Ich bin, weil ich nach Daria so gut gelaunt war, gleich noch mal los, Wettrückstand aufholen. DREI an EINEM Tag, der absolute Rekord. (Nur komm ich leider mit dem Schreiben überhaupt nicht hinterher.)
„Es ist zwar nicht sehr gemütlich…“, hat sich Florian entschuldigt, als er mich schon nach dem ersten Einleitungssätzlein in seine Küche bittet – die Waschmaschine schleudert, ein zwei Regalbretter nur, spärlich besiedelt, Spüle, Herd, ein … Spind? Aber ich finde es SEHR gemütlich. Weil Florian ganz einfach so herzlich ist, dass ich mich sofort wohl fühle, und zwar ohne die üblichen Anfangsunsicherheiten, die es meistens durchzustehen gilt. (also, für mich.) Und ich mag die Dusche in seiner Küche.
„Mich würde mal interessieren, wer in dieser Wohnung hier vor mir gelebt hat. Hier“, er zeigt auf den Spind, „den hat meine Vormieterin drin gelassen, da steht auf der Rückseite NVA drauf. Das ist doch bemerkenswert, welche Zeitgeschichte hier in dieser Wohnung steckt. Ich überlege oft, was für Geschichten hier drin wohl schon passiert sind… Aber wie soll man das heraus finden.“
Florian hat Kreatives Schreiben studiert und wird diesen Herbst das Ergebnis seines Promotionsstipendiums vorlegen. „Das Kapitel mir dem praktischen Teil, für den ich Interviews führen wollte, wie du sie jetzt auf gewisse Weise machst, hab ich aus Zeitspargründen gestrichen, hehe.“ Ich hab unheimlich Spaß, mit Florian zu reden, normalerweise finde ich das Wort „angeregt“ schrecklich piefig, aber hier, für dieses Gespräch, will ich es unbedingt haben, für dieses Interesse, Florians Zugewandtheit, und für den Schwung, mit dem wir uns unterhalten. „Du musst wahrscheinlich ständig total viel über dein Projekt reden“, sagt er, und hat natürlich Recht damit, „aber erzähl mal, was für Leute hast du getroffen, wie ist dein Eindruck, was hast du schon herausgefunden…“ Und ich erzähle so viel, wie sonst nie.
„Ja, Parallelwelten“, sagt er, „ich hab ja hier auch mein ‚Fenster zum Hof’. Da, wo die Rolläden unten sind, zum Beispiel, da ist ein Büro drin, die fangen immer schon um halb sieben oder um sieben – keinesfalls erst um acht – an, zu arbeiten, und immer, wirklich immer, wenn ich morgens so halb verpennt in meine Küche komme, stehen die da schon, eine rauchen, und schauen hoch.“
„Oder im Fitnesscenter, wenn ich da auf meinem Fahrrad sitze und in die Runde blicke, betreibe ich auch die herrlichsten ethnologischen Studien. Vom ProllOssi bis zum KarriereWessi ist da alles dabei. Letztens hab ich mit einem gesprochen, mit einem richtigen Muskelpaket, der mir von illegalen Krafttrainings in irgendwelchen Hinterhöfen erzählt hat, wo er damals in der DDR seine Gewichte gestemmt hat.“
„Für die einen ist Berlin eben ein Dorf, für die anderen Großstadt. Ich zum Beispiel genieße die Großstadt, ich mag es, dass ich hier anonym sein kann. Aber ich verstehe auch das Abwehrverhalten Alteingesessener, für die das hier seit Jahren eben ein Dorf ist, mit einer eingeschworenen Gemeinschaft. Nur steht mit einem Mal nach der Wende das halbe Dorf leer, und in diese leere Hälfte fällt eine Horde Fremder ein, die sich nicht im Geringsten um gewachsene Strukturen schert, sondern diesen Ort sowieso nur als Durchgangszimmer betrachtet. Und wir, (er meint uns beide), wir sind auch nicht anders, wir sehen uns für den Fall der Fälle schon mal Wohnungen im Wedding an und haben kein Interesse daran, uns einen Kontext aufzubauen, der uns hier hält. Naja“, fügt er feixend hinzu, „das ist bei dir ja jetzt vielleicht anders, so mit Kind.“
„Annett Gröschner sagt: „Mein Prenzlauer Berg ist nicht dein Prenzlauer Berg“. Daran muss ich öfters denken. Wenn sich hier im Café Bohème die älteren Herrschaften unterhalten, (das Bohème ist ein Nachbarschaftshilfeprojekt, weswegen da auch immer ältere Herrschaften anzufinden sind) –dann sagen sie nicht etwa: „da, wo jetzt der Lidl drin ist“, sondern: „da, wo dann das Fahrradgeschäft reingekommen ist, nachdem der Kohlehändler in die Jablonski gezogen ist“, und so weiter. Die haben sich ihren Ist-Zustand vor 20 Jahren eingefroren.“
„Wenn alle mal losgehen und bei jemand Fremden klingeln würden, das wäre was“, sagt er irgendwann. Ja, das wäre was.

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