Noch 153 Tage und schon 46 Kaffees: Annette und Gustav

Von Häusern und Menschen. Da gibt es zum Beispiel das HannibalLecterHaus. Im HannibalLecterHaus sind die Spione an den Wohnungstüren mit kopfgroßen Gittern versehen, solchen, wie sie nur Hockeytorwarts oder eben Hannibal Lecters tragen. (Dass mich im HannibalLecterHaus noch niemand hinein gelassen hat – und es voraussichtlich auch nicht tun wird – versteht sich quasi von selbst. Und ist wahrscheinlich auch gut so, ähe.)

Dann gibt es das ComicHaus, in dem jede Wohnungstür ein geschichtenträchtiges Kunstwerk für sich ist, schon ohne die Menschen dahinter. (Dass mich im ComicHaus JEDER reinlässt, ist ja wohl auch klar.)

Aber meistens muss ich nicht erst die Wohnungstüren in Augenschein nehmen, um eine zuverlässige Wahrscheinlichkeitsvorhersage bezüglich der Einlassquote treffen zu können.

Denn die hauseigene Atmosphäre überträgt sich mir eigentlich (oder mittlerweile?) schon im Treppenhaus. Die Treppenhäuser mögen sich äußerlich noch so sehr ähneln, was Breite und Teppichläufertum betrifft, beispielsweise, das Gefühl aber, das mich beim Betreten mal beschleicht, mal befällt, ist immer ein anderes.

In dem einen Treppenhaus fühle ich mich wie ein Straßenköter, ein Eindringling, der besser nicht erwischt wird – in einem anderen hingegen wie in einem weichgezeichneten Déjà-Vu, mit Caprihose und Kopftuch (gepunktet). In ein paar Treppenhäusern fange ich (Angst?) sofort an, zu transpirieren. In anderen wiederum kann ich (Leiche?) den Geruch nicht ertragen. In wieder anderen spüre ich keinerlei Veränderung meiner straßenlichen Pulsfrequenz. In ein, zwei, Treppenhäusern fühle ich mich wie in einer riesigen Wundertüte, selbst ein staunender Brausedrops.

In dem Treppenhaus, in dem ich heute bin, habe ich ein untrügliches Gefühl nach: Sonnwendfeuer und SägespäneInDerZirkusmanege. Das Treppenhaus ist für sich schon eine eigenständige Wohnung, mit Pflanzen, Plakaten, Bildern, Regalen, so gemütlich, man möchte sich sofort hinsetzen und ein Buch lesen. (In einigen anderen Treppenhäusern ist die Vorbaubebauung zwar auch üblich, meist aber nur in den obersten Stockwerken – und auch da eher in Form einer frechen einsamen Grünpflanze oder einer verlassenen Leerflasche Moskovskaja auf einem Fenstersims). Die sind hier offenbar ziemlich tolerant, was leben und leben lassen betrifft, denke ich und klingle erwartungsfroh.

Annette und ihr Sohn Gustav (15, “Klar, warum nicht!”) lassen mich in ihre Küche, auch wenn Annette in einer halben Stunde schon ihren zweiten Sohn Didi vom Fußball abholen muss. Was für eine eigenwillige Architektur, denke ich, die Küche riesig, fast achteckig, zwei Durchbrüche zum Flur, dadurch alles so hell und offen, viel Holz…

„Wir sind ein Hausprojekt“, erklärt mir Annette, während sie in einem silbernen Flötenkessel das Wasser für unseren SiebenZwergeTee kocht, „wir haben alles selbst ausgebaut, damals, da konnte man sich natürlich die Wohnung ein bisschen nach Wunsch anlegen.“ Ich überlege kurz und klammheimlich, ob der Mensch durch die Wohnung, oder die Wohnung durch den Menschen bestimmt wird. (ergebnislos.)

„Wir sind hier kurz vor der Wende eingezogen“, erzählt Annette weiter, „genaugenommen haben wir das Haus besetzt.“ Eine echte Hausbesetzerin! Jetzt erklärt sich mir das Flair.

