Noch 170 Tage und schon 27 Kaffees: Jessica, Dennis, Vincent, Theresa und Bene

“Grade dachte ich, dass es manchmal ein bisschen langweilig wird, so zu Hause, mit drei Kindern.” Jessica verfrachtet Vincent, 3, und die Zwillinge Theresa und Bene, beide (logischerweise) 10 Monate, in die Küche. Oh, da steht ja schon ein Kuchen auf dem Tisch. Mit Kerzen. Hat hier jemand Geburtstag? “Ein Tag bei diesem Wetter (Dauerregen) will ja irgendwie rumgebracht werden. Also haben wir Kuchen gebacken und verziert und ein bisschen Geburtstag gespielt.”

Jessica kümmert sich um alles gleichzeitig, Vincents improvisierten Duplo-Mähdrescher, den Brei für die Zwillinge, unseren Senseo-Kaffee (entcoffeiniert). “Kann ich dir was abnehmen?” frage ich, Bene auf dem Arm, “vielleicht füttern?” “Ach”, winkt sie ab, “ich bin da schon so routiniert” – und füttert die Zwillinge stereo. Machst du das alles allein? “Ja. Naja, ich hab eine Putzfrau.” Ihr Mann Dennis hat heute Bereitschafstdienst und steht im OP. Jessica ist selbst auch Ärztin, bei dem zweiten Kind wollte sie das ein bisschen entspannter angehen mit der Elternzeit. “Naja, dann wurden es Zwillinge.”

“Frauen wünschen sich Zwillinge, weil sie selbst früher viel allein und einsam waren, und bei Zwillingen ja immer einer dabei ist.” erzählt Jessica, “oder sie wünschen sich Zwillinge, weil sie dann mehr Aufmerksamkeit bekommen.” Ich kann es gar nicht glauben. “Doch, das ist das Brangelina Syndrom. Je mehr Kinder du hast, um so toller bist du.”

“Im Prenzlauer Berg schaut dich ja niemand an, wenn du ein Kind hast, das hat ja jeder, sein Projekt “Kind”.” sagt Dennis, als er kurz darauf nach Hause kommt. “Da müssen es schon Zwillinge sein.” setzt er augenzwinkernd hinzu. Jessica empfindet die Aufmerksamkeit, die ihr mit Zwillingen entgegen schlägt, aber eher als anstrengend. “Jeder schaut dir in den Kinderwagen rein und gibt einen Niedlich- Kommentar ab!” Oder dann das Gegenteil: unlängst, als sie wieder mal mit dem Doppelkinderwagen und Vincent auf dem Trittbrett unterwegs war, bekam sie von einem jungen Pärchen laut zu hören: “Oh Gott, DREI Kinder!” – “Was hätte ich da sagen sollen? Oh Gott, gar kein Kind?”

Jessica ist Berlinerin. “Als Westberlinerin im Osten, das ist eher ungewöhnlich, normalerweise bleibt man in seinem Kiez.” Dennis ist Badenser. “Also Schwabe”, will ich ihn festnageln. “Nein, bloß kein Schwabe. Nicht, weil ich nicht der Schwabe in Berlin sein will, sondern weil wir Badenser da so ne Sache mit den Schwaben haben. Wir sind Badenser.” In den Prenzlauer Berg sind sie nur gezogen, weil es genau in der Mitte ihrer beiden auseinanderliegenden Arbeitswege liegt.

Dennis hat mal ein Makler- Alteingesessener Gespräch während der Sanierungsphase live in einem Café mitbekommen: “Makler, klassisch, mit einem Clip im Ohr und ein alter Herr, und dieser Makler hat den Alten nach allen Regeln der Kunst hier rausgedisst. Es ging erstmal darum, dass er sich die Miete nach der Sanierung nicht mehr leisten können wird. Der Makler meinte: Warum bleiben Sie denn nicht einfach in Ihrer Umsetzwohnung? Und der Alte: ich bin Prenzlauer Berger, ich will im Prenzlauer Berg bleiben! Und wieder der Makler: Was wollen Sie denn in einem Altbau? Sie sind doch viel zu alt für einen Altbau, bleiben Sie doch gleich in dem Neubau, das ist doch viel praktischer.” Neubau? Wo war denn dann die Umsetzwohnung? Wohl kaum hier im Kiez, so wie die anderen alle? “Nein, das war irgendwo draußen. Dem alten Baum haben sie einfach seine sozialen Wurzeln gekappt. Das fühlt sich natürlich nicht gut an, vielleicht in seiner Wohnung zu wohnen.”

“Andererseits”, fügt er an, während Jessica Theresa ins Bett bringt (“Es ist gar nicht so leicht, die beiden synchron zu halten!”), “war auch mal in der “Titanic” ein (natürlich) ironischer Artikel, dass, oh Himmel, wie schrecklich, im Zuge der Gentrifizierung marode Häuser saniert und kaputte Straßen erneuert werden. Und was für Kinder getan wird, pfui.”

Jessica macht drei Gentrifizierungswellen aus: “Erst kamen die Studenten, die sind jetzt alle älter, haben Kinder und eine Karriere, dann kam BIO, und jetzt kommen die Diplomaten.” Oder, wie Dennis auch sagt: die Cayennes. “Und dann steigen sie mit Schlips aus, und ich denke mir, ah, seid ihr auch schon da. Obwohl hier ja eher Downdressing angesagt ist, die wirklich dicken Autos werden dann in der Tiefgarage geparkt, damit keine Kratzer reinkommen, oder sie nicht angezündet werden.”

Und wie haltet ihr das mit dem Wirtschaftchinesisch ab dem ersten Kitajahr? “Ganz ehrlich”, meint Dennis, “seit wir miterleben, wie ein Junge, der in einer freien Kita war, jetzt in der ersten Klasse total Probleme bekommt, weil die anderen Kinder schon alle mit den Eltern vorgearbeitet haben und viel weiter sind, seither, ja, seither – Einstellung gut und schön, aber mein Kind ist dann der Dumme – seh ich das anders.” Vincent ist jetzt in einer halb privaten Kita, in der schon mal ein bisschen mit Zahlen gearbeitet wird. “Und ihm macht es auch Spaß.”

Von Vincent bekomme ich zum Abschied ein Flugticket, “zur Zeit stellt er jedem gerne Tickets aus und erfindet das Ziel. Mein Flug ging letztens nach Kräuterburg.” Und mein Flug geht von Berlin nach – wo gehts hin? “Berlin.” Cool. Ein Rundflug. Wie passend.

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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