Noch 161 Tage und schon 38 Kaffees: Daniel, Grit und Yves

Aus der Wohnung, vor der ich stehe, dringt ein respektables Tohuwabohu. Ich klingle trotzdem. Daniel öffnet mit seiner Tochter Yves auf dem Arm. “Noch mehr Gäste!” freut er sich über mich und das Baby, “Kommt rein, Yves wird heute eins.” Yves grinst mich mit ihren zwei kleinen Hauern im Unterkiefer an, ich singe ihr ein Ständchen. (Sie grinst danach noch immer, uff).

Die kleine Maisonette Wohnung (ein Zimmer unten, eins oben) ist voller Kinder, Freunde und Trubel. Grit grüßt aus der Küche, umwimmelt von noch mehr Kindern, noch mehr Freunden und noch mehr Trubel. “Den Kuchen brauchste nicht auszupacken”, sagt sie zu mir und deutet auf den üppig bestückten Tisch, “es gibt hier jede Menge!” – “Allerdings ohne Zucker”, warnt mich ein Malte, “wegen der Kinder. Naja, mit nem Brotaufstrich drauf würde das hier (Muffin hochhalt) vielleicht sogar schmecken…” Fröhliche Heiterkeit.

Auf dem Bett hüpfen Kinder, der Teppichboden krabbelt und strampelt. Ich lege das Baby zu den anderen Babys, wo es sich sofort mit einem gewissen Messio anfreundet. Ich hocke mich zu den anderen Eltern und freunde mich mit Messios kenianischer Mutter an. “Wohnst du auch in Kreuzberg?” fragt sie mich später. Seufz.

Daniel hat sich als Software Entwickler selbstständig gemacht, zusammen mit einem Freund hat er  eine Multitouchbox erfunden, auf deren Touchscreen man beispielsweise Graffiti auf eine virtuelle Hauswand sprühen kann. Sein Entwicklungsbüro hat Daniel in seinem ehemaligen WG- Zimmer im Vorderhaus. Das Wohnzimmer der WG, das auf die Straße rausgeht, wird mindestens einmal wöchentlich zum öffentlichen Raum für Jazz Jam Sessions und darüber hinaus auch für Kino, Ausstellungen und Party. Umsonst, “natürlich”, sagt Daniel, aber so natürlich find ich das nicht. “Wir wollen einfach ein bisschen Kultur hier haben.”

Daniel kommt aus Frankfurt und ging nach dem Abi erstmal nach Hamburg zum studieren. “Weil alle meine Freunde nach Berlin gegangen sind. Da wollte ich nicht auch nach Berlin, das wäre dann gewesen, als würde ich gar nicht von zuhause weggehen.” In Hamburg hat er es aber nicht lange ausgehalten. “Da geht es nur ums Geld.” Also kam er doch nach Berlin – und lebt mittlerweile seit über zehn Jahren hier.

Als Grit dann schwanger wurde, sind die beiden zusammen in diese Wohnung gezogen. “Die Wohnung hier war über zehn Jahren in Freundeskreishand” erzählt Daniel, “wurde (unter dem selben Mietvertrag, versteht sich) immer weiter gereicht. Aber der, der vor uns hier drin war, hat gekündigt!” Alle Mithörer stöhnen auf. “Ach”, Daniel zuckt die Schultern, “er hat nicht mitgedacht, sagt er. Naja. Jedenfalls haben sie uns mit einem Schlag die Miete um 200 erhöht.” Um ZWEIHUNDERT? Das entspricht eigentlich nicht der Haushaltslage. “Aber was sollten wir machen?” er deutet auf Yves, die sich gerade fröhlich über ein anderes Baby rollt, “wir brauchten dringend eine Wohnung”. Aber in einem Jahr ist das Hausprojekt fertig gebaut, in das sie ziehen wollen, dann mit dem zweiten Kind, das gerade unterwegs ist.

Ob sich der Menschenschlag hier verändert hat? “Oh ja!” Daniel nickt bestimmt. “Anfangs dachte ich, das sind doch eh alles Leute wie wir, nur eben älter geworden. Aber das stimmt nicht. Es sind doch Yuppies.” Was sind für ihn Yuppies? “Werber mit einem Audi TT vor der Tür.”

“Und früher zum Beispiel war es kein Problem, mal Lärm zu machen. Seit der Sanierung ist das nicht mehr möglich. Nach dem Motto: kaum schläft mal mein Kind, macht das eure Krach. Die Eltern sind so unentspannt!”

“Und es ist alles so teuer geworden! Das Leben hier!” Daniel geht mittags immer essen, weil Grit an der Uni arbeitet und er lieber länger tüftelt, als allein für sich zu kochen. “Wo der Mittagstisch früher drei Euro gekostet hat, sind’s mittlerweile sechs.”

Als ich mich in der großen Runde wieder verabschiede, bringt mich Daniel noch zur Tür. “Schade, dass sie das ganze Flair wegsaniert haben”, sagt er als Fazit. “Werber forever.”

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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