Noch 175 Tage und schon 24 Kaffees: Britta

Nach dem “Erlebnis” mit der Hexe hab ich erst mal gute Lust, einfach wieder raus zu gehen aus diesem schrecklich hallenden Treppenhaus, nie wieder bei fremden Menschen zu klingeln, den Kaffeekorb an der nächsten Ecke einfach “zu verschenken” stehen zu lassen, den Kuchen in den Rinnstein zu bröseln – für den Erhalt der Rattenpopulation in “gentrifizierten Gegenden” – und mich mit dem Baby in die Sonne zu setzen. Aber wenn man vom Pferd fällt, soll man ja auch gleich wieder rauf. Also hopp. (seufz.)

Ob Britta mir ansieht, dass ich traumatisiert bin? Es scheint eher Mitleid zu sein, weshalb sie mich reinlässt, denn eigentlich muss sie kochen, ihr Freund kommt gleich und in ner Stunde muss sie schon wieder los und außerdem trinkt sie gar keinen Kaffee. Aber nach Kaffee ist mir grad auch nicht, die Hexe hat mir schon genug eingeheizt, ein Wasser gerne, danke.

“Ach, ich mag dieses verkokelte Aroma.” sagt Britta über meinen Kuchen. Ich muss lachen. (Wann schaff ich es endlich mal, einen Kuchen rechtzeitig aus dem Ofen zu holen?) “Nein, also nicht, dass der hier sonderlich verkokelt wäre,” versucht sie, mir glaubhaft zu machen, “beim Grillen sage ich auch noch bei einem Fleisch, das ein anderer schon nicht mehr essen würde: “lasst es noch zwei Minuten drauf, dann nehm ich’s”.”

Britta wirkt unkompliziert. Sie kam vor einem Jahr aus dem Pott nach Berlin, wo sie für eine Beraterfirma arbeitete. “Ich habe es von vornherein wegen der Fernbeziehung auf ein Jahr begrenzt. Jetzt hat aber mein Freund beruflich viel in Berlin zu tun, also bleib ich noch und bewerbe mich grade wieder.”

Die Wohnung war auch schon gekündigt, die musste sie jetzt verlängern. “Da haben sie mir gleich, für die zwei Monate, die wir länger bleiben,eine Mieterhöhung verpasst. Da hab ich schon überlegt, ob das rechtens ist, aber für die kurze Zeit wollte ich auch keinen Ärger machen oder haben.”

Zwar genießt sie, dass sie sich sicher fühlen kann, weil die Hausverwaltung eine Videoanlage installiert hat (da fällt mir Noch 198 Tage, schon 3 Kaffees: Axel ein: “ach, die Videoanlage? Die funktioniert gar nicht.”) und sie genießt auch, dass sich die Hausverwaltung wirklich kümmert, ob alles in Ordnung ist – aber für diesen Preis? “Wir zahlen so viel Miete für diese Wohnung hier, und dabei weiß ich, dass andere im Haus deutlich weniger Miete zahlen. Aber ich brauchte so schnell etwas, innerhalb von drei Tagen, und die hier war ohne Provision, was man ja auch kaum noch findet, und da dachte ich, statt der Provision kann ich auch einfach ein Jahr lang ne höhere Miete zahlen. Hätte ich gewusst, dass wir jetzt verlängern müssen, hätte ich mir das schon anders überlegt.”

Vor der Verlängerung kam der Eigentümer der Wohnung, zur Besichtigung, zufällig und spontan. “Also nicht so spontan wie du, aber er meinte, er wär jetzt drei Tage in Berlin und würde sich gern mal die Wohnung ansehen. Der kannte die gar nicht, sondern hat sie sich nur irgendwann mal als Wertanlage gekauft.” Und? “Ach, der war total nett.”

Vom Prenzlauer Berg hat Britta in dem Jahr gar nicht viel mitbekommen, außer natürlich den kursierenden Diskussionen. “Ich habe so viele Überstunden gemacht, und an den Wochenenden hab ich mich um meine Fernbeziehung gekümmert, so dass ich mit den Leuten hier fast gar nichts zu tun habe. Aber sie wundert sich über Plattitüden wie “Es gibt keine Ausländer im Prenzlauer Berg” – “mit “Ausländer” gemeint ist doch immer nur der türkisch- oder arabischstämmige, denn englisch- und französischsprachige hört man hier ja genug.”

Nun wird es aber Zeit, erstens muss Britta sich fertig machen, und zweitens weht ein gewisser Windelduft vom Baby zu mir herüber. Britta will wissen, was ich denn jetzt schreiben werde, ihr ist wichtig, dass keine Details Rückschlüsse auf ihre Person zulassen. Wegen der Internetsicherheit. Und auch, als ich das Foto von ihr mache, sucht sich Britta als Hintergrund den einzigen rückschlüssefreien Raum, den es in der Wohnung gibt: einen Meter freie weiße Wand hinter der Tür.

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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