Noch 164 Tage und schon 36 Kaffees: Mel

Heute war ich verabredet, ausnahmsweise. Mit Mel, die in einem Gartenhaus hier in der Straße acht junge Mütter mit deren Kindern betreut. “Jetzt ist grad Dienstübergabe, das ist schlecht”, meinte sie zu mir, als ich letztens mit einem halben Kuchen bei ihr vor der Tür stand, “komm doch dann und dann, da hab ich ein bisschen Zeit für dich.”

Mel plus acht plus Kinder – was back ich denn für so eine Versammlung? Hm. Probier ich mal Bienenstich, dacht ich, da hat man viel von, und ist lecker. Also, wenn man ihn in der Bäckerei kauft. Mein Bienenstich wurde, also… hm. Der Ofen war nicht schuld, diesmal war’s ich. Weil mein Backblech so klein ist, dacht ich, bin ich mal schlau, mach ich aus EINEM Teig ZWEI Bleche. Dann hab ich auch NOCH MEHR Bienenstich.

Aber der Hefeteig, dieses renitente Biest, entschied sich hinterrücks und aus Protest gegen die Teilung, nicht aufzugehen während des Backens. Wurde steinhart. Nur mit gehörig Willensstärke konnte ich die honigverklebten Platten, die da rauskamen, in mundgerechte Stücke fräsen. Könnten… Kekse sein, dachte ich, – und mit Schlagsahne sind sie vielleicht sogar essbar. Ich mache mich auf zu den etwas anderen “Prenzlauer Berg Müttern”: sie sind 15, 16 Jahre alt.

Als ich ankomme, sind die Jungmütter noch alle unterwegs, heute das erste schöne Wetter seit WOCHEN. Erst gegen 19 Uhr erwartet Mel die Mütter zum Zapfenstreich zurück, denn da müssen die Kinder bettfertig gemacht werden. Wir setzen uns in den Hof. Sandkasten, Schaukel, Baum.

Die Jungmütter werden vom Jugendamt hierher geschickt, damit sie lernen, eigenständig zu werden und mit ihren Kindern umzugehen. “Ihr Hintergrund ist ganz unterschiedlich. Mal sind die Familien zu groß, mal sozial zu schwach, mal Fälle von häuslicher Gewalt…”

Mel arbeitet seit acht Jahren in dieser Einrichtung. Puh, sicher ganz schön hart, dieser Job. “Mir fällt kein Job ein heutzutage – WENN man denn einen hat – der nicht hart wäre”, gibt sie zurück. “Arbeitest du im Krankenhaus, wirst du ausgelaugt, arbeitest du im Gefängnis, wirst du bedroht, arbeitest du in der Bank, musst du Kunden abzocken, um deine Umsätze zu steigern…”

Mel war Bankkauffrau, bevor sie hier Erzieherin wurde. Die Hausregeln hier? Mel zuckt die Schultern: “Das Übliche. Keine Waffen, keine Gewalt, kein Zwicken, Prügeln, Treten. Das, was in einem normalen Haushalt eben auch alles so gilt.”

“Komm doch zu unserem Tag der Offenen Tür”, lädt sie mich noch ein, “da kommen auch immer viele aus der Nachbarschaft, die interessieren sich dafür, was wir hier machen. Der einzige Gast, der mit Abwesenheit glänzt, ist das Jugendamt.”

Mel ist im Prenzlauer Berg geboren, zwei Straßen weiter ist sie aufgewachsen. Und, frage ich, wie ist für dich die Veränderung? “Krass”, entfährt es ihr, “alles so schickimicki. Und wenn man dann so Sachen aufschnappt wie ‘ich hab in dem und dem Laden jetzt meiner Putzfrau eine Schnullerkette gekauft’, oder ‘ja, Schatz, aber jetzt geht das nicht, jetzt muss ich auf den Reiterhof’, dann denkt man sich auch so seinen Teil. Naja, ich pass hier nicht mehr rein.” Deswegen ist sie hier auch weggezogen – und, weil es so teuer geworden ist.

Mel zeigt mir Gruppenraum und Küche, beide groß, hell und tiptop aufgeräumt. Gehobene Jugendherberge mit Parkett, fliederfarbenen Wänden und Flachbildschirmfernseher über der Sitzecke. “Hallo, hier ist Besuch”, erinnert Mel eine Jungmutter, die in die Küche schlappt, an Umgangsformen. Die Jungmutter wechselt daraufhin sehr freundlich mit mir ein paar Worte und freut sich über die Kekse (da hatte sie aber noch nicht probiert).

Noch eine Mutter kommt in die Küche, wieder weist Mel auf mich hin (ich bin mir peinlich) und lädt zu Keksen (noch peinlicher) ein. “Ich mach erst den Kleinen fertig”, sagt die Jungmutter. “Jetzt schon?” fragt Mel, und ich erahne grob ein oberes SiebenAchtel ihrer Arbeit.

Die anderen Mütter trudeln ein. Ich kann SPÜREN, wie Mel ihre Energien mobilisiert. Es wird Zeit für mich, zu gehn, um einem Arbeitsalltag Platz zu machen. Mel wird jetzt rundum beim BettFertigMachen helfen, dabei die Kinder unter anderem nochmal “nackt sehen”, wie die Vorschrift es einmal täglich fordert.

“Foto kannst du nur von mir alleine machen”, erklärt Mel, als ich sie noch schnell um ein Beweisfoto bitte, “für die anderen müsste man vorher das Jugendamt oder den Vormund fragen. Und die sind meistens nicht einverstanden.” Und dann stapft sie los, diese kleine zierliche Person, auf hohen Absätzen zu ihren Kindern und Kindeskindern.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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