Sanne hat gerade ein Zwiebel-Apfel-Brot im Ofen, für den Besuch, der abends kommt. Es duftet herrlich, nach Backstube, Geborgenheit und Heimat (also, nicht nach der bio- oder geografischen Heimat, sondern vielmehr nach einer diffusen Vorstellung davon). Vielleicht fühl ich mich deswegen von Anfang an wohl bei Sanne und ihrem Sohn Jascha (11). Fehlt nur noch Sarah (13), die aber gerade bei einer Freundin ist. „Jascha, willst du auch ein Stück Kuchen?“ fragt ihn Sanne auf niederländisch, denn sie kommt ursprünglich aus Amsterdam – und ich seh jetzt noch Jaschas begeistertes Kopfnicken vor mir. Oh ja! Ein echter Kuchenliebhaber! Und ich sofort: ein echter Jaschaliebhaber.
Warme Wohnung, honigfarbene Dielen, ein Hochbett über der Tür. Eine raffinierte Kronleuchterstange („die musste ich einfach haben“, sagt Sanne, und ich kann’s verstehen) hängt über einem kleinen Holztisch, auf dem Tisch liegen Perlen und halb fertig gewebte Armbänder, Sanne trägt einen selbstperlgewebten Pfauenaugenring am Finger, auch die Kommode da könnte selbst restauriert oder doch zumindest selbst gestrichen sein, spekuliere ich.
Sie räumt denn auch noch schnell einen fertig gestrickten Babypullover außer Reichweite, der zum Trocknen in Form gesteckt wurde. „Für eine Freundin, die bekommt bald ihr Kind.“ Das ist wahrlich kein Strickgestopsel für Anfänger, das ist ein hübscher, bepaspelter, schnittiger Babypulli. Wow, du kannst ja richtig stricken, sage ich, die ich Stricknadeln allenfalls zum Sushi essen in die Hand nehmen würde. „Das kommt nur, weil ich so viel mit der Bahn fahre, da hab ich Zeit zum Stricken. Komm, lass uns auf dem Boden sitzen, dann ist dein Baby da unten nicht so allein.“
Sanne ist Musikerin, sie spielt in Klezmer Bands („das ist mein drittes Kind, manchmal“ stellt sie mir augenzwinkernd ihr Akkordeon vor) und pendelt zur Zeit zwischen Bremen, wo sie ihre Hauptband hat, den Niederlanden und Berlin hin und her.
„Früher war die Klezmer Szene in Berlin viel größer, umtriebiger“, erzählt Sanne, „das Hoftheater am Hackeschen Markt, zum Beispiel, hatte viele jiddische Stücke und auch jiddische Bands und Musik auf dem Programm, gleichzeitig ein hohes Laufpublikum an Touristen, da konnte man ganz gut verdienen – aber dann kam eine Mieterhöhung, und das Theater hat dicht gemacht. Die Klezmer Szene hier in Berlin hat sich daraufhin ein bisschen zerstreut. Oder nach, ja, nach Bremen verlagert.“
Warum also nicht nach Bremen zurück gehen, frage ich sie, weil sie früher eine Zeitlang in Bremen gelebt hat, liegt doch auch viel näher an Amsterdam? Also, abgesehen davon, dass natürlich Berlin toll ist und die Kinder hier ihre Freunde haben? „Diese Wohnung hier in diesem Haus“, sagt Sanne sofort. Sanne wohnt in dem Hausprojekt, in dem auch Annette und Gustav wohnen. „Wir kennen uns hier alle, und eine meiner besten Freundinnen wohnt auch hier. Ostern beispielsweise sind alle aus dem Haus eingeladen, wer will, natürlich, und dann fahren wir alle gemeinsam irgendwohin raus aufs Land und machen einen Osterspaziergang. Oder wir treffen uns zum Weihnachtsbasteln. Ich kam letztens einen Tag nach meinem Geburtstag aus den Niederlanden wieder nach Hause, und da standen Kuchen und Blumen in der Küche. Das ist doch schön! Das ist etwas, das würde ich nur ungern hergeben.“
„Dieser Kiez hier ist wie ein Dorf. Die Kinder können sich frei auf der Straße bewegen und ich muss mir keine Sorgen machen. In praktisch jedem Haus können sie klingeln, falls etwas wäre, weil da ein Freund wohnt, oder der Freund eines Freundes. Vor einiger Zeit gab es einen Mann, der Kinder auf der Straße angesprochen hat – und die Schulen haben sofort reagiert und die Kinder informiert, worauf sie achten sollen und vor allem, wie sie sich zu verhalten haben. Es beruhigt, zu wissen, dass trotz Dorf dann doch das großstädtische Sicherheitssystem greift.“
„Entschuldigt, wenn ich euch störe“, Jascha steckt seinen Kopf zu uns ins Zimmer, „aber… dürft’ ich mir noch ein Stück Kuchen nehmen?“ Die italienische Mama in mir jubelt.
„Wusstest du“, fragt mich Sanne, „dass es hier eine Kneipe gibt, die nur donnerstags abends aufhat, und in der man Mitglied werden kann, dann kosten die Getränke nur die Hälfte?“ Ach, dann war DAS das, wovor ich unlängst neugierig hineinlinsend stand und mich wunderte, darüber, dass eine neu aufgemachte Kneipe (wohl noch nie donnerstags vorbeigegangen) derartig stilsicher und überzeugend PrenzlauerBergAlsEsNochWirklich“In“War hinbekommen hat. „Da finden Konzerte statt, oder Elternabende, oder man kann den Raum auch mal für einen Geburtstag oder so mieten“, erzählt Sanne weiter, „ein Stück alternatives Kiezleben einfach. Wir sitzen natürlich abends auch mal auf Stühlen draußen. Mal sehen“, sagt Sanne mit einem Blick aus dem Fenster, Richtung bezugsfertige Sauna-Aufzug-Südterrasse, „wie lange das noch so gehen wird…“

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