Schon wieder Besuch, ja, ist denn das die Möglichkeit. Ein Freund verabschiedet sich für ein Aussteigejahr an den Baikalsee, in die Mongolei, nach Indien. Der Mann und ich schwenken die Taschentücher. Kinder nicht am Kopf anfassen, rate ich dem Freund, da ist der Sitz der Seele, nicht, dass du gleich Tabubruch begehst.
“À propos Tabu”, sagt da der Freund, “in meinem Reiseführer über die Mongolei stehen 30 Tabus aufgelistet – allein für den Fall, man in eine Jurte eingeladen wird.” Was wahrscheinlich ist, denn dort wären alle unglaublich gastfreundlich, heißt es. “Man darf nur links hinten sitzen, diese schon und jenen nicht anschauen, muss den Ältesten zuerst die Hand geben, darf davon nur einen Schluck, muss hiervon die ganze Schale trinken und was weiß ich noch alles. Man kann so viel falsch machen, dass man wohl besser dran wäre, man würde nicht eingeladen werden.”
Nun, bei uns in Deutschland kann man zwar recht wenig falsch machen (wenn man sich nicht gerade wie ein Eumel benimmt) – dafür ist das mit dem VonDerStraßeWegEingeladenWerdenAlleinWeilManLustigAussieht schon etwas schwieriger. Ich versuche trotzdem mein Glück, mal sehen, ob mich heute nach Paula noch jemand in seine Prenzlauer Berg Jurte lässt.
Manuela lässt mich mit einem Lächeln in ihre Jurte. Maisonette, unten ein Wohnzimmer mit Couchecke, Couchtisch, im Fernsehen läuft RTL, Manuela stellt schnell auf lautlos. Ihre Tochter Amira, 11 Monate, hat ein breites Grinsen (strahlend kann ich nicht sagen, denn sie hat noch keine Zähne) und eine Spielecke mit quietschbuntem Schaumstoffpuzzle als Teppich, am Durchgang zur Küchennische hängt ihre Babyschaukel.
Als Manuela den Wasserkocher aufsetzt, nimmt sie Amira hoch, weil die Kleine im Sichtfenster das Wasser sprudeln sehen will. Juchhe, die Freude ist groß. Amira hat zwar noch keine Zähne, dafür läuft sie aber schon wie ein Wiesel, isst begeistert Kuchen mit und unterhält uns von A bis Z. “Wenn Besuch da ist, dreht sie immer ein bisschen auf”, sagt Manuela und will Amira davon abhalten, meinen Kaffeekorb auszuräumen. Aber ich bin generell für das Ausräumen und Untersuchen von Kaffeekörben.
Manuela kam vor zehn Jahren aus Weimar nach Berlin, wo sie mit Freunden und ihrem damaligen Freund eine Künstleragentur betrieben hat. Aber die Allüren und Extrovertiertheit der Schauspieler waren ihr auf Dauer zu anstrengend, “ich bin nicht so…” – jetzt arbeitet sie als Mitarbeiterin in einem Fraktionsbüro im Bundestag. “In der Politik sind sie irgendwie bodenständiger”.
Manuela ist Alleinerziehende, das hat sie sich in gewisser Weise von vornherein so ausgesucht. “Ich habe mich von meinem damaligen Freund getrennt, wir hatten es versucht, aber keine Kinder bekommen. Das war jetzt nicht allein der Grund, aber dann gab es einen Mann, der zwar nicht der Mann fürs Leben sein sollte, aber ich wusste trotzdem, dass jetzt einfach die Zeit dafür ist.” Und dann wurde sie schwanger und zog in diese Wohnung.
Jetzt ist Manuela auf Teilzeit, während Amira in der BundestagsKita untergebracht ist. “Was schwer genug war. Denn mit einem halben Jahr wollten die eigentlich keine Kinder nehmen, obwohl es heißt: ab einem halben Jahr. Aber Kinder mit 6 Monaten brauchen noch eine RundumBetreuung, deswegen wollten sie das nicht. Aber sie haben Amira dann als “Notaufnahme” trotzdem genommen. Und sie geht unheimlich gerne hin. Mir war es wichtig, dass Amira früh Kontakt zu anderen bekommt, wo ich doch alleinerziehend bin.”
Die Straße und die Gegend mag Manuela, auch wenn sie sich manchmal über die Muttis ärgert, die mit ihren Kinderwagen breit im Weg stehen und sich überhaupt nicht drum scheren, ob ein anderer mit seinem Kinderwagen auch noch vorbei kann, oder nicht. Manuela macht die typische Handbewegung – die, die unweigerlich kommt, wenn von ominösen PrenzlauerBergMüttern die Rede ist: Scheuklappen zu beiden Seiten.
“Und es gibt so viele Künstler.” Woran sie die erkennt? “Die sitzen morgens, wenn ich vorbei gehe, schon im Café, und wenn ich wieder nach Hause komme, sitzen sie da immer noch. Die sitzen den ganzen Tag im Café. Das sind dann die, die “in Projekte machen”.” Wir lachen beide über den Ausdruck.

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