jeder zurückziehen kann und wo nicht alles mit Möbeln vollgestellt ist, sondern es auch mal freien Raum gibt, wo nichts ist.” Hanna antwortet auf Fragen ausgesprochen differenziert für eine 13jährige, ich bin ziemlich beeindruckt. Auch davon, dass sie Romanistik studieren will. Sie hat nämlich mal zusammen mit Susanne (weil es ein bisschen kompliziert war) ein Buch von einem Sprachwissenschaftler gelesen, über Alliterationen und dergleichen, und das fand sie so interessant. Nicht schlecht, denke ich, und bemühe mich ein bisschen mehr um meine Syntax.
Da hab ich auch einiges zu bemühen, denn ich muss erst ausführlich über mein Projekt berichten. “Weißt du, was Gentrifizierung ist?” unterbricht mich Susanne an Hanna gewandt, und mir wird wieder einmal bewusst, wie schnell man (in diesem Fall also ich) sich verleiten lässt, mit modischen Begrifflichkeiten zu jonglieren, ohne sie vorher mit Inhalt gefüllt zu haben. “Nein”, sagt Hanna und schon: ich – Bredouille, Syntax – Schiffbruch. Susanne rettet mich, mit ruhiger Stimme definiert sie so umfassend das Phänomen Gentrifizierung, dass ich schon bei ihrer Einleitung “Gentrifizierung kommt vom Englischen “gentry”, das bedeutet Adel…” unter den Tisch schmule, ob sie auf ihren Knien nicht zufällig ein Soziologielexikon aufgeschlagen hat. Hat sie nicht, aber sie hat’s studiert und arbeitet bei einem Kulturinstitut in der Onlineredaktion. (Dann bin ich schon wieder etwas beruhigt. Aber nur etwas.)
Susanne wohnt mit Freund und ihren beiden Kindern schon seit lange vor der Sanierung in der Wohnung, sie kam aus Rügen über Leipzig hierher nach Berlin. “Ich wollte in einer Oststadt leben, aber an einer Westuni studieren.” Das Ost- Politikstudium musste nach der Wende erstmal komplett umstrukturiert werden, da lag das Studium faktisch brach.
“Fremdelt sie schon?” fragt Susanne und meint das Baby. Nicht, dass ich wüsste. Vielleicht überspringt sie diese Phase ja durch die tägliche Hausbesuchstherapie. “Wohl kaum, das kommt schon noch. Aber dann gib sie doch mir, damit du in Ruhe Kuchen essen kannst. Hmm, Babies riechen immer so gut.” Hiermit ist es endgültig entschieden: die beiden haben bei mir volle Punktzahl.
“Veränderung im Prenzlauer Berg?” fragt Susanne, während das Baby sich in die “Neue Deutschland” vertieft. “Welche meinst du denn jetzt? Die aktuelle? Oder die alte?” Die aktuelle. “Also ich lebe ausgesprochen gern hier. Für mich ist dieser Gentrifizierungsdiskurs eine journalistische oder meinetwegen auch gesellschaftswissenschaftliche Art der Sensationsmache, das ist doch nur die vergröberte Draufsicht auf den Kiez, so funktionieren die journalistischen Gesetze. Keiner von denen war doch hier, um sich das in Wirklichkeit anzusehen. Dass hier jetzt nur noch ätzende Yuppies herumlaufen, kann ich zum Beispiel beim besten Willen nicht bestätigen. Und es ist doch auch jeder selbst dafür verantwortlich, was er daraus macht.” postuliert sie gutgelaunt und meint damit die Nachbarschaft.

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