Noch 160 Tage und schon 39 Kaffees: Aleksandra

Aleksandra hütet die Wohnung einer Freundin. Sie zeigt mir die pink gestrichene Küche. „Die Freundin ist total lieb, aber dieses Pink… ist nicht mein Fall. Komm, wir gehen auf die Terrasse”

“Entschuldige, ich bin noch gar nicht richtig wach. Ich hab gestern seit langem mal wieder gefeiert…“ Aleksandra kommt aus Belgrad und studiert in Berlin Architektur. “In Belgrad habe ich Philosophie studiert, da hätte ich mit Architektur nur meine Zeit verschwendet, da wird ja nur Sozialistische Bauweise gelehrt…“

Aleksandra war früher in einer Theatergruppe aktiv, “wir haben Aktionen gegen das Milosevic Regime gemacht, überall, vor allem auf Demonstrationen. Wir wollten mit den Aktionen die Menschen zum Nachdenken animieren. Mit der Theatergruppe wurden wir auch viel und überallhin eingeladen, europaweit. Dadurch konnte ich viel reisen, was ein Privileg war. Und dann war ich ja auch noch in der nationalen UnterWasserHockeyMannschaft, das kommt dazu.” Unter Wasser Hockey?! “Ja, ich weiß, das ist in Deutschland nicht populär, eher in Holland und Frankreich. Aber wir waren auf dem 3.Platz bei den Europameisterschaften. Ich hatte einfach viel Glück. Ich und noch ein anderer in meiner Klasse, wir durften reisen. Andere konnten das nicht.”

“Ach, Politik. Nach dem Sturz von Milosevic wurde nicht mal der Geheimdienst neu besetzt, geschweige denn, die Politik. Die gesamte Personage ist die selbe geblieben! Nur so konnte daher auch das Attentat auf Djindjic passieren. Deswegen erwarte ich mir auch nichts mehr von der Politik. Früher dachte ich, ich könnte die Welt ändern, sie verbessern, heute will ich einfach nur mein Leben gut führen.”

Als Krieg war, war ich noch ein Kind. Belgrad war ja auch kein Kriegsschauplatz, ich kann mich nur an die Luftangriffe erinnern. Und abends, als Nachrichten kamen in den Medien, die ja alle von Milosevic manipuliert waren – inszenierte Bilder von Serben, die von Kroaten umgebracht worden waren, falsche Tatsachen – um halb acht, da haben die Leute ihre Töpfe genommen und gegen Tische und Wände geschlagen, und einen Krach gemacht, dass man die Nachrichten nicht mehr hören konnte. Jeden Abend Punkt halb acht dröhnte die ganze Stadt vom Lärm der Töpfe.” Bei der Erinnerung treten Aleksandra Tränen in die Augen. “Ach, das ist nur… weil ich heute früh erst mit meinen Eltern telefoniert habe…”

Ihr Praktikum würde Aleksandra gerne in Beirut machen, “aber das kann ich mir nicht leisten. Ich finanziere mir auch das Studium komplett alleine. Aber mich würde der Städtewandel in Krisengebieten interessieren. Deswegen will ich auch irgendwann zurück nach Belgrad, dort gibt es über 100.000 illegale Wohnungsbauten, die größte illegale Besiedelung in Europa. Die Bebauungspolitik hat Milosevic nicht interessiert, das haben seine Leute mit Korruption und unter der Hand geregelt – wie so ziemlich alles unter der Hand geregelt wurde, auch der Handel. Jedenfalls wird es viel aufzubauen geben in den nächsten Jahren.”

“Seit den 90ern haben praktisch alle Intellektuelle das Land verlassen, wer konnte, ging. Die Leute, die geblieben sind, wissen gar nichts mit sich anzufangen. Dabei ist Belgrad eine schöne Stadt, und mittlerweile als Partystadt Europas bekannt. Wir freuen uns nach so langer Zeit der Isolation, wenn Touristen nach Belgrad kommen. Das ist etwas anders, als hier.”

“Gerade hier in Deutschland kann jeder seinen Platz finden, glaube ich, wenn er das will. Für mich sind die Leute, die “normale” Ziele verfolgen wie Familie und eine Karriere, viel reifer, als diejenigen, die immer nur aufs System spucken. In Neukölln, wo ich eigentlich wohne, reicht es mir einfach oft von den Leuten auf der Straße, die per se gegen alles sind und sich andauernd über alles aufregen.”

“Und à propos “Yuppies”, ich bekomme ja dieses ganze Gerede über den Prenzlauer Berg über meine Freunde mit: die Familie, bei der ich Au Pair gemacht habe, in dem ersten Jahr, als ich hierher bin – die beiden sind Ärzte – das sind meine besten Freunde hier in Berlin, die haben mir unfassbar viel geholfen. Bei allem.”

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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