Bei manchen, wenigen, funkt es sofort auf eine besondere Art und Weise. Da ist schon die Erklärung über mich, das Projekt, die Wette, die Gentrifizierung an sich keine abtastende, annähernde Erklärung, sondern schon ein MittenDrinImGespräch. Ein Wort gibt das andere, gelacht wird viel und auch genickt, und das Gespräch fühlt sich an, als wäre es ein altes Lieblingsthema, das wir letztens erst liegen gelassen haben und nun einfach wieder aufnehmen.
Bei Maria sitze ich schon gleich nach meinem ersten Halbsatz im Wohnzimmer. “Willste vielleicht nen Sanddorntee?” fragt Maria und serviert ihn mir wenig später auf einem kleinen Silbertablett: chinesische Tasse mit Teesieder auf Untertasse, Zucker und eine Handvoll russischer Bonbons. Wie liebevoll.
Das Wohnzimmer: ein Laufstall, darin das, “was alle hier im Prenzlauer Berg in ihrem Wohnzimmer haben”, nämlich ein Baby, Nick, 12 Monate, eine ledergeflochtene Liege, Designersofa, Designerlampen, ein Designerteppich. (Später sagt Maria: “ach, so teuer war der nicht.” Ich aber sage: nix da, ich seh doch, wie dicht der geknüpft ist. Maria lacht.)
Den Marmorkuchen hat Nick binnen Sekunden zerrupft und in einer formidablen Bröselei auf Dielen und Teppich verteilt. Wir klauben ersthelflerisch die Brösel vom Teppich, “ohje, nicht Schokoladenflecken!” Maria nimmt sich mit Humor. “Mist, ich wollte nie Möbel haben, die einem vorschreiben, wie man zu leben hat. Und jetzt das hier!” Und da unsere Babys sich fröhlich in den Bröseln wälzen undoder sie krabbelnd verteilen, holt Maria irgendwann dann doch schnell den unvermeidlichen Staubsauger. “Heller Teppich, Zitronenkuchen. Dunkler Teppich, Schokokuchen. Und nur bei Dielenboden Marmorkuchen”, sagt sie augenzwinkernd.
Maria kommt aus Chemnitz, ist aber schon eine ganze Weile in Berlin und im Prenzlauer Berg, seit einem Jahr nun mit Klaus (der in Arbeit steckt) hier in der Immanuelkirchstraße. “Ich hab das Gefühl, hier in der Straße vollzieht sich in den letzten zwei Jahren nochmal exemplarisch die ganze Entwicklung, die der restliche Prenzlauer Berg schon durchgemacht hat. Berlin wird dadurch immer weniger Berlin, sondern immer mehr zu einer beliebigen anderen Großstadt.”
“Ich sage immer “die”, wenn von den Leuten die Rede ist, über die man sich hier so aufregt – dabei ist es an der Zeit, dass ich endlich “wir” sage und akzeptiere, dass ich auch eine von ihnen bin. Realität und Wunschdenken klaffen da noch etwas auseinander…” Ich bin ganz und gar nicht der Ansicht, dass Maria zu “denen” zählt (sofern es sie überhaupt gibt), im Gegenteil.
“Als wir hier einzogen dachte ich, super, vier Kinderwägen im Flur, na, da hat man doch gleich seine Infrastruktur. Ich hab dann auch gleich mal die Mütter hier im Haus zu mir eingeladen.” Maria wirkt tatsächlich wie eine Frau, die sich die Ärmel hochkrempelt und die Dinge in die Hand nimmt, “die eine kam nicht, weil ihr Baby gerade schlief, die andere hat sich gar nicht gemeldet, die dritte kam und meinte: “damit du nicht so einsam bist.” – und ist nach fünf Minuten wieder gegangen. Naja. Und dann hab ich die Mama über mir immer mit ihrem Baby hin und hergehen gehört. Und ich dachte: die sitzt jetzt genau wie ich in ihrem Zimmer (Nick war ein Schreikind), warum treffen wir uns nicht einfach? Und so geht es wahrscheinlich auch alten Leuten, die sitzen dann auch allein in ihren Zimmern und schaffen den Schritt nach draußen nicht.” (Maria hat sich aber schon eine andere Mutterrunde organisiert, ich werde prompt eingeladen – und werde auch hingehen, zu dem Haufen “Mütter”. Marias wegen. Und das heißt was.)
