Ich steige vage nach oben, wo mir jemand Mildes ohne Nachfragen in der Annahme, ich wär ein Prospekteverteiler, die Haustür geöffnet hat. Aus einer Wohnung hör ich schnelle Bässe wummern. Also ist jemand zu Hause. Die Klingel funktioniert nicht, ich klopfe etwas verzagt an die Wohnungstür (noch immer Angst vor einer weiteren Hexe, erst recht, wenn sie Metall hört).
Aber Simon ist alles andere als eine Hexe, er lässt mich gar nicht erst lange draußen rumstehen, mit Baby in der Trage. “Komm doch erst mal rein, Schuhe kannste an lassen.” Nee, die nassen Gummistiefel zieh ich lieber aus. Ein Zimmer, studentisch. Also: männlich studentisch. Schreibtisch-PC-Aufgeschlagene Bücher, Bett. Irgendwas abgedeckt unter einem weißen Tuch, ich nehme an, ein Wäscheständer vielleicht. Wir setzen uns an den kleinen Tisch in der Küchennische.
“Zum Prenzlauer Berg werd ich dir nur wenig sagen können, ich bin erst seit März hier.” Vorher war der waschechte Berliner in Eberswalde beim Studium. “Szenig ist es hier jedenfalls nicht mehr, hab ich wohl die beste Zeit verpasst. Aber ich bin hier ja auch wegen der Wohnung hergezogen, Ofenheizung, super billig. Aber du siehst ja, das hier sind Einfachfenster, ziemlich zugig, bleibt abzuwarten, wie das im Winter wird.”
“Willst du ein Brett?” er zeigt mir ein Frühstücksbrettchen, “Ich bin für sowas (auf Kuchen deut) nicht ganz ausgerüstet.” Als ordentlich amtliche Süddeutschstämmige hab ich natürlich nichts gegen eine gehörige Brettljausen, auch wenn auf dem Brettl keine Jausen, sondern ein Kuchen drauf ist. “Ich habe mir mal gesagt, wenn ich mit fünfzig irgendwann mein komplettes Porzellanservice mit Goldrand im Schränkchen stehen hab, dann ist es vorbei, dann ist es gelaufen mit dem Leben.” Ich mag Simon.
Simon schreibt grade seine Masterarbeit – studiert hat er Ökologischen Landbau. Ökologischen Landbau??? Ich schiele auf das Slipknot Poster hinter ihm an der Wand, daneben hängt noch irgendwas Rotplakatiges mit “Evil”. “Nach ökologischem Landbau sieht es hier aber nicht unbedingt aus.” Simon grinst. “Ach, die Poster. Ich hab nur an einem bestimmten Punkt einmal verpasst, mich auf was anderes umzustellen, und jetzt hab ich nun mal nur die beiden und nehm sie einfach immer mit, häng sie auf und dann isses das. Das Setting hier bleibt im Großen und Ganzen immer das gleiche.”
Plötzlich wird mir bewusst, dass die Heavy Metall Mucke weg ist, statt dessen spielen Streicher Brahms. “Mein Musikgeschmack ist breiter gefächert”, erklärt Simon schmunzelnd, “das geht von Metall bis hin zur Klassik. Du wirst ja auch bemerkt haben, dass ich Schlagzeug spiele.” Ach, das Weißbetuchte. Simon zieht das Laken von seinem E-Drumset, das er auf ein tennisballgefedertes Schalldämmungpodest aufgebockt hat, alle Achtung vor der Konstruktion. “Ist wichtig, wegen der Nachbarn, einmal bekam ich schon nen bösen Brief. Ein richtiges Schlagzeug ist in ner Mietwohnung einfach nicht drin.”
“Manchmal find ich es schade, man hört so in fast jeder Wohnung ein Instrument spielen, aber jeder spielt für sich allein – dabei gibt es so einen schönen Hinterhof, man könnte sich dort doch mal treffen und bisschen zusammen jammen.” Aber um das anzuleiern, fehlt ihm der Nerv, “ich bin zur Zeit nur Textproduktion.”
Als ich Simon das Baby in die Hand drücke, um ein unverwackeltes Foto von ihm machen zu können, fällt mir auf, wie liebevoll und unkompliziert- selbstverständlich er mit dem Baby umgeht. “Und wie kommst du auf dieses Projekt?” will er wissen. Ich gebe einen groben Umriss von Sauna-Aufzug-Südterrasse und Etagenklos. “Ach so”, schlussfolgert er, “Arm gegen Reich?” Nee. Im Gegenteil, Aufweichen der Fronten, Landgewinnung für Parallelwelten. Menschen einfach.

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