Noch 159 Tage und schon 41 Kaffees: Simonne and Robin

Es gibt Häuser, in denen läuft die Wahrscheinlichkeit, eingelassen zu werden, tatsächlich gegen null. Klingeln und in die VideogegensprechanlageGrinsen wird dort zum Spießrutenlauf. Trotzdem gebe ich nicht auf, “zeige mir einen” und so weiter. Ich klingle eine geschlagene Stunde, nur zögernd lässt mich eine Stimme auf meine Bitte hin IN das Haus (wieder mal eine abgeschlossene Haustür). Da steh ich also im bespringbrunnten Innenhof und komme nicht weiter, denn die Zwischentür zum Vorderhaus hat mir die Stimme vorsorglich nicht geöffnet (Stimme wohnte im Vorderhaus).

Die Türen zu Seitenflügel und Hinterhaus sind AUCH abgeschlossen. (Bei den anderen Häusern sind zumindest die hinteren Haustüren immer offen.) Also noch mehr Videoanlagengrinsen. ICH BIN NICHT NETT! denke ich grummelnd, und WAS FÜR EINE BESCHEUERTE IDEE, an fremder Leute Türen zu klingeln. Um KAFFEE zu trinken! MACH ICH DOCH LIEBER MIT FREUNDEN! Das Hemd klebt am Rücken, das Baby, dieses kleine Wesen, kiekst mich fröhlich an, obwohl ich Rabenmutter NICHT mit ihm im Park bin, sondern in einer FESTUNG Klinken poliere, und das BEI DIESEM WETTER. Talfahrt Laune. Ich überlege, wer hier wohl zuerst da war, die verschlossene Tür oder der verschlossene Mensch, und mache mich auf den Rückweg, KEINE LUST mehr, macht doch, was ihr wollt.

Ach, denke ich, aber ich probier’s doch noch mal eben in diesem einen Haus, in dem ich bisher immer schon beim ersten Klingeln sofort, auf der Stelle und vom Fleck weg reingelassen wurde.

Und tatsächlich. Simonne, die Augenpartie wie ein Waschbär dunkel belidschattet, Extensions, Zähne bleachweiß, die Lippen knallrot, öffnet und lächelt mich verschwitztes Känguruh an. “Mein Deutsch ist nicht so gut”, sagt sie gleich und wir einigen uns auf Englisch. Im Hintergrund sitzt Robin am Laptop und schneidet ein Video.

“Ich komme aus Los Angeles”, sagt Simonne und hält verliebt das Baby auf dem Arm, das wiederum ganz fasziniert von ihren dunklen Fingernägeln ist, “und wie mit allen Städten, in denen man aufgewachsen ist, verhält es sich auch mit Los Angeles: man will irgendwann weg. Ich bin in Hollywood aufgewachsen, und für mich ist es nicht halb so spannend, wie für jemanden, der da neu hinzieht.”

Schnell wird mir klar, dass ich zum Kaffee bei “Cutting Edge” bin, wie die Marktforschung die beiden bezeichnen würde, also den Trüffeln unter den “Trendsettern”: Cosmopoliten, die hart am Wind surfen, immer wissen, welcher DJ gerade angesagt ist, unter Umständen ein eigenes Label haben – kurz: von den coolen Säuen die coolsten.

Robin kommt aus Schottland, wo er Freie Kunst studiert hat, spielt in mehreren Bands, kommt gerade von einer Tour in Italien, nächste Woche gehts nach Spanien, in seiner Freizeit schneidet er das Video für “Peaches Does Herself”, die coolste Show der letzten Spielzeit – alles klar.

Und Simonne, was machst du so? Simonne zeigt mir als Antwort ein Video Feature über sich, in dem sie auf verschiedenen Bühnen singt, über die “Sweet Peaches School of Rock” spricht und darüber, wie sie es schafft, dass ihre Akustik Gitarre wie eine ganze Band klingt. Außerdem zeichnet sie, sie zeigt mir das kleine Arbeitszimmer, in dem die Wände voller beeindruckender Schwarz-Weiß Zeichnungen hängen. Ganz klar: die beiden haben es drauf. Und sie sind erst Mitte 20.

“Stimmt es, dass im White Trash jemand umgebracht wurde?” fragt Robin. “Ja”, Simonne ist ziemlich unbeeindruckt, “ne Gruppe von Hells Angels ist aufgetaucht, und es gab irgendwie Zoff. Einen Tätowierer haben sie erst gefoltert, und dann umgebracht.”

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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