“Es ist schade, dass die Hausgemeinschaft, wie sie früher üblich war, gelitten hat, dass es die nicht mehr so gibt.” Ob das an der Ossi-Wessi-Mentalität liegt? “Das kann ich nicht generalisieren, ich hab auch viele Wessi Freunde. Hier im Haus aber, da es alle Wessis sind, die hier eingezogen sind… Ich glaube, es liegt an der neuen Bürgerlichkeit. Der Prenzlauer Berg der DDR WAR einfach nicht bürgerlich, es gab ja kein Bürgertum in dem Sinn.”
“Diese Bürgerlichkeit ist etwas zutiefst protestantisches: alle erarbeiten sich was nach dem Selbstverschuldungsprinzip, und müssen dann aber auch immer beweisen können, dass sie es sich auch wirklich verdient haben. Und deswegen lässt sich wohl niemand gern hinter die Fassade gucken. Ich bin da anders. Mir macht das nichts aus.”
Maria ist Politikwissenschaftlerin und wurde gekündigt, als sie schwanger war – mit der Begründung, der befristete Vertrag wäre ausgelaufen. “Aber alle anderen, die am Projekt beteiligt waren, wurden übernommen, und auch die Projektarbeit ist noch nicht beendet. Ich weiß, dass rechtliche Schritte mir kaum meinen Arbeitsplatz zurück bringen werden, aber ich habe das Gefühl, nicht mehr nur um mich kämpfen zu müssen, sondern um eine Sache.”
Jedenfalls muss sie sich seither mit dem Arbeitsamt herumschlagen. Den ersten Termin zur Anhörung konnte Maria nicht wahrnehmen, weil es der erste KitaTag war, da musste sie natürlich und verständlicherweise hin. “Ich habe der Frau da vom Arbeitsamt von Anfang an gesagt, dass sie bitte einen neuen Termin festsetzen soll. Dann hat sie mir noch einmal DENSELBEN Termin geschickt. Und als ich dann kam, hieß es, ich wurde aus der Kartei rausgenommen, weil ich nicht FLEXIBEL genug wäre, und man mir deswegen auch keine Arbeit vermitteln könne.”
“Dabei bringe ich doch mein Kind in die Kita, UM flexibel zu sein, und UM mir wieder eine Arbeit suchen zu können! Da bin ich aber laut geworden. Seien wir ehrlich, hab ich gesagt, über das Arbeitsamt hat noch NIEMAND eine Arbeit gefunden, außer vielleicht der Hartz 4 Empfänger seinen Putzjob für einen Euro! Aber ARBEIT vermitteln SIE nicht.” Die anderen, die da gewartet haben, haben alle zustimmend gelacht. Ich war so wütend!”

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Oh je, ich bin ein lebendes Klischee!! Ich bin DIE Prenzlauer Berg Mutter.. Irgendwann wird man eben doch in die zwingende Situation gebracht, ehrlich zu sich zu sein und nicht in der Illusion seines Selbst-Möchtegerns zu bewegen.
Aber es gibt Schlimmeres, so tröste ich mich jetzt ind er “ich-muss-lernen-es-anzunehmen-phase”. Das Feindbild ist nur an der Oberfläche perfekt. Dahinter ist jeder auf seine Weise glücklich und unglücklich oder soundso.
Wozu gibt es diese Feindbilder eigentlich? Und warum sind sie immer nur zweidimensional? Damit man sie sich an die Wand hängen kann? Oder in den Spind? Sobald eine dritte Dimension dazu kommt, glücklich sein, unglücklich sein und soundso sein, wird aus dem Feindbild mirnichtsdirnichts ein recht possierliches Haustier, dass einem ständig auf den Schoß springt und gestreichelt werden will.
Und, ganz ehrlich: sind wir nicht ALLE ein Klischée? Auf die ein oder andere Weise? Dann bin ich doch lieber eine Prenzlauer Berg Mutter. (Denn ich bin ja auch eine!)
Und überhaupt und außerdem: vielleicht gibt es dieses Klischée ja nur, weil wir (die Prenzlauer Berg Mütter) andauernd damit beschäftigt sind, KEIN Klischée zu sein. Vielleicht schauen sich die Mütter aus diesem Grund (vor lauter Peinlichkeit vorm eigenen Klischée) nicht in die Augen, was zu den berüchtigten Scheuklappen führt? Weil sich jede denkt: “oh Gott, ich bin doch nicht wie DIE da.” Was dann wie Arroganz aussieht, ist in Wirklichkeit der verzweifelte Kampf mit einer öffentlichen Fremdwahrnehmung, das schlechte Gewissen heißt Meldebescheinigung Komma Wohnhaft in. Ich glaube sehr, es ist so.
Zeit, damit aufzuhören! Schaut euch an! Wie du es sagst: jeder ist auf seine Weise glücklich und unglücklich und soundso!