Noch 145 Tage und schon 52 Kaffees: Sonja und (später) Johannes.

„Ich weiß nicht…“, Sonja zögert, ob sie mich reinlassen soll, „ich wohne hier noch bei meinen Eltern und die sind nicht da…“ Macht doch nichts! Ich lächle möglichst vertrauensselig. „Ach, was soll’s, komm rein.“ Juchhu! Sonja führt mich am Zimmer ihrer Eltern vorbei durch ihr Berliner Zimmer (Bücher und Keyboard) hindurch in die Küche.

„Ich kann uns sogar Milchschaum machen“, sagt sie und schäumt schon fröhlich drauf los. An der Wand hängt eine kunstvoll lasierte, gerahmte Kachel, die ständig meinen Blick fängt. „Die ist von meiner Mama. Und die Schale und die Vase und der Krug auch.“ Sonjas Mama wusste schon in der Schule, dass sie mal was mit Keramik machen will, „und das macht sie seither und es ist genau ihr Ding. Manche wissen einfach schon von Anfang an, was sie werden wollen.“ Sonja ist sich da noch nicht so schlüssig.

Sie spielt nicht nur Klavier, mag Theater und hat Deutsch als Leistungskurs, sie will auch nach dem Abitur erstmal ein freiwilliges soziales Jahr machen, irgendwas mit Kindern und Jugendlichen, aber wo, das weiß sie noch nicht. Frankreich steht zur Auswahl, aber auch Argentinien, China oder die Türkei. Ich staune. Ganz schön vielseitig, die kulturelle Interessenlage. „Ja“, sie seufzt, „genau das ist ja das Problem… Ich interessiere mich einfach für so viel! Da ist es schwer, sich für etwas zu entscheiden! Und ich kann mir außerdem überhaupt nicht vorstellen, etwas 30 Jahre lang zu machen!“

In dem Moment kommt Johannes nach Hause, Sonjas Papa. „Aha“, sagt er auf meine Erklärung, was ich hier in seiner Küche suche, „das interessiert mich, aber sag, können wir das vielleicht vertagen? Zum Thema Gentrifizierung und Menschenschlag hab ich einiges zu sagen, das betrifft mich richtig -  aber jetzt muss ich nämlich Essen kochen und überhaupt und außerdem…“ Oh, ich bin schon am Aufbrechen, beteuere ich – aber dann setzt er sich doch noch schnell mit an den Tisch. „Ich bin Ossi, meine Frau ist Wessi, und ich wohne hier im Prenzlauer Berg schon seit den 90ern. Ich bin während der ersten Modernisierungswelle, der Ostmodernisierungswelle, hier in die Wohnung gezogen.“

„Es setzt hier in der Straße so ein Verfremdungseffekt ein“, erzählt er, „dass ich mich hier gar nicht mehr zuhause fühlen mag. Und zwar erst seit einem halben Jahr, vielleicht einem Jahr – nicht länger. Das Publikum hat sich in dieser kurzen Zeit derart verändert, dass ich das Gefühl habe, der rote Faden ging verloren. Das konnte man richtig mitverfolgen, wie das Geld langsam vom Kollwitzplatz aus hier herunter tröpfelte.“

„Ich habe mich selbst im Verdacht, dass es natürlich auch mit der eigenen Finanzlage zusammenhängt: wenn es nach unten geht, bemerkt man erst, wie es bei anderen nach oben geht. Das ist dann die Unterscheidung, ob man Latte Macchiatto trinkt, oder einfach nur einen schwarzen Kaffee.“ Herrje, zum ersten Mal wird mir bewusst, dass das LatteMacchiattoTrinkerKlischée natürlich eine Frage des Geldes ist, und nicht eine Frage des Geschmacks. (Ich fühle mich sehr LatteMacchiatto. Aber nur kurz.)

„Meine Frau ist grad oben auf der Dachterrasse und versorgt als Urlaubsvertretung fremde Blumen. Also, so ein Dachausbau, so eine Terrasse…“ Würden wir schon nehmen, oder? führe ich seinen Satz weiter. „Ach, so ein Balkönchen“, schwärmt er, „auf das man wenigstens einen Schritt ins Freie machen könnte, würde mir ja schon reichen, meine Ansprüche sind da nicht hoch. Aber bei der Modernisierung auf Ostniveau wurden keine Balkone angebracht, weil der Besitzer damals nur möglichst schnell möglichst viel Cash machen wollte – kaufen, modernisieren, verkaufen – der hat sich ja nicht mal ins Grundbuch eintragen lassen! Und was interessiert ihn da das bisschen Mieterhöhung, das er für einen popligen halben Quadratmeter mehr Wohnfläche verlangen könnte, nach so einem Balkonausbau? Nichts. Also gab’s nur einen saftigen Aufzug fürs Vorderhaus.“

„Und in der Bernauer Straße, jetzt, wo die vielen freien Flächen sind, oder vielmehr: waren, bis vor kurzem – da werden die Neubauten nur so hochgezogen. Und alle für die gehobene Mieterstruktur, den einfachen Arbeiter als Mieter will niemand haben, die wollen alle nur das Maximale an Mieten rausziehen. Deswegen überall nur noch Luxusbauten und Luxussanierungen.“

Und dadurch verändert sich natürlich auch der Menschenschlag. „Der Blickkontakt auf der Straße wird anders, so westdeutsch: man wird erstmal gemustert, in welcher Einkommensklasse man sich wohl bewegt. (Alexander hat das auch so beschrieben, erinnere ich mich. Muss wohl was dran sein.) Das gab es früher einfach nicht. Da war Gleichheit, und alle trugen das Gleiche. Nix mit taxieren. Und dann: es wird auch nicht mehr im Treppenhaus gegrüßt.“ Und woran liegt das, deiner Meinung nach? Am Wessi? Am Geld? Oder einfach nur an Zwotausendelf? „Das mag am kapitalistischen System liegen, und das kommt ja aus dem Westen, andererseits geraten aber auch immer mehr Ossis in diesen Karrierestrudel, insofern auch an Zwotausendelf.“

„Die Freiheiten werden immer umfangreicher, die Autos werden immer dicker, und auch das geistige Gebiet wird immer größer, im Vergleich zu früher, aber das Soziale wird immer weniger. Und da kommt man langsam in eine Situation, in der man das sozialistische System wieder gegen das kapitalistische stellt – und, so repressiv es ‚damals’ gewesen ist – das heutige System ist ja auf gewisse Weise auch repressiv – es war wesentlich sozialer. Und dadurch scheinen auch die Übel weniger schlimm gewesen zu sein.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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