Annette hat nicht viel Zeit, sagt sie, ihre Arbeitsgruppe muss bis Donnerstag Ergebnisse vorlegen. Annette ist Richterin – und natürlich bin ich wieder einmal überrascht, über mich und mein hartnäckiges Danebenliegen. Wann, nur wann, nach all den Lehren dieser Wette, wundere ich mich endlich NICHT mehr, dass ein Mensch in mehreren Kontexten gleichzeitig stecken kann? Dass der Kontext den Menschen bedingt? Und dass man aber auch den Kontext von der Spreu trennen kann? Ich weiß nicht, wann ich wunderlos sein werde. Vorerst sitze ich noch, sehe Annette, wundere mich gehörig und denke: wow, echt, sieht gar nicht nach Richterin aus!
Ja, da würde mich aber mal interessieren, wie eigentlich eine Richterin, „die Richterin an sich“ sozusagen, aussieht! Offensichtlich jung (Mitte 30), lockenkopfig, ringelshirttragend, barfüßig und so nach PferdeStehlen, dass ich die Erfindung der Roben nachvollziehen kann. Die Richterin an sich lacht auch sehr viel und lässt fremde Frauen mit Babys und Kuchen in ihre Wohnung.
Die Wohnung, Dachgeschoß, modern neubaudig. Balkon, unbepflanzt. Grauer Teppichboden trennt Wohnbereich von Küchennische/Essbereich, ein Schlafzimmer wurde eingezogen. Sofa, Raumteiler. Wirkt alles sehr… geordnet.
Annette wurde von ihrem Richteramt in Hessen für ein Jahr nach Berlin ans Ministerium abgeordnet, an den Bund „entliehen“, sozusagen, deswegen hat sie sich für eine möblierte Wohnung entschieden. (Ah, daher das geordnete Gefühl.)
„Für ein Jahr hätte sich der ganze Aufwand mit Umziehen und so weiter doch gar nicht gelohnt. Aber es macht mir nichts aus, möbliert zu wohnen, weil ich die Vermieterin kennen gelernt habe, und nur sie hat vorher hier drin gewohnt, die Einrichtung ist also nicht schon durch zwanzig fremde Hände gegangen. Das hätte ich vielleicht dann doch komisch gefunden. Außerdem ist der Einrichtungsstil dem meinen sehr ähnlich, so ungefähr sieht es bei mir auch aus…“
“Und ich wollte gern in den Prenzlauer Berg. Als ich einmal zu Besuch in Berlin war, hat mir das hier schon gefallen. Und mein Bruder meinte auch zu mir: “such dir was im Prenzlauer Berg, das kann ich mir gut für dich vorstellen.”"
Gerade hat Annette ihr Jahr hier um noch ein weiteres verlängert, eventuell hätte sie sogar die Option, ganz in Berlin zu bleiben. „Aber für die Entscheidung lasse ich mir noch Zeit. Erstens bin ich gern Richterin, was ich ja dann aufgeben müsste, und zweitens hat sich hier noch nicht so viel ergeben, was es mir jetzt wert wäre, mein Leben in Frankfurt dafür aufzugeben.“
Es ist gar nicht so einfach, innerhalb eines Jahres einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen. „Man merkt natürlich, wenn man neu dazu kommt, dass alle schon irgendwie versorgt sind. Alle haben ihre Familien, ihre Freunde, ihre Gruppen, da ist es schwierig, irgendwie reinzukommen.“
Annette ging deswegen in den Kirchenchor, um Leute außerhalb der Arbeit kennen zu lernen (und natürlich auch, um zu singen) – „zu Hause“ singt sie auch im Chor und ist im Kirchenvorstand. „Und hier ist der Chor auch ziemlich jung, gar nicht die Seniorenveranstaltung, die man sich von einem Kirchenchor so erwarten würde. Die meisten sind in meinem Alter.“ Sie hätte auch tanzen gehen können, wie zuhause, Standard und Latein, „aber ich wollte mir hier den Stress mit der Partnersuche nicht antun. Die ist nämlich ganz schön aufwendig, man will ja nicht mit jedem tanzen.“
Als Richterin arbeitete Annette am Arbeitsgericht. Oh, sage ich, dann hast du sicher auch mit vielen Parallelwelten zu tun. „Ja“, sagt sie und lacht, „von der Putzfrau bis hin zum Supermanager, der sich eine millionenschwere Abfindungssumme einklagt, ist alles dabei.“
Nachtrag. Da drüben geht Annette, stupse ich anderntags den Mann an, als Annette eine Ampel kreuzt, und wir fernab in einem Café sitzen. „Aha“, sagt der Mann ahnungslos, denn er kommt gerade erst von einer Tour zurück und ist hausbesuchstechnisch noch nicht auf dem neuesten Stand. Annette ist Richterin, sage ich, möglichst lapidar. „Wow“, sagt er und schaut ihr hinterher, „echt? Das hätt ich jetzt aber nicht gedacht.“ Hach, es geht auch noch anderen so.

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Ich kann mich nur wiederholen: jeder Kaffee ein Genuss
ja, in der Tat… danke.