Noch 158 Tage und die Schwester.

“Mama schickt mitten in der Nacht wirres Blabla und komische Links – muss ich mir Sorgen machen?” schrieb einst die Schwester auf mein Handy, ganz zu Anfang meiner Wette. “Ja”, antwortete ich, denn ehrlich währt am längsten, “aber nicht um die Mama, sondern eher um mich. Der komische Link ist mein Blog.”

Jetzt ist es raus, dachte ich, und mir schwitzten die Hände. Dann rief ich sie an, die Schwester, Flucht nach vorne, dachte ich, besser erklär ich ihr mal dieses neu ausgeheckte Ideechen, jetzt, wo sie eh schon davon erfahren hat (was ich eigentlich vermeiden wollte). Sie ging sofort ran: “Ich bin schon mitten im Lesen – und ich kann gar nicht aufhören. Ich find die Idee super, ich mag deinen Schreibstil. Du bist so großartig.” Das sagte sie. Ich wurde rot.

Wann hab ich der Schwester zuletzt gesagt, dass ich sie großartig finde? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es mindestens 15 Jahre her sein muss. Da saßen wir das letzte Mal gemeinsam auf einem Balkon, futterten zusammen eine Kilokiste Kokosschokolade und heulten wegen irgendwelcher Jungs, denen wir leider egal waren, oder wegen der Eltern, denen wir leider nicht egal waren, oder (wahrscheinlich) wegen beidem.

Und dann irgendwann, irgendwo zwischen Balkon und heute, kam uns die Schokofresserei abhanden – und mit ihr auch die Heulerei, die gemeinsame jedenfalls.

Also, nicht ganz, einmal heulten wir noch gemeinsam, nämlich, als ich der Schwester mit schriller Stimme “asoziale Arroganz” an den Kopf warf, und sie mit nicht minder schriller Stimme (und auch nicht weniger treffsicher) zurückwarf, ich könne doch Suppe verteilen und ich würde “ja sowieso nie im Leben was Richtiges arbeiten” werden.  Und ich bin nicht ganz sicher, ob man das wirklich als “gemeinsam heulen” gelten lassen kann…

Hintergrund der Heulerei war eine Diskussion um “Arbeitslose”, einer Menschenkategorie, unter die für die Schwester hauptsächlich chipsfressende Systemschmarotzer fielen, die von der HomeyCouch direkt bei IHR auf der Couch landen würden (damals war die Schwester gerade Oberkante-Unterlippe vom Sozialpsychiatrischen Dienst, hat denn auch gekündigt und -ZACK- ihre eigene Praxis mit sieben Angestellten aufgemacht) – für mich hingegen waren empfindlicherweise “Arbeitslose” vornehmlich Studienkollegen und Künstlerfreunde – und damit nicht zuletzt und potentiell auch ich selbst.

Wir haben dann nach dieser doch eher… emotionalen Diskussion ein gutes Jahr lang kein Wort miteinander gesprochen. Ich litt, und sie wahrscheinlich auch. Die Zähne bissen wir trotzdem zusammen, beide, und reckten das Kinn.

Als ich von der Hochschule flog, und sie mit ihrer NieWasRichtigesArbeitenPrognose recht zu behalten schien, war ich mir so peinlich, dass ich das familiäre Weihnachten schwänzte. Peinlich war ich mir auch während der Zeit, während der ich mich mit mies bis gar nicht bezahlten “Projekten” über Wasser hielt, bis ich endlich meine Stelle an einer, ja, doch, man kann sagen: anerkannten Kulturinstitution dieser Stadt antrat. Aber auch da war ich mir noch peinlich, denn obwohl ich diese Stelle mit Leidenschaft ausfülle, wird diese Leidenschaft umgerechnet doch eher gering bezahlt. Und die gängige Maßeinheit für Akzeptanz ist nun mal Geld, und nicht Leidenschaft. Dachte ich.

Nun kommt also ein Paket von der Schwester, pünktlich zu ihrem Geburtstag. Ja, zu IHREM, nicht zu meinem. Darin: Babyklamotten. Und: ein Umschlag mit Geld. Mit viel Geld.

Mit sehr viel Geld.

Ich rufe sie an. “Ja, das hab ich mir so ausgedacht!” frohlockt die Schwester, “das ist mein Geburtstagsgeschenk für mich! Ich hab mir nichts gewünscht, nur das!” Im Hintergrund ruft der Schwager: “Ja! Kick den C-Promi!”

[Der C-Promi bin nicht etwa ich, nein, der selbsterklärte C-Promi ist ein Mensch, der in unserem Berliner Zimmer hockt wie der Igel IchBinSchonDa, und dem der Mann, weil die finanzielle Situation zuweilen klamm ist (freischaffend), die Scheibe mischen zu müssen meint. Klammerweise ist unsere Durchgangszimmerwohnung nicht nur Kleinfamiliennest, sondern auch des Mannes Studio. Was mir (meistens) nichts ausmacht, denn Musik ist schön, dit hörick jern, und Besuch in der Bude ist stets was Feines. Aber der C-Promi!!! Des C-Promis Musik ist von eher zweifelhaft künstlerischem Wert und ICH KANN IHN NICHT MEHR HÖREN, erzählte ich der Schwester jüngst. Und seine Parfümwolke will ich auch nicht länger riechen!!! Ich sage zum Mann: Mann, lieber klamm, als das. Der Mann sagt: nein, klamm soll das Baby nicht sein. Da hat er natürlich auch wieder recht, und ich steh da, mit meinem künstlerischen Wert, mitten in der Parfümwolke. (Ich glaube auch, er MAG den C-Promi).]

“Ja, kick den C-Promi!” ruft jetzt auch die Schwester, “es ist nämlich so: ich brauche nicht NOCH eine Gucci Tasche. Und NOCH eine!” – womit sie meine bisher eindrucksvollste Kaffeebegegnung Anke (Noch 197 Tage, schon 4 Kaffees) zitiert, so, wie sie alle meine Artikel praktisch auswendig kann, keine zehn Minuten, nachdem sie im Netz stehen.

“Du schreibst doch immer von deinen Schubladen”, triumphiert sie fröhlich weiter, “und dass du mit denen dauernd danebenliegst! Siehst du, und ich finde, es ist Zeit, dass du das mit den Schubladen endgültig sein lässt!” Ich seh sie wie ein Rumpelstilzchen um ihr Freudenfeuer tanzen. “Du hältst mich doch hier für die SpießerSchwester! Aber das bin ich nicht! Das bin ich nicht!”

Ich bin sprachlos. “Sie ist sprachlos!” jubelt die Schwester zum Schwager, “ich hab’s geschafft! Ich hab endlich Oberwasser!”

Oh, das hast du. Und du bist großartig.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 158 Tage und die Schwester.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Okka schreibt:

    Wow. Du aber auch. Was für ein tollerwarmerschlauer Text. (Und was für eine tolle Schwester).

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