Das Beste und Einfachste, um in die Wohnungen zu gelangen, ist, den Zufall, den Lump, am Schlawittel zu packen – und zwar, sobald er sich blicken lässt. Der Lump lässt sich heute in Gestalt eines Pizzaservice blicken. Er, einen Pizzakarton in der Hand, klingelt für mich. Ich, einen KaffeeUndKuchenKorb in der Hand, tu so, als würde ich höflich abwarten, bis er sich fertig angekündigt hat, um dann meinerseits an die Gegensprechanlage zu treten, hüstel, hüstel, hehe. Heute spar ich mir die unsägliche Demütigung der Gegensprechanlage, schlüpfe dem Lump hinterher und in den Hinterhof hinein.
Der Lump biegt ab in den Seitenflügel, ich lass ihn ziehen – will ja niemandem gegenüber sitzen, der eine fettige Pizza verschlingt. Cheese Crust und dergleichen. Nein, ich bin in den nächsten Aufgang, den öffnete mir von Innen ein herauskommender Jüngling mit Fliegerbrille, noch so ein Lump.
Das Treppenhaus sieht nach Rohbau aus, die Sanierungsarbeiten wurden wohl zwischenzeitlich eingestellt, denn kein Anzeichen von Bauarbeiten weit und breit. Daher nur so wenige Namen am Klingelschild unten?
Julie öffnet: Anfang 20, blondierter Lockenkopf mit “Künstlerbrille”, wie Alexander (Noch 184 Tage und schon 15 Kaffees) das nennen würde. “Ich muss die Wohnung in einer Stunde übergeben und bin gerade am Zusammenpacken.” Dann ist sicher ein frisch gebackener Apfelkuchen genau die richtige Stärkung für Zwischendurch! Ich hab durch die Umgehung der Gegensprechanlage noch meine gesamte AnpreisEnergie zur Verfügung. Julie seufzt. “Da kann ich ja jetzt gar nicht mehr nein sagen!”
Es ist die erste Gästewohnung seit Wettbeginn. Gemäßigte Prilblumentapete bis auf Augenhöhe, ein Doppelbett, ein alter Fernsehkasten, eine Küchennische mit Sandsteinfliesen (oder zumindest: Sandsteinoptik. Ja. Wohl eher.). Dunstabzugshaube. “Die Wohnung hier kostet für den Monat fünfhundertirgendwas Euro”, erzählt Julie. Ich bin erstaunt. So günstig? “Ja, aber die Kaution sind 1000 Euro. Ich frage mich, wofür, hier ist doch gar nichts drin, was so viel wert ist! Oder denken die, ich nehm den alten Fernseher mit? Für den krieg ich auf dem Flomarkt keine 25 Euro.”
Julie kommt aus Zürich, wo sie Literarisches Schreiben studiert. Deswegen interessiert sie auch mein Vorhaben, ein Buch aus der Wette zu machen, irgendwann, irgendwie. Julie kam vor einem Monat nach Berlin, um an ihrem Roman zu schreiben. “Aber dann hab ich mich hier in der ersten Woche verliebt – und das wars dann. Ich bin überhaupt nicht zum Schreiben gekommen.” Worum es in ihrem Roman gehen wird? Julie hält sich unwillkürlich die Hand vor den Mund, und ich weiß, sie hat Angst, jetzt zu viel zu verraten. “Hm. Das Thema ist Schuld.” Ich frage nicht weiter.
Jetzt jedenfalls zieht Julie, bevor es wieder zurück in die Schweiz geht, erstmal nach Friedrichshain – denn vom Prenzlauer Berg ist sie etwas enttäuscht. “Es ist so ruhig hier, wenig Menschen auf der Straße – und so… schick. Und ich bin… überhaupt nicht schick.”
Mit der Schweiz ist Julie momentan ein bisschen am Hadern. “Es ist so, die Schweizer sind ein bisschen arrogant. – also sicher nicht alle”, beeilt sie sich zu sagen, “aber viele. Bei dem Durchschnittszürcher geht es auch viel ums Geld. Und er stellt sich keine Fragen, woher und warum. Hier, in Berlin, hab ich das Gefühl, ist es anders, ich hab hier zum Beispiel unheimlich viele Leute kennen gelernt, die eine Affinität zu Literatur, Kunst, Theater haben. Und allein hier in der Straße sind 5 Bücherläden!”
Was für einen Ruf wohl Berlin in Zürich hat? “Einen guten, einen sehr guten.” Und wofür? “Fürs Feiern!” Sie lacht. “Nein, nein, das war aber nicht der Grund, warum ich hierher bin.”

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Das geht ja ratzfatz, man kommt kaum mit dem Lesen hinterher. Macht ja richtig süchtig der viele Kaffee – nach noch mehr netten & interessanten Menschen. Spannend & sehr unterhaltsam geschrieben!
oh, vielen dank! bin auch schon süchtig nach diesen menschen!