Aufholen muss ich, aufholen will ich. Schnell also nochmal los. Aber manche Häuser scheinen verhext. (noch mehr Hexen?). Der Mut sinkt. Niemand da, absolut niemand. Hinter einer Tür aber läuft eine Waschmaschine, da muss doch wer zu Hause sein. (Die Versicherung zahlt doch bei Abwesenheit den Wasserschaden nicht!!!). Ich klingle ein zweites und ein drittes Mal, impertinent, wie ich bin. Drinnen gibt vor mir auf: Schritte!
Christine schüttelt erst mal dankend den Kopf. Als ich aber vom Wettrückstand erzähle, gibt sie sich einen Ruck. “Na dann komm rein, so gefährlich siehste ja nicht aus.” Wir gehen in ihr Wohnzimmer, Schreibtisch, zwei wuchtige Sofas um einen Tisch, ein schmales Bücherregal, es wirkt irgendwie… irgendwie kahl. Christine hat gerade gegessen und will auch keinen Kaffee, also packe ich gar nicht aus, sondern setze mich ohne eine Tasse zum MichDranFesthalten etwas verlegen auf das Sofa, fühle mich schrecklich peinlich interviewig. Jetzt erst wird mir bewusst, was für ein geschickter Schachzug das Kaffee- Zeremoniell doch ist, während dem man sich so schön abgelenkt, beschäftigt mit gewohnten Handgriffen, nebenbei beschnuppern und an die FremdeInMeinerWohnungsSituation (bzw. IchInFremderWohnung) gewöhnen kann.
“Es ist Zufall, dass du mich überhaupt antriffst,” Christine ist freundlich, “ich bin viel unterwegs, wie dir vielleicht schon an der Wohnung aufgefallen ist. Gerade war ich zwei Monate unterwegs und bin erst gestern zurück gekommen. Ich wasche gerade einen Berg Reisewäsche.”
In einer Woche geht es schon wieder weiter. Christine ist 29, kommt aus Straußberg und ist Kosmetikerin. Zusammen mit einer befreundeten Friseurin hat sie sich selbstständig gemacht: sie betreiben (gepachtete) Schönheitssalons auf Kreuzfahrtschiffen. Kreuzfahrtschiffe? Fluss und Hochsee? Was für ein ausgefallener Arbeitsplatz! “Wasser, Meer, Schiffe, das hat mich schon immer fasziniert. Also hab ich mich dahin gearbeitet.”
Ist aber nicht so Holiday, wie es klingt, nichts mit sorglos Geld einstecken und nebenher eine großartige Aussicht genießen. “Ich bin Selbstständige, ich hab Angestellte und ich hab die Verantwortung.”
Vom Kreuzfahrer an sich berichtet Christine, dass er durch die Bank interessiert, informiert und weltoffen sei. “Man hat bei Kreuzfahrtdampfer sofort das Klischee vom Rentner als typischem Passagier. Das stimmt so nicht, es gibt wirklich alle Altersklassen. Früher buchten hauptsächlich “Yuppies” (sie setzt die Gänsefüßchen in die Luft) und eher betuchtere Leute, heute sind es viele Familien. Und natürlich noch ältere Leute, darunter auch einige, die sagen: wozu soll ich in ein Altersheim, wenn ich die gleichen Leistungen haben und dabei die Welt sehen kann. Auf dem Schiff gibt es schließlich ärztliche Versorgung, Swimming Pool und Wellness, wir machen zum Beispiel auch Lymphdrainage. Die haben für Alterswohnsitz: Kreuzfahrtschiff allerdings dann auch das nötige Kleingeld.”
Mit den Leuten hier im Kiez hat Christine wenig zu tun, natürlich, wer so selten “zu Hause” ist. Soziale Kontakte? Kann man sich ausdenken. “Kind oder Karriere, das ist für mich eine Entscheidung entweder- oder. Beides zusammen geht nicht. Wie soll das auch funktionieren?” Und momentan ist es ganz klar die Donau abwärts. Oder Landgang auf Barbados.
Und was fällt ihr an Veränderungen auf, wenn sie so nach zwei Monaten in die Immanuelkirchstraße zurück kommt? “Wie viele kleine Läden dicht machen. Also, wie viele Selbstständige, nachdem sie sich etwas aufbauen wollten, wieder aufgeben müssen. Das trifft mich richtig – denn wo soll das noch klappen, Sich-was-aufbauen, wenn nicht in der Großstadt?” Woran diese Fluktuation liegt, kann sie sich nicht erklären. “Die Spätis (Spätverkauf) gehen immer, die halten sich überall über Wasser – wobei ich mich auch frage, wie… Ach, ich will gar nicht wissen, wie – aber die anderen Läden… Mich trifft das, weil ich ja auch Selbstständige bin, und weiß, was da alles mit dran hängt.”

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