Noch 140 Tage und schon 56 Kaffees: Andrea

Heut hab ich nur wenig Zeit, denn wir sind bei Freunden geladen und hätten eigentlich schon vor einer halben Stunde losfahren sollen. Der Mann ruft schon zum zweiten Mal an, um mich an die Abfahrtszeit zu erinnern. (Ja, ich weiß, ich komm und komm einfach nicht früher los, was soll ich machen.) Ich glaube aber fast, mein Zusatz heute an der Gegensprechanlage (IchHabAberNurNeHalbeStunde,WeilAllerspätestensUmViertelVorMussIchWohin) war ausschlaggebend dafür, dass mich Andrea reingelassen hat.

Andreas Tochter schläft im Nebenzimmer. „Wir sind gerade in der Kitaeingewöhnungsphase, und sie will in der Kita keinen Mittagsschlaf machen. Dann werde ich immer angerufen, dass ich sie abholen soll.“

Andrea ist Archäologin, und wohnt mit Mann und Tochter in einem Wohnprojekt einer ehemaligen Hausbesetzergemeinschaft.

Das merkt man an der Art, wie das Haus in Beschlag genommen wird, so, als würde eben alles auch den anderen gehören. „Wenn wieder mal einer seiner Sachen auf dem Gang stehen lässt, zum Beispiel, weil er seit Monaten irgendwas selber saniert – und dann kein Platz da ist, wo man den Kinderwagen hinstellen kann. Man fühlt sich manchmal wie in einer Zweiklassengesellschaft: die Mieter und die Eigentümer.“ Andrea lacht. “Klar, wenn man seine Sachen schon seit zwanzig Jahren so macht, wie man sie eben macht, dann man natürlich nicht erpicht darauf, dass auf einmal andere kommen, und darin rumstochern.“

Warum habt ihr euch denn für ein Wohnprojekt entschieden, frage ich. „Haben wir gar nicht!“, antwortet sie, „wir suchten nur einfach dringend eine Wohnung!“ Als Andrea noch schwanger war, lebten sie und ihr Mann auf 52 Quadratmetern, unweit der Immanuelkirchstraße. „Es war so unglaublich schwer, eine Wohnung zu finden! Auf jeder Wohnungsbesichtigung hundert Bewerber, und so teuer. Und dann haben wir zufällig erfahren, dass hier jemand auszieht. Das haben wir dann ganz schnell geregelt – und zwar schon Monate im Voraus. Das sind zwar sechs Zimmer – eigentlich viel zu groß für uns – aber vier Zimmer gibt es praktisch keine mehr, na, und die Miete war genauso hoch, wie wir sie woanders für gerade mal ein bisschen mehr als die Hälfte der Fläche zahlen würden.“

Andrea ist dabei, Familie und Karriere unter einen Hut zu kriegen. Wir unterhalten uns darüber, wie schwer das auch (und gerade!) gesellschaftlich ist. “Das schaffst du eh nicht”, heißt es dann – und seltsamerweise meistens von älteren allein stehenden Frauen ohne Kinder. Die sind es dann auch, die einem Steine in den Weg legen wollen. Als hätten sie sich etwas zu beweisen.”

Ich muss los. „Also, auf längere Sicht seh ich uns nicht hier leben“, steckt Andrea mir noch, (auch wenn sie seit dem halben Jahr, das sie jetzt hier wohnen, schon mit der halben Straße bekannt ist und sogar schon mal die Straßenseite wechseln muss, um ohne Schwätzchenverzögerung von A nach B zu kommen), „an und für sich sind die Leute hier ja nett, aber ich bin dann doch manchmal einfach ganz schön genervt von den Müttern.“ Oh, die Mütter, die Prenzlauer Berg Mütter, diese scheuen Einhörner. Was sind sie denn für dich?

„Na, die tun so, als wäre ihr Kind das einzige Kind auf der Welt und können es überhaupt nicht richtig einordnen, dass es das Normalste auf der Welt ist, ein Kind zu haben. Wirklich (fast) JEDER hat ein Kind.“

“Und wie man hier auf dem Spielplatz verächtlich angesehen wird, wenn man da mal eine Zigarette raucht! Ist ja nun nicht so, dass ich Kettenraucher wäre oder meine Kippe im Sand ausdrücke, nein, ich will nur abseits mal eine Zigarette rauchen! Dann schauen mich alle anderen Eltern an, als wäre ich der allerletzte Kinderschänder!”

„Und die Kinder von Prenzlauer Berg Müttern dürfen alles. Ich hab da richtig meine Probleme, wenn ich mit solchen Kindern zu tun habe, ich muss mich dann immer zusammen reißen, um nichts zu sagen.“ Na, da wirst du ja einiges erleben, jetzt, seit du mit den KitaEltern zu tun hast, sag ich.

„Ach nein”, lachend winkt sie ab, “mit unserer Kita hatten wir Glück, wir haben nämlich einen Platz in einer bekommen, die JENSEITS der Danziger Straße liegt. Da sind die Eltern einfach normal. Die sind da Optiker, Drogisten, oder auch einfach Verkäuferin.“

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hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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