Nach Annette gab es drei Hausbesetzertypen: „auf der einen Seite die, die auch in der Wohnung nur SO machen wollen (sie wirft ein leergetrunkenes Wodkaglas hinter sich, ein imaginäres natürlich) und alles verkommen lassen, dann die in der Mitte, die etwas politisch motiviert sind und mit dem Ziel antreten, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen und zu erhalten, und dann die auf der anderen Seite, die das ganze rein profitorientiert angehen. Wir waren eher mehr so im mittleren Bereich.“

„Wir haben uns dann für die Form einer Genossenschaft entschieden, wir wollten keine Eigentümer sein, da kriegt man sich früher oder später ja dann doch in die Haare. Und das mit der Genossenschaft klappt ganz gut. Jeder neue Mieter, der hier einziehen will, muss sich erst bei uns im Plenum vorstellen, wir können mit aussuchen. Das heißt, wir kennen uns hier alle und haben auch eine sehr geringe Fluktuation.“

Anfangs lebten die Parteien in einem Gemeinschaftsraum und mit einer Gemeinschaftsküche, während sie die Wohnungen von Grund sanierten. Die Sache mit der Gemeinschaftsküche ging aber ziemlich schnell in die Hosen, „einen gibt es immer, der keine Lust hat, was zu machen, aufzuräumen und so weiter. Aber dann wurden ja nach und nach auch die einzelnen Wohnungen fertig, mit funktionierenden Toiletten und Küchen. Und jetzt sind wir eine funktionierende Hausgemeinschaft.“ Und den Gemeinschaftsraum gibt es immer noch. Gustav scheint die Geschichten alle schon zu kennen, zwischendurch sagt er öfter: “Erzähl doch noch das und das!”

„Dadurch, dass wir Sanierungsobjekt waren, wurden wir zu 80% vom Staat gefördert, und unsere Investitionen haben sich bereits amortisiert. Es geht sogar schon ins Gegenteil, wir könnten mittlerweile schon etwas zurückbekommen, aber wir haben uns dagegen entschieden, die Mieten zu senken. Lieber wollen wir den Überschuss in neue Projekte investieren. Aber es ist schon angenehm, dass es bei uns keine Mietsteigerung gibt.“

Gegenüber, die berühmten „Sauna, Aufzug, Südterrassen“: „die Wohnungen kosten 1,2 Millionen Euro. Wir sehen sie immer, teilweise zu zehnt aus einem Auto steigend, und sich die Wohnungen anschauen. Die machen sich auch gar keine Platte, da fallen Sätze wie: ‚und meinst du, das ist groß genug?’ (Die 3-Zimmer-Wohnungen dort haben 112 Quadratmeter, das siebenzimmrige Penthouse sogar 265 qm). Hast du dir die Wohnungen im Internet mal angesehen? Musst du machen. „Immanuelkirchquartier.“ Steinbadewannen und Fußbodenheizung, gehen über zwei Etagen, das meiste davon ist die Südterrasse. Aber ich glaube, das sind nur Investitionsobjekte. Wenn jemand richtig Geld verdient, warum sollte er soundsoviel im Monat verschenken, wenn er investieren und dadurch Steuern sparen kann? Das sind Mechanismen, die funktionieren doch alle menschlich.“

Annette ist Sozialpädagogin, im Wedding (davor hatte ich anfangs ganz schön Respekt, ob ich ernst genommen werde da) – und sie mag ihre Arbeit. „Es gibt ein paar, die es schaffen, und wenn man sich ansieht, mit welchen Voraussetzungen die antreten… und für die ist es das wert, die Arbeit, der ganze Aufwand und auch die vielen anderen, die es nicht schaffen.“

Und die Menschen hier? „Die sind irgendwie ordentlicher geworden. Aber die Leute, die hier herziehen, suchen auch die Herzlichkeit, für die der Kiez so bekannt ist – und sind dementsprechend selbst herzlich.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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