Noch 163 Tage und schon 37 Kaffees: Charlotte

Ein Anflug von Migräne, das Gewitter soll endlich runter kommen. Trotzdem auf, der nächste Kuchen muss her. “Raffiniertes Rezept”, denke ich zufrieden, als ich nach überraschend reibungslosem Gerühre wieder mal eine Form voll Teig in den Ofen schiebe, “so bestechend und zugleich so simpel! Nur, warum das VANILLETorte heißt, ist mir schleierhaft, ist doch gar nix mit Vanille drin!?” – Naja, also, in MEINER Vanilletorte nicht, ähe…

Egal, ordentlich Kuvertüre drüber, dann passt das schon irgendwie. (Oh dieses ewige GEBACKE!). Schnell noch Pistazien in die Glasur gebröselt, Schein und Sein, hehe, und los.

“Ich hab selbst grad Kuchen gebacken” sagt Charlotte fröhlich zu meiner bestechenden Tortenpräsentation. (Mir fallen Schultern und Grinsen runter.) “Wenn du willst, probier doch meinen!”

Die WG Küche ist ausnehmend ordentlich aufgeräumt, Eingebautes grün gestrichen. Auf dem Tisch stehen zwei (!) Schokokuchen auf einem Platzdeckchen, auf dem Herd fläzt sich in einer Bärchenform zufrieden ein puderbezuckerter, weiterer, DRITTER Kuchen. Schachmatt. “Eine Freundin von mir hat heute Geburtstag, wir haben zwar schon reingefeiert, aber später gibt es noch eine offizielle Feier, und da wollte ich, dass sie auch einen ordentlichen Kuchen bekommt.” Das ist aber ne Backmischung, oder? flüstere ich hoffnungsvoll, einen vanillelosen Fremdkörper in der Hand. “Nix da.” Aber immerhin ein Tassenkuchen. (pf, ist ja leicht.) “Das Rezept ist von meiner Oma. Aber statt Wasser nehm ich lieber Sahne. Das wird dann fluffiger.” Schluck.

Charlotte studiert BWL. “Eigentlich wollte ich Medizin studieren, als Quereinsteiger nach drei Semestern Biologie und Chemie, der NC war zu hoch. Aber das dauerte mir dann zu lang. Und dann hab ich überlegt, was ich eigentlich gern mache. Ich hab die Hochzeit meiner Mutter letztes Jahr organisiert, und die Abschiedsfete von unserem Abijahrgang, und dann war klar, dass mir das Spaß macht und dass ich das auch gut kann.” Nächstes Semester steht ein Praxissemester an, Charlotte will ihr Praktikum unbedingt im Grand Hotel in Heiligendamm machen, im Kulturmanagement. “Klein und überschaubar für den Anfang, genau das Richtige.”

Charlotte ist Berlinerin, und im Prenzlauer Berg, zwischendurch auch in Weißensee und Pankow, aufgewachsen. Nach dem Abi hat sie erst mit ihrem damaligen Freund zusammen gewohnt. Als das auseinander ging (“wir waren beide in einer Orientierungsphase, da hat’s einfach nicht hingehauen”), ist sie erstmal wieder zu seinen Eltern gezogen. Aber dann hat sie an der Uni in der Einführungswoche ihre jetzige Mitbewohnerin kennen gelernt.

Bei der gemeinsamen Wohnungssuche hat sich Charlotte durchgesetzt mit ihrem Wohnwunsch Prenzlauer Berg. “Ich wollte unbedingt hierher zurück, weil mir hier alles vertraut ist. Ich bin da ein bisschen festgefahren. Meine Mitbewohnerin hätte auch nach Friedrichshain oder Kreuzberg ziehen wollen. Nur in den Wedding nicht, da hätten ihre Eltern nicht mitgemacht. Und meine wahrscheinlich auch nicht.”

Charlotte genießt es, sich hier sicher fühlen und abends, also: nachts, nach dem Weggehen, allein und zu Fuß nach Hause laufen zu können, ohne dabei wie früher in Weißensee eine lange, dunkle, leere Straße mit dem Handy im Anschlag und der Angst im Nacken entlang zu müssen.

Bist du so ein Feierer? frag ich sie.” Ja, na klar. Als Student hat man doch Zeit dafür.” Sie geht gern in die Kulturbrauerei, unter anderem eben auch, weil die so nah ist. “Überhaupt alles ist hier so nah. In zehn Minuten zu Fuß hat man alles, was man braucht.”

“Ich kann mir gut vorstellen, mein ganzes Leben hier zu leben. Ich will hier nicht weg.”

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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