Nur ein knappes Kucheneckviertel ist übrig, brauche heute einen EinPersonenHaushalt, sonst reichts nicht. Vorderhäuser und Quergebäude fallen sicherheitshalber weg. Ich klingle mich durch UNMENGEN von Seitenflügeln, fresse mich durch UNMENGEN von Wohnungstüren. Alle, wirklich ALLE, die öffnen, sagen, ich soll unbedingt, aber bitte wann anders wieder kommen.
Dann geht auch noch ein Platzregen nieder, von Schwüle und Treppen bin ich schweißgebadet, will aufgeben für heute, denke aber, weil’s auch schon egal ist: dann kann ich’s jetzt auch noch schnell bei dem Typ da versuchen, der mir vorhin schon zweimal im Hof begegnet ist, auch wenn der mich sicher nicht reinlassen wird. Fühle mich latent zu uncool, klingle aber trotzdem.
“Ja, weißt du”, sagt Mattes, und ich bin schon dadurch, wie er die Tür aufmacht, überwältigt von seiner Herzlichkeit, “hier ist grade, also,…” Ich linse ihm über die Schultern. Trotz Kurzsichtigkeit erkenne ich deutlich eine, nun, äh… ich nenn es mal Unordnung. Ich sage: “Weißt du, Chaos und so ist mir völlig egal, für mich zählt nur, ob du mich reinlässt.” Und er lässt mich rein.
Mattes ist überwältigend freundlich und aufgeschlossen. “Ich wohn hier eigentlich gar nicht mehr, ein Kumpel von mir, der kommt auch gleich noch, zieht hier grad ein. Deswegen ist das hier grade nicht so… organisiert. Na gut, die Spinnweben waren schon da, als ich eingezogen bin…” Wir grinsen. “Such dir einen Platz.” Die Suche dauert nicht lang, ich nehm den einzigen und einzig freien Stuhl (Klappstuhl). Ein Zimmer, Erdgeschoß, dementsprechend dunkel, Vorhänge zu. Ein Bett. Ein Tisch. Ein Computer. Ein Brockhausstapel. In der Küchennische die größte Ansammlung leerer Bierflaschen, die ich in meinem Leben bisher sah und wohl noch sehen werde (und ich habe schon einige Ansammlungen gesehen).
Ich bekomme den einzigen sauberen Becher des Haushalts für einen Schluck Milch, Mattes bleibt beim Bier. “Wie alt schätzt du mich?” Insgeheim schätze ich ihn vom Aussehen her auf 16, aber kann mir natürlich ausrechnen, dass er mit 16 wohl kaum hier und so in der Wohnung leben würde. Also sage ich “20″, und liege nur knapp drunter. “Ich studiere VWL.” Du siehst nicht gerade nach VWL aus, sage ich (und denke gleichzeitig, wann, wann nur endlich bleiben diese dämlichen Schubladen zu!? Die liegen ja wirklich STÄNDIG daneben!). “Ich seh vielleicht nicht nach BWL aus, nach VWL aber schon.”
Mattes ist hier im Prenzlauer Berg aufgewachsen, jetzt zieht er aber nach Marzahn. “Eine viel besser ausgestattete und viel günstigere Wohnung. Und in Marzahn leben mittlerweile sowieso die meisten Studenten.” Woher er das weiß? “Die Zahlen kann man sich beim Statistischen Bundesamt holen.” Ah, ich vergaß. Mattes ist auf Zack, was Gentrifizierung, Stadtentwicklung, Sanierung und Haushalt betrifft.
Wie sich der Menschenschlag im Kiez verändert hat, merkt Mattes in der Straßenbahn: “in der M2 (fährt durch den Prenzlauer Berg) sitzen alle für sich, jeder ganz versunken in seiner eigenen Welt, Stille. Wenn ich mit der M8 fahre (nach Marzahn raus): alle reden miteinander, also, auch mal einfach mit dem, der neben einem sitzt”
“Und hier ist niemand mehr hilfsbereit!” Und was er jetzt sagt, verwundert mich an ihm am allermeisten: “Die Muttis mit den Kinderwagen, UBahn Senefelder Platz (wieder Prenzlauer Berg), an der Treppe: die haben den Wagen so schnell in der Hand, so schnell kann ich gar nicht dazuspringen und helfen. Weil die gar nicht mehr damit rechnen, dass ihnen jemand mit dem Kinderwagen hilft! Da nehmen sie in lieber selber! Und wenn in der M8 eine Frau mit Kinderwagen auftaucht, stehen in zwei Sekunden zwölf Leute um sie rum und tragen ihr den Kinderwagen rein.”
Gegen die Sanierung hat Mattes generell nichts, aber was ihn ärgert, ist, wenn er zum Beispiel mit seinem Vater im Café sitzt, und hinter ihnen jemand laut sagt: “Das ist hier ja ganz nett geworden, nur schade, dass hier noch so viele Ossis sind.” Dieser Jemand hat offensichtlich keine Ahnung.
Kasper, der Kumpel, kommt, findet meinen Besuch cool und fällt über den Restkuchen her, dass es mir eine Freude macht. “Einfach so?” fragt er, “da müssen wir dir unbedingt auch was schenken!” – und sucht sofort nach etwas Schenkbarem, findet aber leider nichts (was er wohl geschenkt hätte?).
Kasper war jetzt zwei Jahre in London, wo er gejobbt hat, um das Flair von London erleben und bei seiner Freundin sein zu können. Jetzt legt er Musik auf. “Berlin ist ein Dorf! Aber nicht im schlechten Sinn, es ist viel angenehmer, im Vergleich zu London, hier ist es nicht so überfüllt, der Rhythmus ist langsamer, auf der Straße keine Hektik.” Er erzählt vom Londoner Schneechaos letzten Winter, der gesamte Stadtverkehr lag lahm, “alle Banken dicht, die dazugehörigen Anzugträger mit Krawatte waren alle auf den Straßen und lieferten sich Schneeballschlachten.”
“Kannst jederzeit wieder vorbeikommen”, sagt Kasper zum Abschied, “am besten, wenn das hier bisschen hergerichtet ist – wie lang werden wir brauchen? Na, vielleicht so zwei Wochen.”

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Ich glaube ich habe hier noch nie kommentiert, oder
!? Aber ich muss mich mal anschließen: Ich finde deinen Besuch auch cool. Und Mattes und Kasper scheinen auch sympathisch zu sein…
Das waren sie definitiv! Liebe Grüße.