Noch 133 Tage, schon 58 Kaffees: Heiko.

Heiko ist mitten in einem Telefonat, als er mir, schwäbisch ins Schnurlose schwätzend, die Tür öffnet und durch ein Augenzwinkern zu verstehen gibt, dass es sich nur noch um ein Sekündchen handeln kann. Ich zwinkere zurück und warte das Sekündchen ab. Beäuge dabei interessiert (ah, DAS ist ja eine beäugenswerte Teppichläuferleiste da, dritte Stufe von oben) alle möglichen Details des Treppenhauses, um Heiko ja nicht anzuglotzen und dabei fordernd oder aufdringlich rüber zu kommen. Im Laufe des Sekündchens aber entspanne ich mich, was das Rüberkommen betrifft. Denn: so lange, wie mich Heiko jetzt schon an seiner Schwelle wartend Heimatschnack mithören lässt, KANN er mich gar nicht mehr NICHT in seine Wohnung lassen. (Telefonier also ruhig.)

Heikos Küche ist bunt, fröhlich, die Wände grün und gelb, an einer hängen viele kleine bunte Tonkrüglein, jedes an seinem Nägelchen, in Formation – der mexikanische Einschlag geht zurück auf Heikos Freund, der Mexikaner, aber leider gerade an der Ostsee ist, auf dem Papiertheatertreffen in Preetz. Papiertheater? Oh, das interessiert mich, sage ich. „Na dann komm doch nächste Woche vorbei“, lädt mich Heiko sofort ein, „er wollte hier in der Wohnung für ein paar Freunde eine Privatvorstellung geben, bist herzlich willkommen.“

Heiko ist Regisseur und Videokünstler und kommt gerade von einem Projekt aus Kalkutta zurück, einer NewYorkBerlinKalkuttaKooperation, die dort jetzt durch die Lande tourt. „Kalkutta war: fremd, Berlin ist ein Kurort dagegen, so viele Menschen, die da auf der Straße leben – abends geht man dann durch deren Schlafzimmer.“ Heiko erzählt von dem Projekt, in dem er sich – eine Hauptschlagader seiner künstlerischen Arbeit – mit Frauenbildern und starken Frauen auseinander setzt, einem Thema also, mit dem er sich ziemlich auf Tabuterrain begeben hat, in einem Indien, in dem es als ungehörig gilt, auf der Bühne auch nur einen nackten Knöchel zu zeigen. Weil Heikos Frauen Kleider trugen, die etwas übers Knie gingen, und eine Prostituierte über ihren Arbeitsalltag berichtet, dass sie freier und selbstständiger leben könne, als die meisten verheirateten Frauen, wurde auch schon eine (privat gebuchte) Aufführung abgesagt. (vom Bucher natürlich).

Die Milch kocht über, wir stellen fest, dass wir beide nur Milch auf einen Herd zu stellen brauchen, um zuverlässig die folgenden zehn Minuten nicht an „Milch auf einem Herd“ denken zu müssen, Heiko zündet uns ein Kerzchen an, ich bewundere die aufgemalte Schwarzwälder Kuckucksuhr über der Tür (einzig das Ziffernblatt ist 3D und „echt“), entschuldige mich für meinen ollen Marmorkuchen, der wieder einmal nicht gebacken, sondern bequemlicherweise schnöde gekauft ist (das Rausklettern aus dem KlingelMotivationsSumpf war schon mühsam genug) – woraufhin Heiko in seinem Kühlschrank kramt: „Warte, ich wollte dich eh schon fragen, ich hab hier von einer russischen Freundin so selbstgemachte russische… Cream Puffs würde man jetzt in New York sagen, die krieg ich allein nicht weg.“ Mmh! Wir futtern also delikate JohannisbeerCreamPuffs, (Marmorkuchen ist dagegen Ohrenschmalz) und unterhalten uns über alles Mögliche.

Zum Beispiel über Klischées: Du bist ja auch eins, sage ich, du als Schwabe. „Weit besser“, lacht er, „ich bin Porno Hippie Schwabe. Als ich hergezogen bin, gab es eine Serie mit Plakaten: „Porno Hippie Schwabe, go home!“ War ziemlich gut gemacht, so im Seventies Sex Style.“ Und wie war’s, das so zu lesen? „Ach, ich hab mich amüsiert.”

“Und, ehrlich gesagt, ich fand es schlimmer, Deutscher auf der Welt zu sein, als Schwabe in Berlin. Deswegen hab ich mich auch auf den Weg nach New York gemacht, ich wollte die jüdische Kultur kennen lernen.“ Heiko lebte zehn Jahre in New York, wo er Filmregie studierte. Als er wiederkam, fiel ihm auf, dass die Gentrifizierung hier wesentlich schneller Einzug hält, als beispielsweise im East Village, dass das Lebensgefühl im Prenzlauer Berg fast das gleiche wie in New York ist, und dass „hier viele „ErsteWeltAusländer“ – (er naserümpft über diesen Ausdruck) – leben, also eben nicht nur Ausländer aus nur ein oder zwei Ethnien, wie beispielsweise in Neukölln oder im Wedding.“

Wir nehmen den Bogen über Globalisierung und Nachhaltigkeit („Beispiel Indien. Warum alle der Meinung sind, unser Wertesystem mit dicken Autos und Geld unbedingt auf China oder Indien übertragen zu müssen. Vieles, wie es dort gemacht wird, ist besser.“ Er zeigt mir ein Tonschälchen. „Eine Einwegtasse. Darin trinkt man seinen Chai und wirft sie dann einfach auf den Boden, wo sie zertrampelt wird und nach und nach wieder das wird, was sie war: nämlich Erde. Nichts von wegen Papier oder Plastik.“) und kommen wieder bei der Immanuelkirchstraße raus, da, wo sich Erscheinungsbild und Ladenstruktur verändert haben.

„Dieser Esoladen, zum Beispiel.“ Im Schaufenster des neu eröffneten Esoladens hängen bunte Tücher und handgemalte verschnörkelte Plakate, auf denen eine „Hüterin der Quelle von Limurien“ zur „Begegnung“ einlädt. „Ich frage mich, wer den Mumm hat, hier in dieser Straße so etwas zu eröffnen? Ich hab mir schon so oft vorgenommen, zu einer der Einführungsabende zu gehen, um mir das mal anzuschauen.“

Schöpfe deine Einhornenergie??? frage ich. „Unbedingt! In New York gibt es soo viele solcher Läden, Esoterik hat da gar nicht diesen Stempel, den es hier hat, da ist es praktisch das gleiche, als würde man zum Psychotherapeuten oder in den Waschsalon gehen. Und ich finde, das ‚Andere’, das ‚Absonderliche’ sollte viel mehr unterstützt und gewürdigt werden.“ So hab ich das noch nie gesehen, als Studienobjekt sozusagen, du hast absolut recht! „Dann lass uns mal zusammen hin gehen.“ Oh ja! „Wir müssen nur aufpassen, (noch ein Augenzwinkern), dass wir nichts unterschreiben!“

(an Heiko: Hast du es auch gelesen? Mittwoch ist Tag der Offenen Tür.)

Über rotkapi

hinterhausbewohnende, kuchenbackende und neugierige prenzlauerbergerin mit süddeutschem migrationshintergrund
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3 Antworten zu Noch 133 Tage, schon 58 Kaffees: Heiko.

  1. Pingback: Ihr ward wunderbar. (das offizielle Ende). | hausbesuchwins

  2. Penelope schreibt:

    Jep! Sympathischer Schwabe *-* – „ErsteWeltAusländer“ – neues Wort gelernt ;-)

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