Noch 141 Tage und schon 55 Kaffees: Sophie und Christina.

Als ich gerade an anderer Leute Wohnungstür stehe und mich anbiete zum spontanen Kaffeeklatsch, stapft Sophie an mir vorbei die Treppe hinauf. Das ist mir immer das Peinlichste, wenn jemand, so wie jetzt Sophie, mithört, wie ich über mich, die Wette, und meine dämlichen Kuchen grinsende HeyLosPackenWirsAnZweiDaumenHochPlädoyers halte. „Wie, JETZT?“ fragt die Frau an der Tür gerade, als Sophie auf gleicher Höhe mit uns ist. Heimlich, ohne Aufsehen zu erregen, möchte ich eins werden mit dem senffarbenen Treppenläufer. „Ja, jetzt!“ flöte ich und lächle bejahend, darauf hoffend, dass die Spiegelneuronen der Frau an der Tür das Ihre dazutun werden. Die Spiegelneuronen jedoch haben Urlaub, offenbar, denn das Lächeln der Frau tritt ins Leere und stürzt jäh in die Tiefe. Hastig schließt sie die Tür, die Frau, mit zerborstenem Gesicht. Räusper. Krawatte richt.

Üblicherweise horche ich mit einem Ohr, wo der Vorbeigeher seine Wohnung aufschließt – um mir die Peinlichkeit zu ersparen, dem Lauscher noch mal unter die Augen zu treten, mit meinem offensichtlich bisherigen Misserfolg. Bei Sophie hab ich jedoch nicht richtig aufgepasst. Statt rechts klingle ich links. „Ah!“ sagt sie, (und ich beginne zu schwitzen), „du.“ Ihre Augen blitzen. Sie lacht. „Komm rein.“

Sophie führt mich in die gemütshebend gelb gestrichene Küche. „Das ist hier ne WG“, erklärt sie das Areal um das Spülbecken, obwohl es sooo wege-ig gar nicht aussieht, „und zwar schon seit 1995, das ist vielleicht interessant für dich.“ Von der ursprünglichen Besetzung aber wohnt hier niemand mehr, oder? „Nein“, Sophie lacht, „und ich bin auch erst seit 3 Jahren in der WG.“

„Und“, fragt Sophie, als wir unseren Kaffee vor uns haben, „wie verläuft jetzt so ein Kaffeegespräch?“ Ich zucke mit den Achseln. Prenzlauer Berg ist zwar mein roter Faden, mein Aufhänger, aber weil ich alles auf mich zukommen lasse, sitze ich auch mal drei Stunden und es rinnen die Tränen. „Also wie beim WG- Casting.“ WG-Castings hat Sophie einige hinter sich, schließlich ist das hier ihre fünfte WG. Und warum Prenzlauer Berg? „Ganz einfach, weil ich das WG Zimmer hier bekommen habe. Vorher war ich in Friedrichshain und im Wedding.“ Ich frage natürlich nach dem Menschenschlag hier und da. Sophie zögert. „Ich will gar nicht in diesen Klischées reden“, sagt sie und schielt dabei wohl insgeheim nach meinen Wanzen. Nur zu, ermuntere ich sie, leg los, dafür sind Klischées doch da. „Wedding: Arbeiter, die morgens schon ihr Bierchen in der Straßenbahn zischen, und ausländische Großfamilien, Weißensee (wo Sophie in einem Projekt des Jüdischen Friedhofs arbeitet): Glitzershirt und Basecap, hier: freiberufliche Akademiker.“

„Ich sag nur: Magnet Club, kennt man ja, (der Magnet Club musste, wie einige andere Clubs im Prenzlauer Berg, wegen Lärmbelästigungsklagen von Neuzugezogenen schließen bzw. umsiedeln), bezeichnenderweise ist da jetzt der Bio Supermarkt drin.“

„Ansonsten fällt mir an Veränderungen auf, dass jetzt auch die Flächen um die Bäume herum bepflanzt werden, das ist auch neu. Vor einem halben Jahr hat sogar der Späti vor seinem Schaufenster Rollrasen ausgelegt, und so ein rot-weißes Absperrband drum gezogen. Damit der Rollrasen anwachsen kann. Sah ganz schön komisch aus.“

Mitbewohnerin Christina gesellt sich zu uns. „Ich wusste erst nicht, ob ich mit nassen Haaren reinkommen soll…(sie kommt frisch aus der Dusche). Dann dachte ich: ach, den Besuch kenn ich doch sicher eh. Und jetzt so was!“

„Gegenüber steht ein Gartenhäuschen auf dem Dach“, erzählt sie, „da denke ich mir immer: was muss das für eine krasse Wohnung sein, wenn die sich ein Gartenhäuschen auf die Terrasse stellen?“

Christina ist Schwäbin, macht in Berlin ihre Weiterbildung zur Psychotherapeutin und muss ein bisschen kramen, als es um ihre Wahrnehmung von Gentrifizierung hier im Kiez geht. „Magnet Club! Kennt man ja.“ – „Das kennst du, weil ich wochenlang von nichts anderem geredet habe!“ lacht Sophie, „weil ich mich da wirklich drüber aufgeregt habe.“ –  „Na gut“, gibt Christina zu, „über Gentrifizierung hab ich mir noch nicht so Gedanken gemacht. Mein Freund hat anfangs im Wedding gewohnt, und ich hab mehr oder weniger bei ihm mitgewohnt, das Berlin, das ich kannte, sah also aus, wie der Wedding. Bis wir eines Tages über die „Böse Brücke“ sind und im Prenzlauer Berg landeten. „Oh“, staunten wir, „hier ist es aber schön, hier wollen wir hin.“ Hier ist alles so schön sauber – also, für Berliner Verhältnisse.“

„Willst du denn noch das Gartenhäuschen sehen?“ fragt mich Christina, bevor ich gehe, und führt mich auf den Balkon. Aha, konstatiere ich mit geübtem Blick, das ist eine Sauna. Erkenn ich am Feuerholz, das da gestapelt ist. „Vielleicht kannst du da ja mal klingeln, würd mich interessieren, wer da wohnt!“ Mach ich.

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 141 Tage und schon 55 Kaffees: Sophie und Christina.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Anonym schreibt:

    Einen fiesen Kommentar kann ich mir nicht verkneifen. Es ist früh morgens und der Magen knurrt, das macht boese. Und hier ist er:
    Ein Tourist auf Malle sagte im TV auf die Frage, was ihm hier so gefalle: “hier ist alles wie in Deutschland (Currywurst, Bier, etc. Anm. der Verfasserin)- nur mit Sonne.”

    Der Preis dafür, dass der Prenzlauer Berg so schoen sauber ist, ist sein Reiz, seine Seele. Solche Saetze (“hier ist alles so schoen sauber – fuer Berliner Verhaeltnisse) sind die Gentrifizierung. Da haben wir sie. Grrr.

  3. Penelope schreibt:

    Na ja, so ganz wohl ist mir ja nicht bei diesen gehäuften schwäbischen “Klischees”…

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