Paula unterzieht mich an der Wohnungstür einer eingehenden Prüfung. Was für ein “Projekt”, für wen, und was genau? Ich erkläre und wähne mich dabei bis zum InDenBodenVersinken auf verlorenem Posten. Aber ich wähne falsch. Später, als wir in Paulas Zimmer auf dem honigfarbenen Dielenboden sitzen, damit Pepe (10 Monate) zwischen uns herumklettern kann, erklärt sie, warum: “ich mache selber Dokumentarfilme – und obwohl ich jedesmal froh bin, wenn mich jemand zu sich herein lässt, lasse ich äußerst ungern Leute rein. Also, Freunde schon- aber Fremde… keinesfalls. Dafür bin ich viel zu scheu.”
“Hm, ja”, sie blickt sich um, “was kann ich dir erzählen… Der runde Spiegel da überm Bett steht da nur, weil ich grade meinen Bauch begutachtet habe.” Sie stellt sich nochmal davor, “ob der denn mal endlich zurück geht. Ich hab nämlich keinen Ganzkörperspiegel. Und ich muss doch wissen, ob ich wirklich aus den Flatterklamotten raus und wieder mal etwas Engeres anziehen kann. Ich glaube, es geht.” Oh, es geht definitv! Paula ist fesch, da kann ich gar kein anderes Wort benutzen. “Ich richte mich so langsam wieder als Frau auf, nach der Schwangerschaft.” Ich greife unwillkürlich in meine Schwangerschaftsspeckrolle. Äh, ja, das könnte ich auch mal in Angriff nehmen.
Paulas Wohnung wirkt (wie Paula selbst) unheimlich… warm. Die alte Kochmaschine in der Küche, die Farben, die alten Möbel, viel Holz. Eine alte Nähmaschine. Ein kleines Laufgitter neben dem Kohleofen. “Ich bin seit einem halben Jahr wieder hier eingezogen, (die Wohnung hat sie aber schon seit über zehn Jahren), nachdem ich mich von Pepes Papa getrennt habe. Und jetzt habe ich ein paar alte Möbel ersteigert und freue mich richtig darauf, uns jetzt eine schönes Zuhause einzurichten. Und ich WARTE auf die Sanierung, damit wir hoffentlich eine sozialverträgliche Wohnung bekommen.” (Ja, ich bin wieder in das charmante HausFossil aus einer früheren Zeit spaziert.)
“Meine Dusche ist zwei Etagen höher, bei einer Freundin. Aber das ist alles kein Problem. Wir helfen uns hier im Haus alle gegenseitig aus. Schließlich kennen wir uns hier alle schon seit zehn Jahren oder sogar schon von früher, wir haben eine tolle Hausgemeinschaft. Wenn ich es mir hinterher noch leisten kann, würde ich auch hierher zurück kommen. Aber ich lebe nun mal von der Hand in den Mund, ich habe mal viel Geld, und mal überhaupt keins.”
“Die Straße hier ist so durchmischt, das war sie immer schon: Arbeiter, Studenten, Akademiker, Künstler, Alte und “normale” Menschen – ich finde das inspirierend.” Der herrliche Pepe wuselt herum. “Warte, ich muss dir was zeigen, das kann er seit zwei Tagen, ich find das so toll, wie er das macht.” Paula setzt Pepe auf ihr Bett, Pepe krabbelt zum Rand und steht mit einem kecken Hüpf wieder unten auf dem Boden. “Ich bin ja “Spätgebärende”, ich bin Ende Dreißig. Meine Freundinnen sind alle um die vierzig und haben jetzt ein Kind, das ist natürlich schön.”
“Ich fange jetzt an, zu fotografieren. Und ich nähe.” Sie zeigt mir selbst geschneiderte Kinderpullis, mit Bündchen und allem. “Das ist MEIN künstlerischer Output in der Elternzeit” sagt sie in Bezug auf mein Projekt. “Ich hab mir extra eine Kettelmaschine gekauft, ich bin perfektionistisch. Und ich bastel diese Spieluhren.” Sie hält mir eine bunte StoffEule hin, ich verliebe mich sofort in ihre riesigen Knopfaugen. “Die Augen, ja, ich finde, sie glotzt so. Ich habe ein Kind gefragt, was das wohl für ein Tier ist, und es meinte: ein Frosch. Aber das ist auch kreativ, das könnte schließlich auch ein Frosch sein.” Mit Paula ist gut Kaffee trinken.
“Ich weiß, dass sich Städte verändern, dass sich Straßen verändern, das muss mir niemand erklären, darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass man diese ganze Sanierung… behutsamer hätte machen können. Warum wurde denn so viel “luxussaniert”? Man sollte Acht geben, dass keine potemkinschen Dörfer entstehen. Und WIE teilweise saniert wurde…! Diese wunderschönen Altbauten, die sehen jetzt wie Neubau aus, und in denen wohnt es sich auch, als wär es ein Neubau.” Die Seele der Häuser: dahin. Ich denke an in greller TerracottaWischtechnik übermalte Treppenhäuser mit lila Highlights, grauenvolle Pflegeheimästhetik, wie ich sie auf meiner Tour schon gesehen habe. An einigen Stellen wurden ausschnittsweise alte Wandmalereien darunter freigelegt und nummeriert. Vielleicht will man die ja jetzt restaurieren. “Es wäre nicht das erste Mal, dass etwas abgerissen oder zerstört wird, was einem hinterher leid tut.” sagt Paula dazu.
“Diese ganzen Veränderungen stimmen mich schon etwas nostalgisch. Aber das ist keine Ost-Wehmut, “ich will die DDR wieder haben”, das ist einfach… meine Kindheit. Und all die schönen Erinnerungen daran. Ich gehe öfter ins Bötzow Viertel, wo ich aufgewachsen bin, und stehe vor diesen Häusern, und versuche, mich anhand dessen, was ich sehe, zu erinnern, an früher.” Aber es geht nicht mehr. Zu fremd.
“In unserem Hinterhof gab es einen Konditor,” schwärmt sie zärtlich, “da gab es so pastell- cremefarbene Torten, die standen mitten im Hinterhof auf so Stelzen.” Sofort hab ich ein Bild vor Augen. “Das war ein wunderbarer Kontrast, diese makellosen Torten in diesem dreckigen Hinterhof.”

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Nachtrag: wohne leider in Charlottenburg :- (wäre aber sicher ne gute Vergleichsstudie (Charlottengrad)! Ich back uns dann Russischen Zopfkuchen oder lieber lecker NY Cheesecake?
und zu einem (wenn schon Charlottengrad, denn schon) Zupfkuchen würde ich nicht nein sagen!
Deine Idee ist ja klasse! Es macht Spass, deine ganzen Begegnungen durchzulesen. Ich frage mich immer, was so in den Haeusern um mich herum vor sich geht! Bin mir aber gar nicht so sicher, ob ich dich reinlassen wuerde, so ganz unvorbereitet. Haette Angst, nichts zu sagen zu haben! Hoffe, es klappt, mit dem Wettgewinn!
Vielen Dank, freut mich, dass dir die Idee gefaellt. Und ja, das SpontanReinlassen ist schon eine Gewichtsklasse für sich… aber dass du nichts zu sagen haettest, kann ich mir kaum vorstellen, bei DEM blog, den du da hast! liebe gruesse
Hm. Schreiben ist um so vieles leichter als sprechen!
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Einer der witzigsten und interessantesten Blogs, die ich je verfolgt habe. Erinnert mich entfernt an Sophie Calle *-*
Oh vielen Dank, das freut mich! Und Sophie Calle ist fantastisch – der Vergleich ehrt mich.