Noch 142 Tage und schon 54 Kaffees: Caro, Diane und Noah

„Wir haben hier jetzt ne krasse Situation“, ruft Caro von der Wohnungstür aus ins hintere Zimmer, zu ihrem Besuch Diane und deren Sohn Noah (2), „hier ist eine, die…“, will sie schon zur Erklärung ausholen, unterbricht sich aber noch mal, an mich gewandt: „Ach, komm erst mal rein!“

In der Küche halbseitig Kahlschlag, halbseitig Tisch und Regal. „Ich bin vor zwei Tagen erst mit meinem Freund hier eingezogen, deswegen ist hier so ein Chaos. Die Küche hab ich grad selbst rausgebaut, morgen kommt der Boden rein, um sieben in der Früh, kann man sich das vorstellen?! Und mit Gabeln wird’s schwierig“, Caro kramt in der Regalschublade. Ach, ich ess’ eh mit der Hand, sag ich. „Na, dann wir auch!“ verkünden Caro und Diane fröhlich, und Caro versorgt auch den Fenstermaler im anderen Zimmer noch schnell mit Kaffee und Kuchen.

„Was hier in der Wohnung drin ist“, erklärt Caro, „ist von meinem Freund, meine Sachen hol ich erst noch, ich hab tausendmal mehr Zeug.“ Wenn man wie Caro beim Film als Ausstatterin arbeitet, sammelt sich eben das ein oder andere an, ein Konvolut alter Landkarten, zum Beispiel, oder ein überlebensgroßer KarateKid, „ist doch zu schade zum wegwerfen.“ Gerade hat sie aber noch einen anderen Job, einen zum Geldverdienen, sie soll für ein neues Serienformat ehemalige Bewerberinnen von BauerSuchtFrau rekrutieren. „Da höre ich Geschichten!“ lacht sie, und gibt uns gleich ein paar zum Besten. Herrlich.

Noah hat von Caro heute die „Ghettofaust“ gelernt, nämlich das Abklatschen mit der geballten Faust. „Eigentlich mag ich nicht, dass er das macht“, sagt Diane, „jetzt sagt er nämlich die ganze Zeit nur noch Ghettofaust!“ – „Dettofaust!“ kräht es mir auch prompt unter dem Tisch hervor entgegen. (Ich klatsche natürlich ab.)

„Ich hab vorher in Neukölln gewohnt“, erzählt mir Caro, „direkt am Flughafen…“ Wow, sag ich, dann machst du’s ja genau anders rum, alle Welt zieht von hier nach Neukölln, und du, du kommst! „Ja, ich weiß auch, dass ich zwischen die dicken Autos hier nicht hingehöre – aber mein Freund und ich, wir haben vor Jahren schon mal hier oben an der Ecke gewohnt, dann haben wir uns getrennt, und jetzt sind wir aber wieder zusammen gekommen und fast gleichzeitig wurde diese Wohnung von Freunden frei und irgendwie passte da alles zusammen…Obwohl ich schon gesagt habe: ich hier im Prenzlauer Berg? Das ist, wie nen Husky in ne Einzimmerwohnung zu sperren.“

„Was die letzten Wochen in Neukölln passiert ist, ist einfach krass, vor drei Jahren, als ich da hingezogen bin, war noch nichts los – und jetzt verlangen die da Mieten, das ist einfach unmenschlich! Das geht doch nicht! Und die Menschen, die da rumrennen, so viele junge hübsche Mädchen, die aber alle was darstellen wollen, was sie gar nicht sind, nur um in der Hipster Masse mitzuschwimmen, dagegen ist ja an sich gar nichts einzuwenden, gegen Mainstream, aber müssen sie dafür die olle XXL- Strickjacke vom Uropa anziehen und sich so riesige Sonnenbrillen aufsetzen?“

Hier hingegen wirken alle ein bisschen „gesattleter“, „und diese Energie, etwas zu erreichen, erreicht zu haben, oder erreichen zu wollen, die ist hier schon spürbar.“ Aber die Mütter, die Prenzlauer Berg Mütter. „Bei manchen denke ich mir echt: warum hast DU denn ein Kind bekommen? Doch nur, um es auszustaffieren. Und nur das ist noch wichtig, das Muttersein, das Projizieren auf das Kind. Lauter leere Hüllen.

„Da, wo ich herkomme, vielmehr, da, wo meine Oma gelebt hat, gibt es einen alten hohen Turm, auf dem ist ein großes Storchenrad, da haben im Frühjahr immer Störche ihr Nest – und an dem Turm hängt eine so große Keule“, sie breitet die Arme aus, „und dabei steht ein Spruch: „Wer seinen Kindern füttert Brot, und selber leidet dabei Not, den schlage man mit dieser Keule tot.“ Und es stimmt ja auch, was bringt es dem Kind, wenn es ihm gut geht, und die Eltern aber dabei völlig ausgelaugt sind? Weil es für sie nur noch das Kind gibt?“ Leere Hüllen eben. „Du bist eigentlich die einzige Mutter, die ich kenne“, sagt sie an Diane gewandt, „die auch als Mutter noch immer die gleiche ist, wie vorher.“

Diane ist Schauspielerin bei einer bekannten FernsehSoap. Deswegen ist sie nach der Geburt von Noah auch wieder nach Aachen gezogen, zurück in die Nähe ihrer Eltern. Fünf Drehtage die Woche, mit dreimal zwei Wochen Urlaub im Jahr – das wäre ohne Großelternunterstützung nur schwer zu organisieren. „Die Zeit in Berlin war die beste Zeit meines Lebens“, Diane lächelt, „bis Noah kam, jetzt ist ER natürlich die beste Zeit meines Lebens. Aber alles machen zu können, keine Verantwortung zu haben für irgendwas, frei zu sein, das sind die Dinge, die ich immer noch mit Berlin verbinde.“

„Ich glaube“, Caro ist zuversichtlich, „man kann sich hier trotzdem so seine Nische suchen, dass man sich wohl fühlt, und dass sich auch Freunde so wohl fühlen, dass sie zu Besuch kommen. Das ist ja das Wichtigste, dass immer Besuch kommt. Dann kann man sich schon sein Inselchen einrichten. Ich sag nur: Farben gegen Schwaben.“

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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4 Antworten zu Noch 142 Tage und schon 54 Kaffees: Caro, Diane und Noah

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Mara schreibt:

    Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr so recht. War es das flüchtige Lesen? Waren es die Hüllen, die Farben…auf jeden Fall war es das Altkluge, das da `mitklang`.

    Aber gruselig – nein, gruselig war es nicht. Dies nehme ich zurück!

  3. Mara schreibt:

    Gruselig!
    Sicher sehr jung oder älter und naiv.

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