Manche Leute lächeln mich so hoch erfreut an, wenn (und obwohl) sie mich wie einen Hausierer vor ihrer Wohnungstür stehen sehen, dass ich schleunigst sämtliche Verknüpfungen meines Hinterstübchens durchkämme, ob wir uns vielleicht von irgendwoher kennen (und ich mal wieder was verpasst habe). Manchmal zögere ich sogar, überhaupt weiter zu reden, weil diese MancheLeute den Eindruck machen, als wüssten sie schon längst Bescheid über meine Wette, als seien sie Sympathisanten, als warteten sie nur auf eine Atempause von mir, um mich rein bitten zu können. Aber auch das ist nicht der Fall. Die MancheLeuts kennen weder mich, noch das Projekt. Sie sind einfach nur unglaublich freundlich.
Und dann frage ich mich: bin ich wirklich so griesgrämig, misstrauisch und zurückhaltend – also, (stotter), wenn es um fremde Menschen an meiner Wohnungstür geht? Oder ist das vielleicht nur mein Selbstbild? Oder sind MancheLeuts einfach auf eine entwaffnende Art und Weise überwältigend aufgeschlossen und umgänglich? So… im Vergleich?
Mascha jedenfalls ist auch ein MancheLeut, und sie trägt noch dazu ein fabelhaftes Kleid. (Und über Frage eins und zwei mach ich mir irgendwann später Gedanken.)
In der Küche hockt Levy (5), ein Handtuch um die Schultern, mucksmäuschenstill vor einem Laptop und schaut Die Sendung mit der Maus, während er von Kris ziemlich professionell die Haare geschnitten bekommt. Dieses Bild hat Charme, genau wie die Küche selbst. Besonderheit: eine Wand ist pur Beton – was vielleicht wenig charmant klingt, hat ziemlich Stil. Erinnert mich vage an München, denk ich.
Und tatsächlich, Mascha, Kris und Levy wohnten zuletzt in München, Levy ist sogar geborener Münchner. „Nach und nach sind alle unsere Freunde nach Berlin gezogen“, erzählt Kris, „ich wollte aber erstmal nicht weg. Warum soll ich in München nicht auch das finden können, was ich in Berlin suche? Aber München ist ganz schön gesättigt, deswegen sind wir vor drei Jahren schließlich auch hierher. Ach was, vier Jahre sind es schon“ – „Was“, Mascha wundert sich, „ist das schon wieder so lang her?“
In den Prenzlauer Berg kamen sie eigentlich nur durch Zufall, die Wohnung von Freunden von Freunden wurde frei. „Wir hielten es beide für unsere Arbeit für sinnvoll, nach Berlin zu ziehen“, erklärt Mascha, und Kris findet, dass es „natürlich manchmal nervt, wenn ein ganzes Café eine einzige MacBookBlase ist, aber das ist nun mal unsere Arbeit, und hier sind alle vor Ort.“
Kris ist Musiker, (laut Mascha „Popper durch und durch“), ein Autodidakt: „ich hatte Glück, als ich 21 war, wurde meine Band gerade ziemlich erfolgreich und wir tourten viel. Jetzt produziere ich lieber, schreibe Songs für Filme und außerdem für die Werbung.“ Ah, kenn ich da was, vielleicht? frag ich. Kris singt was. Ich kenne es.
„Das sind nur fünf Töne, aber an so etwas sitze ich dann schon mal drei Monate. Das eigentlich Aufwendige ist nämlich das Drumherum, die ganze Kommunikation mit all den Leuten, die an so einem Spot noch alle mitreden wollen.“ Kris verdreht kurz die Augen. „Bis sie wurden, was sie jetzt sind, nämlich eine einzelne Singstimme, waren die fünf Töne schon Big Band Orchester, Jazz, Chor, alles.“ Er lacht. „Da kann man sich natürlich zwischendurch die Sinnfrage stellen – aber dann macht man einfach wieder etwas Kunst.“
Auch Mascha hatte bisher ziemlich Glück mit ihren Jobs, sie ist freie Journalistin und arbeitet mittlerweile hauptsächlich fürs Radio.
„Der Prenzlauer Berg gehört inzwischen zum guten Jounalistenton, hab ich das Gefühl. So, wie man früher einmal mit einem Politiker mitgereist sein musste, so muss man jetzt einmal durch den Prenzlauer Berg ziehen und irgendwas darüber schreiben. Schrecklich, wie viele Artikel es dazu gibt!“ Ähe. (Verlegen den Haaransatz kratz). Kris schenkt uns Mangosaft ein.
Wir reden über den Prenzlauer Berg und seine Klischées und Feindbilder. „Es ist irgendwie schon komisch“, sagt Kris, „erst drei Jahre hier leben zu müssen, bis im Treppenhaus auch mal ein „Hallo!“ zurückkommt.“ – „Naja“, sagt Mascha, „wir sind natürlich auch das typische Feindbild, wir sind die Eindringlinge. Gegen so eine Feindbildwand kommt man einfach nicht an. Und“, fügt sie hinzu, „das sind auch nur die einen, die meisten im Haus hier sind nett.“
Und zum Feindbild der Prenzlauer Berg Mütter sagt Mascha: “Das ist eine Frage des Feminismus! Warum darf denn eine Frau nicht nur Mutter sein? Nein, sie muss auch noch im Beruf erfolgreich sein. Und dabei IST es ein eigenständiger Job, die ersten zwei Jahre, ein Kind aufzuziehen. Aber dass selbst Mütter sich das nicht eingestehen wollen und bei dem MütterBashing mitmachen, zeigt doch nur, dass diese Arbeit noch immer nicht gesellschaftlich anerkannt ist!“

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