„Ich wohne zwar in Friedrichshain“, schrieb mir Maria, „aber ich würde dich wirklich sehr gerne einladen. Vielleicht hast du ja Lust, zwischendurch mal einen Blick auf den Gentrifizierungszustand bei uns hier im Kiez zu werfen?!“ Hab ich. Und da ich beschlossen habe, ALLE KaffeeEinladungen, die mir im Lauf der Wette gemacht werden, anzunehmen, mache ich mich also auf den Weg in den Nachbarkiez.
Wahnsinn, denke ich wieder einmal, wie unterschiedlich doch das Lebensgefühl in Berlins Kiezen ist. In Friedrichshain lässt sich an jeder Ecke der Chill, der alte Hallodri, die Sonne auf den Wanst scheinen. Urlaubsgestimmt, grüß ich ihn freundlich.
Maria bloggt alias Mama007 über Kind, Mamasein, Beruf, und Herzensarbeit (zu ihrem Blog geht es hier). Natürlich hab ich ihren Blog voll Neugier gelesen und bin gespannt, wer wohl hinter all dem steckt. Nervös bin ich natürlich auch, als ich zu Maria in die Dachgeschoßwohnung komme – wie jedes Mal, wenn mich schon jemand „kennt“, bevor er mich einlädt.
Aber wieder einmal staune ich. Darüber, wie schnell man auf einer Wellenlänge sein und Spaß haben kann – obwohl wir uns ja überhaupt nicht kennen. Ob daran wirklich nur der Küchentisch seinen Anteil hat? (Meine Theorie von: sitzt man erstmal am Küchentisch, ist es, als hätte man alle vorherigen „Prüfungen“, die man üblicherweise bestehen muss, bevor man an das Herzstück der Wohnung gebeten wird, übersprungen. Das SichVerstehen setzt sozusagen einzig einen Küchentisch voraus). Oder ob es vielleicht doch eher an Maria liegt, die einfach Klasse hat?
Maria hat extra für mich eine Lachs Quiche gebacken. Sieht aus, wie Kuchen, ist aber SALZIG! Oh, Danke, entfährt es mir regelrecht. „Dacht ich mir doch, dass du zwischendurch auch gern mal pikant Kaffee trinkst…“, sagt sie und schaufelt mir schon das erste Stück auf den Teller.
Holzteller, tiefdunkelrotes Holz. Die sind aber schön! „Die haben wir als Abschiedgeschenk aus Bolivien bekommen.“ Marias Mann ist Bolivianer. Zusammen haben sie einige Zeit in abgeschiedenen Dörfern in Bolivien gelebt, um Ausgrabungen zu machen, denn beide sind Archäologen.
Und ich hab mich beim Lesen deines Blogs schon immer gefragt: was macht die wohl, was ist sie wohl?, sag ich. Auf Archäologie hätte ich zwar anhand Marias Bücherempfehlungen kommen können, aber seit es Berthold, (3), gibt, arbeitet Maria in einer Kulturvermittlung in der Kundenbetreuung. „Ich habe einfach meinen Studentenjob weiter gemacht.“ Nach Berthold war Maria zwar noch einige Monate in Bolivien, um für ihre Doktorarbeit weiter Ausgrabungen zu machen, „aber irgendwann stellte sich einfach die Frage: weiterhin nur projektbezogen arbeiten, oder eine feste Stelle und etwas mehr Sicherheit?“
Außerdem fühlte sich für Maria zu diesem Zeitpunkt die Wissenschaft unerträglich nach Ellbogen und Haifischbecken an, „man muss aufpassen, wem man was erzählt, sonst steht es zwei Stunden später als Artikel in einer Fachzeitschrift. Aber das ist nicht mein Verständnis von Wissenschaft, ich will mit Kollegen REDEN können. Wenn ich eine Scherbe finde, die ich nicht einordnen kann, will ich fragen können: hier, schau mal das Foto, was sagst du denn dazu, das ist doch dein Gebiet?“ Als die Uni dann auch noch 400 Euro Promotionssemestergebühr verlangte, für einen Doktorvater, der sich rein gar nicht bekümmerte, entschied sich Maria, den Doktor erstmal ruhen zu lassen. „Aber jetzt habe ich hier diese Unmengen an Daten und irgendwie widerstrebt es mir, dass die so ungenutzt herum liegen sollen. Also hab ich wieder damit angefangen. So weit ich halt komme, neben Beruf und Kind.“
Und, frage ich, um Marias Einstellung herauszufordern, willst du noch ein Kind? „Oh, auf diese Frage reagier ich empfindlich“, sagt sie, „Ich bin nicht der Typ, der unbedingt ein Kind haben wollte, da gibt es andere – und mich nervt dieses Planen von manchen Eltern! Kaum sind die ersten Kinder anderthalb, zack, sind die Mütter schon wieder schwanger. „Das haben wir uns extra so ausgerechnet“, heißt es dann, „damit wir es in einem Aufwasch hinter uns haben“, nämlich die Geschwisterchenproduktion. Weil ein Geschwisterchen so pädagogisch wertvoll ist, fürs „Soziale“. Ich, zum Beispiel, bin Einzelkind – und bin demnach also sozial völlig unfähig.“
Überhaupt, manche Eltern. „Manchmal kriege ich ein richtig schlechtes Gewissen, weil wir überhaupt keine Event Familie sind, sondern die Wochenenden meistens zuhause verbringen, hier, oder auf dem Spielplatz. Und dann höre ich, was die Eltern anderer Kinder am Wochenende alles Großartiges unternommen haben. Und denke mir: wann lernen dann die Kinder, sich mit sich selbst zu beschäftigen? Und was machen sie, wenn sie sich dieses angelernte Evententertainment irgendwann nicht mehr leisten können? Denn es hat ja auch was mit Geld zu tun: am Wochenende fahren wir irgendwo Aufregendes hin, zahlen Eintritt und dann gibt es da Spaß!“
Puh, sage ich, schlechtes Gewissen? Klingt doch ganz schön oberflächlich, mit den Eltern ständig Eventausflüge zu machen, wo man dann, statt mit Freunden durch fremde Gärten zu ziehen, alleine unter vielen anderen, sagen wir mal, Ponys reitet? „Nein“, korrigiert sie mich, „nicht alleine. Dafür gibt’s doch dann das Geschwisterchen.“ Wir lachen.
„Irgendwo haben sie jetzt Symphoniekonzerte für Babies erfunden. Weil jeder weiß, dass die Eltern heutzutage ihren Babies schon von Anfang an alles Mögliche mitgeben wollen, Hauptsache, schön Event und schön pädagogisch. Da bleibt gar nichts mehr übrig, was irgendwann von einem selbst entdeckt werden könnte… Bei mir rufen sogar Leute an und wollen ihr fünf Monate altes Baby mit in den Lohengrin nehmen. „Naja, wissen Sie“, sag ich dann, „Lohengrin dauert fünf Stunden, ich weiß nicht, ob das was für Ihr Baby ist“. „Och“, heißt es dann, „mein Baby schläft viel. Und es mag ja so gern klassische Musik“. Warum legen sie dann nicht einfach eine CD ein, wenn sich das Würmchen denn schon unbedingt mit fünf Monaten Wagner erschließen muss?

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Hihi! Da hast du eine tolle Frau getroffen! Die Einstellung gefällt mir! Perfekt! Auch dein Blog – Wie immer eine bereichernde Abendlektüre!
Liebe Grüße, Maja
danke, Maja!