Als ich bei Thomas rauskomme: auffällig viel betuchtes Volk tummelt sich vor SaunaAufzugSüdterrasse. Aha, denke ich, als ich das zur Krone geflochtene Grünzeug entdecke, das oben an einem Strick baumelt: Richtfest. Geht wohl dem Ende zu, das Bauvorhaben. Ob ich mich, unter das Völkchen gemischt, ein bisschen umsehe? Lust hätt ich schon, aber an den zwei Stehtischbewachern mit ihren Gästelistenstrichlein werden wir wohl kaum vorbeikommen, meine Gummistiefel und ich… Was solls! Dann eben ganz was anderes. Klingel ich beim Swinger Club. (Wo ich schon einmal beim Gewerbetag bin heute.)
Bianca steckt ihren Kopf durch den Türspalt. Ich preise wieder diesen… KUCHEN. „Wir sind aber ein Pärchenclub“, wendet Bianca ein. Das weiß ich doch, sag ich. (also, vom Schild her weiß ich es.)
Fliesenboden, Betten, Palmen, ein bisschen Aktfotografie hinter Glas, hie und da. Ziemlich unaufregend. Bianca führt mich an die holzüberdachte Hausbar, die im schummrigen Halbdunkel liegt, weil die Rolläden unten sind (eigentlich sind sie sogar oben, halb zumindest, zum Lüften, denn Bianca reinigt gerade durch, aber das HausbarZimmer hat keine Fenster), macht mir zwischen all den Spirituosen einen Kamillentee und schneidet sich ein dünnes Scheibchen Kuchen runter. „Ich muss noch Abendessen, ich bekomm heut von einem älteren Herrn, den ich immer zum Grab seiner Frau begleite, weil sonst keiner Zeit hat, Krautwickel gekocht.“ Im Leben jenseits der Rollläden ist Bianca nämlich Altenpflegerin.
Bianca ist leutselig. „Kannst schon deine Fragen stellen!“ sagt sie und steckt sich eine Zigarette an.
Na, mich interessiert natürlich, ob sich die Veränderung der Straße auch hier bemerkbar macht, in den sieben Jahren, die du den Club hier schon kennst. „Oh ja!“ Bianca nickt nachdrücklich, „oh ja! Seit drüben gebaut wird (SaunaAufzugSüdterrasse), kommen viel weniger Gäste.“ Ah, wie das?, frage ich und wittere mit meiner herkömmlichen Phantasie irgendetwas in Richtung „Alteingehockte Szene vs. Geldzuzug“- Scharmützel.
„Na, weil die Gäste nicht mehr parken können“, antwortet Bianca und ich muss über mich schmunzeln, „in die Tiefgarage da hinten kommen sie nicht mehr rein und den dunklen Weg zum Parkplatz will keiner gehen, vor allem allein als Frau schon nicht, da wird man sonst leicht überfallen.“ Ich zieh meine Augenbrauen hoch. „Ja! Du glaubst ja nicht, was hier für ein Gesocks rumrennt! Das möchte man gar nicht meinen, wenn man die schicke Straße sieht, was?“
„Na, und seit es die Parkuhren gibt, kommen auch weniger Gäste.“ Das kann doch keine Frage von Parkgebühren sein, oder? „Doch“, Bianca zuckt die Achseln, „man spürt ja sogar, wenn im Januar die Steuerrückzahlungen fällig sind. Und schau, wenn man allein kommt, also nicht als Pärchen, dann zahlt man schon 90 Euro Eintritt.“ Mir bleibt die Spucke weg. Neunzig Euro Eintritt? „Naja, da sind aber Getränke inklusive und Sauna und Buffet… Der Chef kocht selber!“
Aber um den Erhalt des Clubs braucht man sich keine Sorgen zu machen, sagt Bianca, vor allem, seit ein Pärchen montags immer den Club mietet, um mit Freunden private Herrenüberschußpartys zu feiern. Sicherheitshalber frag ich nach. Herrenüberschußparty? „Gang bang.“ Ah. „Ja, an so einem Abend würde ich jetzt einer Frau, die vielleicht nicht so sehr drauf steht, oder zum ersten Mal in einen Pärchenclub geht, auch nicht unbedingt empfehlen, zu kommen.“ Sonst aber gilt: Alles kann, nichts muss.
Und welche Schichten kommen so?, frag ich, noch immer auf der Suche nach den Spuren der Gentrifizierung. „Das sieht man nicht, die haben doch keine Kleider an.“ Ach so, ja klar, äh, alle nackt? (Herrje, ich kenn mich ja wirklich gar nicht aus). „Nee! Das will man ja bei einigen auch gar nicht sehen! Die Frauen tragen Dessous, und die Herren, naja, meistens Handtücher, aber Liebestöter sind auch einige dabei…“ Kann nicht sein, sage ich. „Oh doch“, beteuert Bianca, „allein die Ehemänner schon…“
„Aber die Gäste kommen sowieso von überall her, sogar bis aus Rostock und Leipzig“, erzählt Bianca, (naheliegend, eigentlich, wieso sollten sie auch aus der Nachbarschaft sein. Oh Swingerclub, du von gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen doch so herrlich unbehelligte Zone), „irgendwann kennt man sich einfach von anderen Clubs. Ich hab mich mal umgesehen, interessehalber, da sind ein paar ganz schicke dabei, da ist das Ambiente ein ganz anderes, als hier… Der neue Besitzer steckt hier nämlich leider kein Herzblut mehr rein, der macht das hauptsächlich aus Eigennutz, obwohl man doch als Chef nicht im eigenen Club… Ich finde, das geht nicht, aber auf mich will er ja nicht hören. Sexsucht nennt man sowas.“
„Naja. Jedenfalls kommen, seit der Besitzer gewechselt hat – ich bin nicht ausländerfeindlich!“, betont sie noch extra, „…viel mehr… Ausländer…, gut, ich sag’s, wie’s ist: viele türkische Männer. Und das verändert das Klima hier schon sehr, dieses Machogehabe. Die gehen einfach davon aus, dass eine deutsche Frau, die hier drin ist, machen muss, was sie wollen, wenn sie hier sind. Aber ein Nein ist ein Nein. Wir sind doch hier kein Puff!“
„Mach mal das Foto von der Seite“, fordert mich Bianca auf, als ich das IchWarHierFoto von ihr machen will, „von der Seite sieht man die Narben nicht.“ Narben? Wow, wo hast du dir die denn zugezogen? „Die hat mir ein türkischer Mitbürger verpasst, als er einen älteren Herrn angegreifen wollte und ich mich eingemischt hab. Leider hab ich nicht mitbekommen, dass er ein Messer zückt. Naja, danach war ich meinen Job los, weil ich mit der Hand hier nicht mehr gut greifen kann. Aber er hat wenigstens auch gut eingesteckt: ich hatte so hohe HighHeels an, (sie zeigt zwanzig Zentimeter), die hat er ein paar Mal so rein bekommen, dass er geblutet hat.“ Jawoll.

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Super!!! Wie mutig, überhaupt bei einem Swingerclub zu klingeln, wow!!! >LG, Jennie
An dem Club bin ich schon sooo oft vorbeimarschiert und dachte jedesmal: wie sieht’s da wohl drin aus?
Ach, man sollte viel öfter einfach mal klingeln…
(Allerdings bin ich schon froh, dass es nicht grade ein Montag war, an dem ich geklingelt hab..)
liebe Grüße!