Wieder mal bin ich bis unters Dach gestiegen. Die These “Je höher, je wahrscheinlicher der Einlass” verdichtet sich zusehends. Cori, Mitte 20. “Friedrichshain!” denke ich, vom Typ her – schüttle innerlich aber sofort den Kopf über mich. Diese ewigen Schubladen!
Cori strahlt, besonders, als sie von der Wette hört. Sie lässt mich mitsamt Baby in die kleine Dachgeschoßwohnung (mit Schrägen). Hell. Espressomaschine. Herrlicher Balkon! rufe ich angesichts des sonnigen Etagenbalkönchens voll tragender Tomatenstauden. Wir setzen uns zum Baby auf den Boden und löffeln den Kuchen vom gemeinsamen Teller. “Ja, eigentlich wollen wir hier auch gar nicht raus”, seufzt Cori etwas wehmütig, “aber wir müssen irgendwann”, sagt sie und streichelt ihren Unterbauch. Ah, daher das Strahlen! Cori ist in der neunten Woche schwanger. “Es sollte während des Studiums sein, ich wollte keine von denen sein, die so spät erst ihre Kinder kriegen. Nächste Woche erzähl ich es meinen Eltern.”
Die werden sich wundern, Cori war bisher eher der Weltenbummler: “eigentlich pass ich gar nicht in den Kiez.” Australien hier, Neuseeland da, Ausbildung zur Hotelfachfrau (abgebrochen), dann Fremdsprachenkorrespondentin (abgeschlossen), dann Fronkreisch und dort Savoir vivre kennen gelernt, winters in den Snowboardcamps gejobbt, sommers auf Surfbasen.
Jetzt ist sie zu ihrem Freund “dazu” gezogen, “deswegen ist es hier so klein, für zwei” und studiert in Eberswalde Landschaftsnutzung und Umweltschutz. “Ich komm aus der Lausitz”, spekuliert sie über die Studienwahl “riesiger Braunkohleabbau, Umweltverwüstung. Es ist dort unglaublich hässlich – entschuldigt, liebe Eltern! – vielleicht kommt es daher.”
Vor einiger Zeit (bevor das Bafög kam) jobbte Cori noch in einem einschlägigen BioCafé in der Gegend. Das war manchmal ganz schön anstrengend, à propos Prenzlauer Berg Mütter. Was ihr da so aufgefallen ist? Cori verdreht die Augen. “Die Dreijährigen müssen sich schon zwischen 32 Eissorten entscheiden. Die kommen rein und fragen ihren Piepmatz: “Was für ein Eis willst du denn?” Woher soll das denn der Piepmatz wissen, soll er “Sesam-Krokant” vorlesen? Oder “BioFeige-Stutenmilch”? Die sind total überfordert, erstmal schon vom Einkaufen, das ist ja auch anstrengend, und dann noch von der ganzen Eisaussucherei. Und dann wird schon mal ein Eis runtergeschmissen, weil Piepmatz den ganzen Streß aufs Eis projeziert – oder weil ihm “Rosa Pfeffer” vielleicht wirklich nicht schmeckt…? Und das Eis am Boden wird dann immer erst ausdiskutiert. Und natürlich trotzdem ein neues gekauft.”
Trotz der Mütterplage werden sie bei einem Umzug aber in der Nähe bleiben, Coris Freund hat hier seine Firma. “Er passt aber eigentlich auch nicht in den Kiez – er hat einen türkischen Pass.” Bei der Wohnungssuche wird das ein Problem werden: “Die haben keinen Bock auf einen türkischen Namen am Klingelschild. Diese Wohnung hier hat er nur wegen seiner damaligen Freundin bekommen, die war zwar arbeitslos, hat aber einen deutschen Namen. Er hatte mehr als zehnmal so viel Geld auf dem Konto, wie sie – aber er hat die Wohnung nicht bekommen. Sondern sie.”
Alles Gute für die Schwangerschaft, wünsch ich ihr zum Abschied, und ziehe sie auf mit dem Spruch, den ich während MEINER Schwangerschaft so oft gehört habe: “Dann (ich zeige auf ihren Bauch) biste WIRKLICH ne Prenzlauer Bergerin”. “Ja, danke”, lacht sie, “ich muss nur aufpassen, dass ich keine von DENEN werde!” – und schiebt bräsig einen Luftkinderwagen.

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