Nach Aleksandra bin ich gleich nochmal los, muss ja immer noch den Wettrückstand aufholen. “Ich wohne erst seit einem halben Jahr hier” weist mich Miriam auf eine eventuell beschränkte Aussagekraft, was das Leben im Prenzlauer Berg betrifft, hin. Für ein halbes Jahr sieht das hier aber ziemlich wohnlich und eingerichtet aus. “Ach so”, Miriam gluckst, “das war schon alles eingerichtet, ich bin zu meinem Freund gezogen.”
Das Wohnzimmer von Miriam trennt ein langer Babyzaun, der den Zugang zum (unbepflanzten) Balkon und dem prallen Zeitschriftenständer verhindert. “Der Kleine ist mit den Großeltern unterwegs, die sind gerade zu Besuch.” Das bedeutet: ein Moment der Sturmfreiheit, denn auch Miriams Freund ist gerade unterwegs. Und trotzdem setzt sie sich mit mir auf einen Zitronengrastee (“der hat grad fertig gezogen!”) an den Tisch.
Miriam arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin, hauptsächlich fürs Radio. “Ich habe Biologie studiert und hatte dann die Wahl, eine völlig sinnlose Doktorarbeit zu schreiben über ein SimulationsProgramm, das zur Vorhersage verschiedener Süßwasserseenszenarien dienen soll – was nicht funktionieren KANN, denn ich füttere das Programm ja nur mit Daten, die SIND, da kann ja nicht mehr rauskommen, als das, was IST – oder eben, in den Journalismus zu gehen. Was soll ich mit einem Doktortitel, von dem ich weiß, dass ich ihn für etwas bekommen habe, das überhaupt keinen Effekt auf gar nichts hat?”
Miriam kam aus Bayern nach Berlin, “mich hälts hier, die meisten ziehts ja dann doch irgendwann wieder zurück. Und ich muss sagen, ich vermiss die Berge schon auch sehr. Da, wo ich herkomme, kann man auch nach einem Arbeitstag noch mal schnell auf den Hausberg steigen.”
“Aber ich wohne sehr gern hier, ich wohne sehr sehr gerne hier. Und ich kann dieses notorische Prenzlauer Berg Bashing nicht mehr hören! Klar reg ich mich auch mal über die Leute hier auf. Aber ich muss ja nicht mit jedem interagieren! Vor allem, wenn er mich nervt. Mein Freund kann sich zum Beispiel stundenlang über diese Fixies aufregen, wenn wieder eins vorbei fährt, mich tangiert sowas viel weniger.” Fixies? Was sind denn bitte Fixies? “Na, diese Eingangrennräder, ‘fixed gears’, die die Kuriere in New York fahren, da allerdings ohne Bremsen. Wahnwitzig teuer und dabei doch so ein Quatsch, ein Fahrrad mit nur einem Gang!” Oh, diesen Trend hab ich wohl herrlich verschlafen. “Er ist ja auch schon fast wieder vorbei, so viele sieht man gar nicht mehr.”
“Wir haben uns neulich erst eine größere Wohnung angeschaut, im Wedding. Wir müssen uns ja allmählich vergrößern, jetzt haben wir ja nur ein Arbeits- und Wohnzimmer für zwei VonZuhauseAusArbeiter. Und die Wohnung, die wir da angesehn haben, die war wunderbar, die hätten wir sofort und auf der Stelle genommen. Aber dann sind wir nach der Besichtigung noch eine halbe Stunde durch die Gegend da gelaufen – und da war klar, dass wir da nicht hinziehen werden. Ja, da weiß man dann den Prenzlauer Berg doch wieder zu schätzen. In Köln zum Beispiel besorgen sich Familien Jahrestickets für den Zoo, weil es dort die einzigen sauberen Spielplätze der Stadt gibt.”

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