Noch 166 Tage und schon 33 Kaffees: Laura II

Offene Vorderhaustüren zum fröhlichen Hineinspazieren und DirektAnDenWohnungstürenKlingeln werden immer seltener, seit “Schützen Sie sich vor Einbrechern, schließen Sie ab”-Aufkleber überall an den Haustüren kleben. An einigen Türen ist der Aufkleber zwar abgekratzt, an einer anderen sogar dick mit Edding übermalt: “Besitz macht Angst!” – die Schotten sind aber trotzdem dicht.

(Letztens hat einer dieser Penner, denen man den armen Schlucker gar nicht ansieht, versucht, mit einer Plastikkarte so ein Haustor zu knacken, um an die Mülltonnen zu kommen. Dass er an die Mülltonnen rankommen wollte, weiß ich, weil er fünf Minuten zuvor in unserem Hof in den Mülltonnen nach Verwertbarem gestochert hat.)

Trotzdem hab ich heute Glück. Ich marschiere durch eine offene Haustür, klingle an der ersten Tür, die mir in den Sinn kommt – und Laura lässt mich sofort herein, praktisch noch ehe ich den ersten Satz zu Ende gesprochen habe.

“Pssst.” Sie deutet auf eine verschlossene Tür, ihr Jüngster schläft, die Große ist in der Kita. Wir stehen in der offenen Küche, eine lange Einbauzeile. Dielen, nach hinten geht es weiter in den Wohnbereich. “Das ist der erste, der mir nicht verbrannt ist”, sage ich und packe meinen Kuchen aus, was simples, apfelgerührtes. “Ah, auch ein Gasherd?” fragt Laura teilnahmsvoll.

Wir setzen uns in den Wohnbereich auf die Ledercouch. Auf dem Tischchen ein aufgeschlagener Laptop. “Ich wollte hier schnell noch eine Fahne fertig bestellen, damit mein Mann auf dem Alex besser gesehen wird.” Laura und ihr Mann haben sich gerade selbstständig gemacht, mit spanischen Stadtführungen. “Mein Mann ist Chilene, wir haben uns kennen gelernt, als ich in Chile Tourismuswirtschaft studierte.” Mal ein anderer Studienort. “Ich hab hier keinen Studienplatz bekommen, weil der NC in diesem einen Jahr so unglaublich hoch war, und mein Papa ist Chilene, der sagte: ‘Komm doch hierher!’ Und ich dachte, warum nicht.”

Seit ein paar Jahren ist Laura mit ihrer Familie jetzt wieder zurück im Prenzlauer Berg, wo sie aufgewachsen ist. “Als ich wieder kam, war auf einmal Leben in der Straße! Und so viele Kinder! Das ist doch schön. Und der Friedrichshain! Endlich ist da wieder was los! Als wir Kinder waren, hatten wir den Park praktisch ganz für uns allein, sind da rumgestromert und haben Höhlen gebaut. Heute ist der ja fast eher… überfüllt.” Sie lacht.

“Nach der Wende wussten ein paar Jährchen lang die Leute überhaupt nichts mit dem Prenzlauer Berg anzufangen, das war hier richtig heruntergekommen. Die Läden dicht, die Fenster vernagelt, kein Leben auf der Straße, viele sind in den Westen oder einfach überhaupt weggezogen.” Deswegen ist Laura der Sanierung gegenüber auch eher positiv eingestellt. Dass es so schnöselig geworden ist, wie es viele von ihren Freunden so wahrnehmen, kann sie gar nicht finden: “Das ist alles nur Fassade, hab ich im Lauf der Jahre festgestellt. So viele, wie man immer annimmt, haben ja gar nicht das große Geld.”

Dazu kommt natürlich die Erfahrung Chile: “DA sind die Klassenunterschiede extrem, DA ist es wichtig, wie man aussieht, was man anhat, wieviel Geld man hat. Die Haare müssen sitzen, nichts mit SchnellMalSoAusDemHaus. Der Schein ist da alles. Deswegen finde ich das hier alles gar nicht so schlimm. Aber natürlich hat da jeder andere Parameter.”

Und noch einen Vorteil hatte das Ausland: “Ich kannte mich mit den kursierenden Statusdingen hier gar nicht aus, ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass diese Fahrräder mit den Kästen vorne dran so unglaublich teuer sind. Ach, ich war herrlich unbedarft!”

“Ich bin gespannt, wie das wird, wenn die Kinder in die Schule kommen. Da wird geredet, was der Papa für ein Auto hat, welchen Beruf die Eltern haben und es gibt Kommentare, ‘Was für einen Schulranzen hast DU denn’ und solche Sachen.” Wir überlegen, ob das früher auch schon so war. “Klar, man musste dazu gehören. Wenn Glitzerschals “in” waren, dann rannten alle mit einem Glitzerschal herum. Eine Zeit lang waren diese Plastiksteckkörbe angesagt. Also brauchte man UNBEDINGT ein Plastikkörbchen. Aber es war nur wichtig, DASS man eins hatte. Da ging es noch nicht darum, das Teuerste zu haben, den TEUERSTEN Glitzerschal oder das TEUERSTE Plastikkörbchen.”

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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