“Is dat dein Ernst?!” fragt mich Matthias in rheinischem Singsang, als ich bei ihm vor der Tür stehe und meinen Apfelkuchen präsentiere. Ja, isses. Bei 33 war ich schon zu Besuch und ich kann nur sagen: ich hole auf. “Komm rein!” sagt er und führt mich einen Flur voller HighHeels entlang in seine… Hoppla, DAS ist mal eine ausgefallene Wohnung!
Ein großes Zimmer, Bett in einer Nische: komplett durchgestylt, erotische 60er, 70er. Wände in Knallbonbonfarben, jede Wandkante wurde anders gestrichen. Nierentischchen, orangefarbene 60er Lampe, Retrocouch, Sessel. Perücken auf Perückenköpfen. Und Highheels, überall Highheels. Sogar auf den Bildern, erotische Pop-Art, erotische Kunst überall, die Damen stets: in Highheels. “Selbstgemalt.” Also, nachgemalt, erst projeziert und dann nachgemalt. “Aber das ist trotzdem noch lang keine Fälschung, solange ich nicht ‘Rembrandt’ drunter schreibe! Könnte ich eigentlich in Swinger Clubs und in Bordellen mit hausieren gehen. Da gibts immer nur die immer gleichen abgeschmackten Bilder.” Vom Zimmer gibt es einen ausschankgroßen Durchbruch zur Küche: eine kleine, mit weißem Leder eingekleidete Haustheke, an der Barhocker stehen. Über der Theke baumeln zwei lange Plastikdamenbeine in schwarz-weiß Karostrümpfen und – Highheels. Matthias sitzt an der Theke und raucht stilvoll in einen P.S. Aschenbecher.
Christa sitzt in einem Stuhl am Fenster und raucht Selbstgedrehte, Louis (10), ihr Sohn, spielt auf so einem Dings, PSP, – aber wenn keine Ferien sind, spielt er auch gerne in seiner Theatergruppe. Beide willkommnen mich, als wär mein Besuch selbstverständlich. Vielleicht ist er das ja auch.
“Wir werden sicher vergiftet, fallen gleich in tiefen Schlaf und dann wird die Wohnung ausgeräumt” scherzt Matthias – und schaut dann doch schnell mal im Internet nach, ob es meinen Blog auch wirklich gibt. Oh, und wie es ihn gibt! Matthias zuckt die Achseln. “Ist jedenfalls besser, als hätt ich die Zeugen Jehovas hier sitzen”, sagt er trocken und serviert mir mein Stück Kuchen mit dem Bratwender. “Was soll ich machen, ich bin nicht so der Tortenheini.” Ich finde, die Bratwenderei steht ihm.
“Du kennst dich noch nicht wieder aus, lass mal, ich mach das”, sagt Christa und übernimmt die Kaffeebereitung in der Küche. Matthias sitzt rauchend auf dem Plüschhocker an seiner Bar. “Wir haben Wohnungstausch gemacht, ich komm grad von einer Woche Ruhrgebiet zurück, da hab ich meine Mutter besucht.” Es dauert eine Weile, bis ich durch die Verhältnisse steige, denn für Wohnungstausch, dachte ich, sind sich die beiden aber ganz schön vertraut. Christa und Matthias sind seit über 30 Jahren befreundet.
Matthias hat früher in der Musikvideoszene gearbeitet, jetzt hat er umgesattelt auf Make Up Artist. Darüber kam er irgendwie zur Fotografie, zum Modelstyling und darüber zu den Highheels. “Ich hab mir ein paar Outfits angeschafft, in der Zeit hab ich auch 300 Paar Highheels ersteigert.” 300 Paar?? Wo sind die denn alle? Also im Flur sind schon viele, aber… “Ach, im Schrank, in der Küche, in Kisten, im Bad. Ich könnte einen Verleih aufmachen.” Aber er hat eine ausgefallenere Ladenidee, mit der er sich beizeiten selbstständig machen wird. “Was soll ich bei Douglas für einen Minilohn in Akkordarbeit Kundinnen schminken!?” Den Laden wird er aber sicher nicht im Prenzlauer Berg aufmachen – “der ist dafür zu bürgerlich.”
“Kein Wunder. Die Leute stoßen sich mit einem Bein die Tür auf zum szenigen Kiez, und mit dem anderen Bein stoßen sie die Tür wieder zu und wollen, dass Clubs schließen, weil es ihnen zu laut ist.” Trotzdem lebt er irgendwie gern hier, nicht nur, weil die Wohnung hier nach 75 Wohnungsbesichtigungen kreuz und quer die mit dem “besten Preis-Leistungsverhältnis war. Die denken sich ja für minderwertig sanierte Wohnungen hier Phantasiepreise aus, das kann sich ja niemand leisten!” Aber eigentlich schätzt Matthias, dass hier so viele Cafés sind. “Ich bin kein fauler Mensch, aber ich falle einfach gern aus der Haustür raus in ein nettes Café. Am liebsten würde ich in einer Straße wohnen, in der jedes Haus sein eigenes Ladencafé vorne drin hätte.”
Christa hört uns die meiste Zeit zu. “Der Matthias ist so exzentrisch, das war er schon immer, seit ich ihn kenne – ich führe da ein ganz anderes Leben. Ich arbeite im Reformhaus und lebe einfach mit meinem Sohn. Und für meinen Sohn.”

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