“Ich hab hier drin grad gearbeitet, alles stinkt nach Lack.” heißt es aus der Gegensprechanlage. “Das macht mir gar nichts!” flöte ich zurück, “ich hab Schokokuchen dabei, mit Sahne”.
Veit empfängt mich mit ausgestreckter Hand in seiner Wohnküche. Wow. Über den kräuterbepflanzten Balkon eine herrliche Aussicht auf den Fernsehturm, tapetenrollenbreit freigelegte Backsteinwände, eine tiptop ausgestattete Einbauküche ragt als Halbinsel in den Raum (ist da ein Apple auf Sichthöhe mit eingebaut?), verschiedenste Kunst von Design über Objekt bis hin zum gerahmten Ölgemälde lässig auf der Konsole, ein ausladender Hibiskus. Und einer von diesen WahnsinnsKühlschränken, die in ihrer Tür Crushed Ice machen können. Überall ein feiner Sägemehlüberzug, es riecht stark nach Lack. “Ich bin Heimwerker, alles selber gemacht”, Veits Augen leuchten – “hier, diesen Flurschrank hab ich grade fertig lackiert.” Sieht schick aus.
Aber dieser Dialekt, täusch ich mich oder ist das…? Ich trau mich kaum fragen: “Bist du… Schwabe?” Veit lacht und NICKT! WAHNSINN! Beim 25. Kaffee, drei einhalb Wochen nach Wettbeginn, TREFFE ICH AUF DEN ERSTEN SCHWABEN! Das ist unglaublich, das ist ja wie Gold schürfen! “Du bist der erste!” juble ich, “Wo sind denn die anderen?” Veit lacht noch mehr. “Ach, die verstecken nur ihren Dialekt mehr.”
Kein Wunder, bei dem Schwabenhass, der in Berlin mittlerweile schon sowas wie salonfähig ist. Anti-Schwaben-Graffiti wie “Schwaben go home” oder die Kratzer im Auto, allein wegen dem Stuttgarter Kennzeichen. Veit zuckt die Schultern. “Ich hab’s Auto einfach umgemeldet, damit ist das jetzt vorbei.”
“Und die Wohnung (Eigentum) hab ich auch nur, weil ich vorher wie ein Arsch gearbeitet hab und grad das Nötigste für die Anzahlung zusammen hatte. Günstig, weil Eigenausbau. Aber von außen denkt man, aha, schau an, der Schwabe, der wohnt natürlich im 5. Stock.”
Wir futtern Kuchen mit Sahne und sind uns – Süddeutsche unter sich – einig, dass die handelsüblichen Kuchen hier genaugenommen keine Kuchen sind, sondern “Brot mit Früchten drauf.” “Als ich hier in die Wohnung gezogen bin, dachte ich, super, das Café da unten, kann ich morgens immer im Morgenmantel meinen Kaffee holen.” Veit amüsiert die Vorstellung. “Aber dann hat das im Zuge der Sanierung dicht gemacht. Oh nein, dachte ich, und ich bin schuld dran! Und statt dessen gibt’s jetzt Lokale, in denen ein Schnitzel mehr kostet, als bei Lutter&Wegner.”
“Ich kenn das aus New York”, Veit hat über zehn Jahre in New York gelebt, erst nach seinem Grafikstudium in Stuttgart dort Design studiert und dann gearbeitet, “da wohnte ich ihm Eastern Village, und das hat damals gerade die gleiche Gentrifizierungswelle mitgemacht, wie der Prenzlauer Berg jetzt. Und komischerweise waren es da auch die Schwaben, weil irgendwie ziemlich viele Schwaben nach New York sind.”
Bald nach den Terroranschlägen vom 11. September kam er aber wieder zurück nach Berlin. “Es wurde unerträglich. Dieser hilflose Patriotismus, der da aufkam! Und überall Polizei und Militär, in den U Bahn Stationen standen sie mit den Maschinengewehren. Da bin ich lieber hierher, Berlin ist wie das New York von früher, nur billiger. Und mit mir sind auch viele andere Deutsche wieder rüber gekommen, die sind auch alle hier. Beim Weggehen treffe ich die gleichen Leute wie in New York. Und viele Schwaben.”
Er lacht. Das mit dem Schwabenhass nimmt er ziemlich humorvoll. “Mir sind die Schwaben hier auch lieber als die Schwaben in Schwaben!”
Was ist denn das mit “dem” Schwaben? “Die Schwaben”, meint er gutmütig, “die sind ein bisschen kauzig.” Veit illustriert für das Mitarbeitermagazin eines größeren schwäbischen Unternehmens Comics. Die Inhalte der Comics werden von Psychologen erdacht, Mediation in Bildern, quasi.”Weil die Schwaben haben’s nicht so mit dem Reden.”
“Und sie haben immer einen Verbesserungsvorschlag.” (Für mich hat der Schwabe eher Lachfältchen.) “Aber das ist gar nicht so gemeint. So sind sie halt, die Schwaben, immer sagen sie: “Aber des muss ma doch sehn, dass des so und so bessa wär”, oder: “Hei, warum mache Se ned…” Das ist fast schon eine Begrüßungsformel. Und hier kommt das dann besserwisserisch rüber. Dabei ist es nichts anderes, als die Berliner Schnauze. Nur halt auf schwäbisch.”

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