Noch 147 Tage und schon 50 Kaffees: Daria.

Daria kommt grad von ihrer Arbeit aus dem Kinderladen. Kuchen will sie keinen, aber Tee macht sie uns. Seltsamer Stil, denke ich in ihrer Küche, links so ein schönes altes Küchenbuffet, rechts sterile Einbauküchenreste, wie passt das wohl zusammen. Erstmal Tee trinken.

Ich hab das Gefühl, Daria hatte noch nicht mal Zeit, sich zu setzen und durchzuschnaufen (und trotzdem lässt sie mich rein!) – wie war es denn heute, frag ich deshalb. „Ach“, stößt sie auch gleich aus, „schlimm! Heute war schlimm. Weil es doch gehagelt hat, und alle Eltern geblieben sind und abgewartet haben, dass der Hagel aufhört. Und wenn die Eltern da sind, drehen die Kinder immer so auf…“

Was ist denn die typische Prenzlauer Berg Mutter für dich? frage ich, (wie, wer und vor allem WAS ist eigentlich die typische Prenzlauer Berg Mutter? So viele Mütter hier – und wir passen alle in EIN Klischée??), erzähl mir, bitte, du sitzt ja direkt an der Quelle.

„Na, die Prenzlauer Berg Mutter ist immer adrett gekleidet und ihr Kind darf alles.“

Griffig, aber es geht noch weiter. „Und die Eltern setzen den Kindern einfach keine Grenzen! Und dadurch sind die bei uns dann total bockig, weil sie bei uns natürlich nicht ständig ihren Willen kriegen. Und die Eltern lassen immer alles die Kinder entscheiden! Ich meine, wie soll denn bitte ein Zweijähriger entscheiden, ob er hier bleiben oder nach Hause gehen will? Dem ist das doch egal!“ An dem Punkt fantasiere ich bereits, wie ich hier in dieser Küche Daria antrage, ob sie nicht bitte auch mein Baby betreuen will, irgendwann, da in ihrem Kinderladen. Daria ist eine Erzieherin, in die sich Kinder verlieben, da bin ich mir sicher.

Daria ahnt nichts von meinen Fantasien und zählt weiter auf. „Und die Kinder kriegen zu wenig Aufmerksamkeit, weil mindestens ein Elternteil viel zu viel arbeitet, und die Aufmerksamkeit holen sie sich dann dafür bei uns. Und die Eltern bringen ihre Kinder auch krank zu uns.“ Früher hat Daria im Wedding gearbeitet, „da gab es so was nicht. Gut, da waren es andere Probleme, da sind die Kinder aggressiver, zum Beispiel. „Aber dort werden die Kinder niemals, nie krank in die Kita gebracht. Eigentlich gilt bei uns, dass die Kinder einen Tag fieberfrei sein müssen, bevor sie wieder kommen dürfen – die stecken schließlich sonst nicht nur die anderen Kinder an, sondern auch uns. Und die Eltern halten sich überhaupt nicht dran, lügen uns sogar an, sagen, der hatte kein Fieber. Und die Kinder erzählen uns dann aber was anderes, das kriegen wir ja mit. Und wenn man die Eltern darauf anspricht, heißt es nur: aber was soll ich machen, ich muss diesen und jenen Vortrag fertig machen! – ja, klar musst du deinen Vortrag fertig machen – aber du hast ein KIND! Das ist jetzt nun mal wichtiger!?“

„Und die Eltern wollen, dass viele Aktivitäten mit den Kindern gemacht werden, dass sie gefördert werden, dass wir mit ihnen ins Theater gehen, den Wald kennen lernen und musizieren, am besten alles gleichzeitig. Aber dass es in diesem Alter erstmal darum geht, ordentlich essen zu lernen, und zu laufen und zu reden, das bekümmert die Eltern wenig. Und ich habe den Verdacht, dass die Kinder zu Hause überhaupt nicht gefördert werden. Manchmal frage ich mich, was aus diesen bockigen Kindern wird, wenn sie Jugendliche sind…“

Und was ist mit ihr und Kindern? „Ich?“ Daria lacht. „Um Himmels willen, ich hab keine Kinder und ich will auch keine Kinder, zumindest hier in Berlin nicht, wenn, dann vielleicht irgendwann später, in einem Häuschen irgendwo im Grünen.“ Daria kommt aus einer Kleinstadt in Sachsen. „Und irgendwann werde ich auf jeden Fall wieder zurück in meine Heimatstadt gehen, da sind die Leute freundlicher.“

Seit einem halben Jahr wohnt Daria jetzt mit ihrem Freund hier in der Wohnung. „Gestern erst hat eine Nachbarin geklingelt und gefragt, ob wir nicht Interesse hätten, die zu Wohnung zu kaufen. Das Haus hat gerade den Eigentümer gewechselt, und es heißt, dass er die Miete extrem anziehen will. Aber ich weiß nicht, Wohnung kaufen… Ich will keine Schulden haben. Und wer weiß, ob wir hier wirklich wohnen bleiben wollen, in dem Kiez…“

Du bist ja schon mit ganz schön vielen bekannt, staune ich, als mir Daria ein bisschen ihre Nachbarn beschreibt, dafür, dass ihr erst seit Februar hier wohnt! „Ja…“, Daria zögert. Ich ahne: du hast doch nicht etwa… „Doch“. Daria lacht. Sie hat an den Türen geklingelt, um sich vorzustellen, gleich, nachdem sie eingezogen war. „Hallo, ich bin die Neue, und so weiter. Ich finde es doch wichtig, dass man sich vorstellt. Und auch, zu wissen, wer hier noch alles wohnt, wer man ist, für wen man beispielsweise ein Paket annimmt und so weiter.“

„Soll ich dir noch die Wohnung zeigen?“ fragt Daria. Oh ja! Sie führt mich durch ihre schöne geräumige Wohnung, und jetzt löst sich mir auch der Einbauküchenrest auf: „ach, das ist noch von der Vormieterin drin“. Ansonsten: alles 60er Jahre Schmuckstücksmöbel aus der DDR, „Wohnungsauflösung aus meinem Dorf. Die wollten das alles wegwerfen, stell dir vor. Hier kommt noch eine neue Glasplatte drauf, die ist noch beim Glaser. Und hier, die Polster, die hab ich selbst bezogen.“

„Und das Küchenbuffet, das haben wir auf der Straße gefunden, gerade sagte ich noch zu meinem Freund, wir haben noch keine Küchenmöbel, da sagt er nur: schau, da drüben steht eins. Und dann kam auch grad einer vorbei mit einer Robbe („Berlinerisch“ für: Umzugswagen vom Lokalmatador Robben & Wientjes), dem haben wir schnell bei seinem Umzug geholfen, und dafür hat er uns das Buffet hergefahren.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 147 Tage und schon 50 Kaffees: Daria.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Chantal schreibt:

    Schönes und interesanten Treffen…Ein Kind ist natürlich wichtiger als die Arbeit, aber leider muss mann arbeiten um zu leben…

    • rotkapi schreibt:

      ja, das mag wohl sein – aber, (wenn man es sich nicht selbst so einteilt, was bei den “typischen” Prenzlauer Berg Eltern laut Daria der Fall ist) ist es nicht schade, dass man gesellschaftlich/arbeitstechnisch so wenig Spielraum bekommt, sich um die Kinder zu kümmern, wenn sie krank sind? (man darf nur so und so viele Arbeitstage wegen erkrankter Kinder fehlen etc)
      liebe Grüße!

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